Dienstag, 16. Juni 2026

 NEUGIER


Von Vreni Indlekofer

 

Gibt es wohl Menschen, die gar keine Neugierde verspüren? Ich selbst habe gemeint, ich sei nicht neugierig, doch merke ich, dass immer wieder eine Neugierde in mir hochsteigt. Die erste Neugierde, an die ich mich erinnern kann, war wohl die Folgende:

Als kleines Kind stand mein Bett direkt an der Wand zum Schlafzimmer der Eltern. Immer

wieder konnte ich vernehmen, dass ein leises Stöhnen zu mir hinüberdrang. Ich hatte Sorgen, dass es den Eltern an irgend etwas fehle, aber das Stöhnen war nicht schlimm anzuhören. Es kam eher fröhlich zu mir hinüber. Als ich dann nach einiger Zeit meine Schwester fragte, ob sie das jeweils auch höre, bejahte sie meine Frage. Aber genauere Antwort darauf bekam ich keine, sie schwieg. Heute weiss ich natürlich, was dieses Stöhnen bedeutet hat, und darf darüber glücklich sein.

Eine nächste Neugierde verspürte ich, als meine Schwester etwa in die 7. Klasse kam und es dort einen Jungen gab, der ihr immer wieder den Hof machte. Sie selbst aber verspürte eine grosse Abneigung gegen diesen Jungen. Ich fragte sie mehrfach nach dem Grund für ihre Abneigung, aber sie gab mir nie eine klare Antwort. Da er jedoch nicht locker liess, mit ihr ein Rendez-vous zu bekommen, war plötzlich ich im Mittelpunkt: Sie verlangte von mir, dass ich sie vor dem Jungen beschütze. Eigentlich fand ich ihn zwar sehr nett, aber meine Schwester war mir halt doch noch wichtiger. Also, jedes Mal, wenn er ein Date abmachen wollte, musste ich ihm sagen: «Nein, das geht nicht, dann ist meine Schwester bei meiner Grossmutter.» Wenn er am nächsten Tag wieder abmachen wollte, sagte ich: «Ach nein, das passt nicht, dann gehen wir zusammen nach Zürich.» So log ich das Blaue vom Himmel herunter für meine Schwester, aber oftmals merkte er dann wohl, dass da etwas nicht

stimmen konnte. Er sagte zu mir: «Gestern hast du mir gesagt, es gehe nicht, weil Buti bei der Grossmutter sei. Heute sagst du mir, ihr würdet nach Zürich gehen.» Da antwortete ich: «Ja, natürlich, wir nehmen die Grossmutter doch mit nach Zürich!» So ging das etwa zwei Jahre lang. Heute, 70 Jahre später, haben die beiden wieder Kontakt. Meine Schwester findet ihn nun zwar nett, mehr aber nicht. Bis heute weiss ich immer noch nicht, warum meine Schwester damals nichts von ihm wollte - diese Neugierde wurde nie gestillt.

Was wird wohl meine nächste Neugierde sein? - Das ist meine Neugierde …






Von Doris Plüss

 

Lange grüble ich: Soll ich mit meiner Neugier ins Weltall, ins Meer oder ins Tierreich?

Doch während meine Gedanken kreisen, entdecke ich eines der neugierigsten Wesen, die es gibt. Er stolziert gerade vor mir durch die Stube und beobachtet neugierig seine Umgebung. Ihr könnt Euch denken, es handelt sich um meinen Kater Blacky. 

Katzen sind sehr neugierige Wesen. In der freien Natur gehört es zu ihrem Überlebensinstinkt. Jede Veränderung wird frühzeitig und genau untersucht. Für mich täglich beobachtbar, zeigt sich an ihrer Körpersprache ihre Neugier. Die Ohren und Schnurrhaare sind nach vorne gerichtet und aufmerksam aufs Ziel fixiert. Der Schwanz zeigt aufrecht nach oben. Augen und Pupillen weit geöffnet aufs Ziel gerichtet. 

Nun zurück zu meinem Mitbewohner Blacky, einem sehr neugierigen Wesen. Ich wache frühmorgens meist so ca. um 6 Uhr auf. Das hat Blacky schon verinnerlicht, das weiss er und nützt dies aus. Während der Nacht schläft er zu meinen Füssen und schleicht sich frühmorgens ganz langsam bis vor mein Gesicht. Es wird geschnuppert und die Neugier erwacht: Ist sie schon wach? Reagiert sie, wenn ja wie? Nun, dieses schlaue Wesen weiss ganz genau, auch wenn meine Augen noch geschlossen sind: Die ist wach! Es kommt näher, schubst mit seiner Stirn an meine Nase, und ich öffne die Augen und schaue in ein paar wunderschöne neugierige Augen, die mich fragen: Wann stehst du endlich auf und

wann gibt es endlich was zu fressen! So beginnt unser gemeinsamer Tag.

Jetzt ist es Zeit für die nächste neugierige Phase! Mit hoch gestelltem Schwanz verfolgt er mich in die Küche. Dort setzt er sich erwartungsvoll neben seinen Futterplatz und beobachtet aufmerksam mein Tun. Was gibt es heute?

Nach dem Frühstück geht's – vor allen jetzt in der wärmeren Jahreszeit, wenn die Türe offensteht – auf die Terrasse. Dort wird durch aufmerksames Beobachten der ganzen Gegend die Neugier für den neuen Tag gestillt.  Dann ist Schlaf angesagt! Blacky schnarcht ganz leise und ein Zucken geht durch den ganzen Körper. Träumt er? Und wenn ja, was wohl? Auch die Ohren bewegen sich immer wieder, wie kleine Antennen. Beim für ihn geringsten unbekannten Geräusch, stellen sich diese Ohren und langsam öffnen sich die Augen.

Ist es Neugier oder Achtsamkeit? In der Natur gehört dies zum Überlebenstrieb. Doch in der sicheren Stube vor allem zur Neugier. Auch Verlangen oder sogar Fordern nach Streicheleinheiten und nicht zu vergessen: Gibt es bald wieder was zum Naschen oder ist es Zeit für die regelmässig sichergestellte Fütterung?

Egal, ich denke für eine Katze oder einen Kater besteht ein Grossteil des Lebens aus Neugier!


                            

                                            


Von Randolph Christen

Neugier im Alter verändert sich nicht einfach, sie wandelt ihren Charakter – und ich spüre diesen Wandel in meinem eigenen Lebenslauf. Als Kind war meine Neugier spontan, spielerisch und grenzenlos. Alles wollte ich anfassen, ausprobieren, verstehen. In der Jugend blieb sie lebhaft, aber sie richtete sich stärker auf das unmittelbare Erleben und auf das, was mir gerade wichtig erschien.

Mit den Jahren wurde meine Neugier selektiver und bewusster. Ich merkte, dass sie sich zunehmend an meinen persönlichen Erfahrungen orientierte. Dieser Wandel fühlte sich nie wie ein Verlust an, sondern wie eine Verfeinerung.

Im mittleren Lebensalter richtete sich meine Neugier oft auf berufliche, familiäre oder gesellschaftliche Themen. Sie half mir, Entscheidungen zu treffen und mich in komplexen Situationen zu orientieren. Heute, im höheren Alter, hat sie einen ruhigeren, reflektierten Klang. Ich interessiere mich stärker für Zusammenhänge, für biografische Fragen und für Entwicklungen, die mein Leben begleitet haben. Diese Form der Neugier entsteht aus innerer Motivation, nicht aus äusserem Druck.

Ich erlebe, wie anhaltende Neugier meine geistige Beweglichkeit stärkt und mir hilft, Veränderungen anzunehmen. Sie bleibt ein stabiler Bestandteil meines Lebens – angepasst, gereift, aber lebendig.


 


Von Anita Bigler 


Mit einer guten Portion Neugier bleibt der Lebenssinn erhalten.


Trotz meines Alters bin ich noch immer neugierig und wissensdurstig. Leider wird das Lesen von interessanten Büchern schwieriger und die Museumsbesuche etwas beschwerlicher. Wandern und Reisen im alten Stil kann ich nicht mehr, aber ich kann Bus- und Drämlifahren, mit unserem U-Abo, kommt man recht weit.

Ich sitze also im Drämli und schaue aus dem Fenster, ich bin die Einzige, denn alle anderen starren auf ihr Handy. Ich sehe neue Baustellen, dazwischen leere Schaufenster, wo früher bekannte Geschäfte waren. In grossen Lettern steht da "open soon" was meistens längere Zeit dauert. Ausserhalb der Stadt fährt das Tram oder der Bus durch sehenswerte Landschaften, ich entdecke frühere Wanderwege, woran ich mich sehr gerne erinnere. 

Bald sind in unserer Stadt Schulferien, und in dieser Zeit gibt es in der BAZ wieder die Sommersprossen-Rätsel von Minu. Ich freue mich immer darauf, denn ich suche die Antworten gerne vor Ort in unserer Altstadt. Das ist meistens nicht einfach zu finden, denn Minu gibt sich da viel Mühe, eine versteckte Trouvaille zu beschreiben. Sucht man auf dem einfachen Weg im Internet, lacht ein Smilie statt einer Antwort. Wenn ich Glück habe, finde ich etwas im Buch von Dominik Heitz, dem "Stadtjäger". Jedes Jahr bin ich neugierig auf diese täglichen Rätsel, die ich mit viel Spass zu lösen versuche.





Von Gerhard Bächlin

                              

Ungesunde Neugier oder auch Schnüffeln genannt und die Nase in die Angelegenheiten anderer Menschen zu stecken, ohne daran im positiven helfenden Sinne teilzunehmen. Diese anderen Menschen fühlen sich belästigt und können dann unwirsch reagieren. Dazu passt das Wort KRIEG.

Die gesunde angeborene Neugier hingegen wie beim Kleinkind, das seine nächste Umgebung erfahren, ertasten, erschnuppern will, hilft das ganze lange Leben hindurch, sich auf gesunde Weise weiterzuentwickeln. Dazu passt das Wort FRIEDEN.

 

Zurzeit haben meine Frau Verena und ich die Gelegenheit, unseren einjährigen Urenkel zu erleben beim Erkunden seiner wechselnden Umwelt, zeitweise in Basel, dann von nun an

im neuen Haus in Portugal an der nördlichen Algarve mit Felsküste und Stränden. Eine Freude, zu sehen wie er seine nächste Umgebung ertastet und erlebt. Wohlgemerkt sehen wir das Meiste dann auf Bildern/Fotos, die unsere Enkelin/seine Mama uns sendet. So ist auch unserer Neugier geholfen. Aber wir dürften ihn schon auch in die Arme nehmen. Nun sind wir beide auch neugierig, wie sich dieser Mensch weiterentwickelt. Dank unsere gesunden NEUGIER. 




Von Madelaine Bollinger

 

Ich bin ein neugieriger Mensch. Und das sind wir alle, sonst wären wir nicht hier.

Die Neugier beginnt schon bei der Geburt. Ohne Neugier, keine Fortschritte, kein Lernen. Wie freute ich mich auf die Schule, ich wollte wissen, lernen. Die Neugier begleitet mich bis heute. Meine Bibliothek ist voll von Nachschlagewerken und Wörterbüchern in vielen Sprachen. Auch brauche ich immer noch analoge Landkarten. Ich benütze diese Quellen fleissig, weil ich einfach neugierig bin und wissen möchte. Ganz selten hilft wir auch Google.

 

Nun zur negativen Neugier. Ich verschliesse mich sofort, wenn ich "ausgefragt" werde. Zur Begrüssung gehört ja oft: "Wie geht's?" Eine rhetorische Frage, auf die ich fast immer mit "Gut" antworte. Würde ich "Nicht gut" sagen, wäre mein Gegenüber erst mal überrascht, dann käme das "Warum?". Diese Frage kann ich doch nur beantworten, indem ich mich öffne, mein Leiden preisgebe. Das "Warum" ist die Frage, die mich irritiert, sie ist übergriffig. Und oft möchte der Fragende gar nicht wissen, was mich plagt.

 

Freunde dürfen fragen, der Arzt muss fragen. Fragen dürfen den Befragten nicht in die Enge treiben. Dazu braucht es viel Empathie, so genanntes "Gschpüri". Neugier hat da keinen Platz.

Beispiel einer vermasselten Begrüssung:

"Hallo, geht's gut?"

"Nein, es geht mir nicht gut."

"Aber was hast du? Du siehst doch so gut aus?"

Was antworte ich? Bin ich eine Auskunft schuldig? Ich wechsle das Thema, sofern das geht, und akzeptiert wird.

 

Und nun noch eine kleine Geschichte kindlicher Neugier: Während des Kriegs war da Gas rationiert. Wir durften nur einmal pro Woche baden und zwar am Samstagabend. Die Wanne wurde gefüllt und wir beiden Kinder wurden zuerst geschruppt. Dann war die Reihe an meiner Mutter und zuletzt durfte mein Vater in die Wanne steigen, ins sicher nicht mehr so saubere Wasser. Beim Vater wurde die Türe verschlossen. An der Badezimmertüre befanden

sich ganz unten drei Löcher, damit der Dampf entweichen konnte. Wir zwei Mädchen legten uns nun bäuchlings auf den Boden, um durch die Löcher etwas von unserem Vater sehen zu können, und schrien dann auf vor Freude, wenn Vater aus der Wanne stieg und wir seine Füsse sahen. Wahrscheinlich wollten wir unbewusst (?) etwas mehr sehen.






Von Verena Hess


Meine Mutter hat mir öfters eine kurze Geschichte erzählt, die mir in Erinnerung geblieben und mir sofort im Zusammenhang mit 'Neugier' wieder eingefallen ist: 


Meine Mutter lag im riesigen Gebärsaal des Frauenspitals an der Schanzenstrasse und wartete auf meine Geburt. Damals waren die einzelnen Betten der Gebärenden lediglich durch Vorhänge getrennt, wie heute noch auf der Notaufnahme. Verständlicherweise war meine Mutter sehr nervös, hatte wahrscheinlich auch Angst vor der für sie ersten Geburt. Da hörte sie plötzlich leicht unterdrückte Schmerzensschreie aus der Richtung des rechten Vorhangs. Da meine Mutter eine neugierige Frau war, wollte sie sehen, was da hinter dem Vorhang geschah. Sie schlüpfte vom Bett, kniete sich sehr mühsam hin und versuchte, durch den Spalt unter dem Vorhang durchzuspähen. Just in dem Moment tritt die Hebamme in den Gebärsaal und erwischt meine kniende Mutter; diese zuckt zusammen und schlüpft zurück ins Bett, denn die Hebamme verkörperte damals eine gewaltige Autorität, der sie während der nächsten Stunden ausgeliefert sein würde. Die Hebamme beschimpfte meine Mutter als "neugieriges, junges Ding". Dies ist die Geschichte meiner Mutter, die in mir als sehr anschaulich abgespeichert wurde.


Aber was ist eigentlich Neugier? Zuerst einmal liegt es schon im Wort: Gier nach Neuem. Ist dies nun positiv oder negativ? Was meine Mutter tat, war sicher verständlich, aber auch sehr übergriffig. Wie stets beginnt mich etwas zu interessieren, sobald es um Schnittstellen, Grenzgebiete oder um Grauzonen geht. Nun google ich das Wort 'Neugier' und lande sofort bei K.l. Hat mich da auch Neugier angetrieben und jetzt bin ich schon gefangen? 

Beim Recherchieren stosse ich auf Spektakuläres: Die moralische Bedeutung von 'Neugier' hat sich nämlich im Verlauf der Geschichte radikal gewandelt. In der Antike anscheinend noch Tugend, im christlich geprägten Mittelalter dann Todsünde und Laster, im 16./17. Jahrhundert der grosse Umbruch. Aus Laster wird der Motor der Wissenschaft. Parallel dazu verändert sich auch die deutsche Wortgeschichte: Neugier löst ältere Begriffe wie 'Fürwitz' oder 'Vorwitz' ab, die noch negativ besetzt waren.


Heute ist 'Neugier' neutral, ist eine menschliche Ressource, ein kognitiver Antrieb und ebenfalls ein psychologisches Bedürfnis. Und damit nähern wir uns wieder meiner geliebten Grauzone und siehe da, wer hätte das gedacht: Kl hilft mir weiter.

Neugier bewegt uns vorwärts, ist wie ein erster Impuls, ausgelöst durch z. B. Schreien hinter dem Vorhang im Gebärsaal. Es öffnet einen Raum. Distanz hält uns zurück, wenn Nähe zu schnell kommt. Sie schützt, hilft ordnen, kann Vorsicht, Angst oder einfach Stil sein. Und Nähe entsteht, wenn sie stärker wird als die Distanz, wenn Vertrauen wächst.

Kurz gesagt: Neugier bewegt uns vorwärts, Distanz hält uns zurück und Nähe entsteht genau in dem Augenblick, in dem wir alles gleichzeitig spüren und trotzdem bleiben.





 

 



 

 

  


 

Mittwoch, 13. Mai 2026

 ALLERGISCH


Von Gerhard Bächlin

 

Der Begriff allergische bedeutet einerseits Überempfindlichkeit auf Substanzen, andererseits neurologische oder sensorische Überempfindlichkeit auf Lärm, Gerüche.

 

Mein Körper ist kaum empfindlich auf Substanzen im medizinischen Sinn. Dagegen bin ich eindeutig empfindlich auf Lärm, unangenehme Geräusche und grosse Menschenansammlungen. So war ich auch nur etwa zwei oder drei Mal an einem Fussballmatch, einmal im vollbesetzten Joggeli (das Basler Stadion). Viel lieber bewege ich mich in der freien Natur, lausche dem Vogelgesang, Vogel- und Tierlauten, dem Wind in den Baumkronen, oder dem "Murmeln" eines Bächleins, und atme den Geruch von Erde und Holz. 

Nun zur MUSIK: Die wird ja auch "als Lärm empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden" (Wilhelm Busch). Symphoniekonzerte mit sanften Tönen bis zum kurzen Fortissimo oder Ländler und Jazz, kurz gesagt jede gute Musik kann Balsam sein für die Ohren. Allergischsein auf Geräusche hängt also vor allem ab von Lautstärke und Qualität der Töne sowie vom aktuellen Befinden und Interesse des Hörers ab. 




Von Anita Bigler

 

Meine Jugend in der Gärtnerei war voller Überraschungen, nur die tollen roten Erdbeeren wollten nichts mit mir zu tun haben. Sie dufteten herrlich und schmeckten doch so gut, ich konnte einfach nicht widerstehen, aber sofort bekam ich Nesselfieber mit starkem Juckreiz. Als Mädchen wollte ich diese Sache nicht begreifen, denn alle die ich kannte, assen sie mit Hochgenuss. Also schlich ich mich nachts aus dem Haus und dachte, wenn ich die Erdbeeren im Dunkeln esse, würden sie mich nicht erkennen. Ich glaubte fest daran, aber ohalätz, die Erdbeeren waren zu clever. Jedes Jahr probierte ich es erneut, aber das lästige Jucken liess nicht nach.

 

Später verbrachte ich einmal Ferien in Italien und da verriet mir ein Kellner ein Dessert mit Erdbeeren, das mir garantiert keine Beschwerden mache: Erdbeeren in Scheiben schneiden und eine Nacht lang in Rotwein einlegen, dazu viel Zitronensaft, Nelken und Pfeffer. Das klappte wirklich und wurde in der Erdbeerzeit mein Lieblingsdessert. Zum Rohessen gibt es ja so viele Alternativen wie Himbeeri, Heidelbeeri, Stachelbeeri und Johannisbeeri.

 

Meine zweite Allergie machte sich viel später bemerkbar, als ich meine Reisen in den Norden begann. Ich liebe Fisch und Meeresfrüchte, aber genau diese Meeresfrüchte machten mir das Leben schwer mit starkem Unwohlsein, geschwollenen Händen und Füssen. Mein Arzt erklärte mir, dass sie für mich zuviel Eiweiss enthalten. Aber auch hier gibt es eine gute Nachricht, alle Meerwasserfische kann ich ohne Bedenken geniessen.





Von Vreni Indlekofer

 

Wenn ich dieses Wort schon nur höre, wird mir halb schlecht. Ich reagiere allergisch auf das Wort "allergisch". Das ist meine Allergie, die ich nicht ablegen kann. Besonders allergisch bin ich auf Menschen, welche nur immer zu jammern wissen, ob über Krankheiten oder Mitmenschen. Das können sie nicht zurückhalten, sondern posaunen es täglich in die ganze Welt hinaus.

 

Ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, die hin und wieder etwas zu klagen haben, aber dann könnten sie auch wieder einmal eine positivere Seite aufschlagen. Und dies versuche

ich immer wieder selbst zu tun. Bestimmt finde ich etwas, das zu ihrem Gejammer passt, aber bestimmt gibt es etwas Positives hinzuzufügen. Von meiner eigenen Allergie habe ich gelernt, die positive Seite aufzuschlagen. Auch bei mir gibt es Momente, in denen ich das Gefühl habe, ich halte es nicht mehr aus, aber dann suche ich darin die positive Seite zu entdecken, und plötzlich habe ich das Gefühl, es geht mir gar nicht so schlecht, denn es gibt Menschen, denen es viel schlechter geht.

 

 So denke ich an frühere Zeiten und schon bin ich darin gefangen und schon freue ich mich, dass es mir gelingt zu versuchen, ob es auch im Rollstuhl mit einigen Tanzschritten klappen kann. Oder ich finde ein spannendes Buch, das mir hilft zu fühlen, als wäre ich in einem Museum und könnte die schönen Sachen betrachten. Ich nehme dann eine kleine Keramik zur Hand und drehe sie auf alle Seiten in meinen Händen. Das ist ein herrlich schönes Gefühl.  Vielleicht habe ich auch ein Buch oder sonst eine Kleinigkeit, die ich dem Jammerlappen schenken kann, und ich hoffe, dass er sich daran freut.





Von Randolph Christen

 

Allergische Reaktionen und Autoimmunerkrankungen entstehen durch eine Fehlregulation des Immunsystems. Bei Allergien stuft das Immunsystem harmlose Umweltstoffe als gefährlich ein und löst übermässige Abwehrreaktionen aus. Bei Autoimmunerkrankungen richtet sich die Immunantwort gegen körpereigenes Gewebe und verursacht Entzündungen sowie Funktionsstörungen.

 

Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass frühe Kontakte mit Mikroorganismen das Immunsystem trainieren und das Risiko für Immunerkrankungen senken können. Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, mit Haustieren leben, viele Geschwister haben oder früh eine Kindertagesstätte besuchen, sind seltener von Allergien betroffen. Solche Umwelteinflüsse fördern die Ausbildung einer ausgewogenen Immunantwort.

 

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Mikrobiom, die Gesamtheit der Mikroorganismen, die den Körper besiedeln. Ein vielfältiges und ausgeglichenes Mikrobiom unterstützt die Reifung des Immunsystems und kann Fehlreaktionen vorbeugen. Forschungsergebnisse legen nahe, dass Störungen dieser mikrobiellen Gemeinschaften das Erkrankungsrisiko erhöhen.

 

Übermässige Hygiene und eine zu sterile Umgebung können die natürliche Ausbildung der Immunabwehr beeinträchtigen und damit nachteilige Folgen für die Immunentwicklung haben. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung einer natürlichen Auseinandersetzung mit der Umwelt. Forschung und Prävention zielen darauf ab, die Mechanismen besser zu verstehen und geeignete Massnahmen zur Vorbeugung und Behandlung von Immunerkrankungen zu entwickeln.




Von Verena Hess

 

Ich liebe es ja sehr, aus meinem persönlichen Erleben heraus zu schreiben. Beim heutigen Thema «allergisch» stiess ich jedoch sehr rasch an Grenzen. Natürlich kann ich einiges über meine regelmässig im Frühling auftauchende Pollenallergie, über mein Niesen, meine verstopfte Nase, meine tränenden Augen usw. berichten, was sicher rasch langweilig würde. Ich habe ich noch andere Allergien, so bin ich insgesamt ein recht allergischer Mensch. So bin ich z.B. allergisch auf Bienenhonig von schlecht gefütterten Bienen, ich

reagiere auf Gluten und auf Lactose. All das ist modern. Komischerweise habe ich – seitdem ich alt bin – all das hinter mir gelassen. Andere Themen drängen sich in den Vordergrund, werden dem Alter entsprechend wichtiger.

 

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts tauchen neue Allergien auf, gegen Menschen, gegen die zu erwartende Zukunft, gegen Nachrichten oder Benachrichtigungen. Sobald das Handy

 piepst, beginnt mein Herz zu rasen. Nicht einmal aus Angst vor einer schlechten Nachricht, eher aus Ärger über seichte Werbung oder über einen Newsletter, den man nie bewusst bestellt hat, oder, oder, oder … Ja, in der Technologie bin ich auf manches allergisch, so z.B. auf Updates, die sich mit «Bitte schalten Sie das Gerät nicht aus» ankünden. Da schaltet bei mir eben das Gehirn ab und ich bekomme einen Schweissausbruch. Am stärksten reagiere ich auf Sätze wie: Man sollte produktiv, jedoch entspannt sein; man sollte flexibel, jedoch stabil sein, erreichbar, aber nicht abhängig. Das Wort «Work-Live-Balance» löst einen Ausschlag aus. Ich kenne viele Hyperallergiker, die reagieren auf alles, das nicht in ihr Weltbild passt: auf Wissenschaft, auf Fakten, auf Komplexität. Auch auf die bin ich auch allergisch. Ebenfalls auf Meinungen, die mit «ich habe ein Video gesehen» oder «eine neue Studie sagt» beginnen.

 

Trotz allem gibt es Momente, da denke ich, all diese kollektiven Allergien könnten auch ein Zeichen dafür sein, dass wir noch spüren und reagieren auf eine Welt, die uns täglich reizt. Vielleicht ist das auch nur ein Beweis, dass wir noch am Leben sind. Oder aber das Allergischsein hat etwas mit dem Alter zu tun, was ich weniger toll fände.





Von Doris Plüss

 

Es ist nun 13,8 Milliarden Jahre her, da knallte es – ob es hörbar knallte, das ist noch unklar, doch es war der Urknall, die Entstehung unseres Universums. Später entstanden die Galaxien, Sterne, Planeten und viele andere Himmelskörper aus ganz verschiedenen Materialien und Elementen.

 

Eine dieser Galaxien erhielt den Namen Milchstrasse, an deren Rand sich eine von vielen Sonnen befindet – unsere Sonne. Umrundet von verschiedenen Planeten, einer davon bin

ich, Dein – lieber Mensch - Heimatplanet Erde. An dritter Stelle von der Sonne entfernt, nach Merkur und Venus ein idealer Platz. Genug, aber nicht zu viel Wärme von der Sonne. Auf mir gedeihen seit sehr lange, Zeit viele verschiedene Pflanzen, Tiere und auch Du, Homo sapiens sapiens, hast auf mir Deinen Platz gefunden. Lange, lange Zeit glaube ich, Dir sei bewusst, auf wessen Boden Du Dich bewegst, und welche Stellung Du unter den Lebewesen hast. Ich spende Dir Boden, Wasser, Nahrung, alle Lebensnotwendigkeiten, die Du für ein

schönes, lebenswertes Leben brauchst. Lange, lange Zeit warst Du mit mir zufrieden und ich mit Dir! Du hast dich sogar mit verschiedenen Ritualen bei mir bedankt.

 

Doch! Seit längerer Zeit hat sich das Blatt gewendet. Anstelle von Pflege zum Schutz und Erhalt der Natur, nehme ich immer mehr wahr und spüre ich, dass es Dir nicht mehr reicht. Du willst immer mehr und mehr. Mit Ausnutzung der Natur, mit Krieg und Verwüstung, Vervielfältigung von Techniken eroberts Du mich, Deine Planeten. Ich kann nicht mehr wachsen. Du weichst ja schon zu meinem Trabanten, dem Mond, und meinem Nachbarn, dem Mars, aus. Obwohl ich versuche immer noch mit Ausgleich meiner Möglichkeiten, Dich zu retten, reagiere ich immer mehr – wie Du es nennst – allergisch. 

 

Du bist so ein intelligentes Wesen, wie gesagt, ich war lange Zeit sehr stolz auf Dich. Brauche diese Gabe aber vor allem zum Schutz Deiner Umwelt, vor allem für Deine Nachkommen. Denke daran, meine allergischen Schübe häufen sich. Ich habe genug von Deiner Arroganz mir gegenüber. Ich als Dein Heimatplanet kann auch ohne Dich existieren. Da nützt Dir auch Deine neueste Erfindung namens KI nichts.

 

   

  

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 24. April 2026

                                                                         TRÄUME


Von Gerhard Bächlin

 

Traum = wach gebliebene Zellen (WIKI).

Ein Traum ist das psychische Erleben von Bildern, Emotionen und Szenen während des Schlafs, oft als halluzinatorisch lebendig empfunden.

Träume verarbeiten Tagesereignisse und Emotionen und dauern oft 15 bis 20 Minuten. Sie gelten als veränderter Bewusstseinszustand, der für die Psyche funktional ist.

Nun zum Traum als Erlebnis oder Fantasie.

TRAUM: Als kleiner Bub hatte ich oft eine Art Albtraum, oft denselben, erwachte, hatte Angst, stand auf und holte Trost bei den Eltern.





 


Von Doris Plüss

 

Ich liege im verschiedenen grün gefärbten Gras, umgeben von bunten Blumen, auch die in allen Farben, umschwärmt von farbigen Schmetterlingen, Bienen, Wespen, Fliegen und sogar tummeln sich die verschiedenen Freunde der Biene Maja wie der Grashüpfer Flip, die faule Drohne Willi und viele, viele andere Wesen in Gras. Der Himmel ist wolkenlos blau und die Sonne wärmt mich angenehm. Sogar eine Schildkröte mit einem Frosch auf ihrem Rücken wandert ganz langsam an mir vorbei. In Begleitung von zwei Schnecken. In diese friedliche Stimmung gesellen sich noch BRZPF, die Wichtelfrau aus dem Basler Münster mit ihrem Wichtelfreund. Neben mir liegt mein geliebter Kater Blacky. Es ist alles so friedlich und schön, das kann ja nur ein Traum sein.

            Bewusst wird mir dies, als ich eine menschliche Stimme höre, die spricht von Putin, Netanjahu, von Iran, Irak, von Krieg, von der Meerenge von Hormus, von Benzinpreisen, die steigen und fallen, von einen Trump, der sich plötzlich als heilender Jesus sah. Oh je, ja es scheint ich bin mit meinem Kater vor dem laufenden Fernseher eingeschlafen und habe mich in eine Welt geträumt. Schnell schalte ich diese von Unheil, Krieg und sonstigen weltzerstörenden Mittelungen gefüllte Maschine aus.

            Da kommt mir ein Trösterli in den Sinn! Zwei Hörbücher von Luis Sepulveda sollen mich auf tröstende Gedanken bringen. Das eine: "Der langsame Weg zum Glück", von einer Schnecke, die sich auf dem Rücken einer Schildkröte auf eine lange Reise zur allwissenden Eule machte. Und "Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte". Also zwei Märchen von Tieren, die eigentlich Feinde sind, sich aber in der Not helfen und dabei Freunde werden: Wir sollten uns die Tere zu Vorbildern machen und von ihnen lernen. Doch wahrscheinlich ist und bleibt dies ein unerfüllbarer Traum!





Von Anita Bigler

 

Mit Träumen kann ich nicht viel anfangen, ich finde keinen Zugang zu diesem Thema.

Eigentlich könnte ich etwas Lustiges über meine" Traummänner" schreiben, aber das ist mir zu persönlich, obwohl es mich wirklich zum Lachen und schmunzeln bringt (Heiner Gautschi, Kurt Zurfluh). Aber jetzt: Ich sehe den Film mit Bily Elliot I will dance vom Jahr 2000, da weiss ich sofort: Das war ein sehr grosser Traum!

            Der Film spielt in Nordengland, hier wohnt der 11jährige Billy in einer Backsteinsiedlung zusammen mit seinem Vater, einem Bergbauarbeiter und seinem kräftigen Bruder in sehr einfachen Verhältnissen. Er betreut auch seine alte Grossmutter, weil seine Mutter früh starb. Sein Vater schickt den schmächtigen Billy in die Boxschule, damit er kräftiger wird. Eines Tages übt plötzlich eine Ballettgruppe im gleichen Raum, Billy ist fasziniert von den Tanzbewegungen und geht von jetzt an tanzend durch seine kleine Welt. Aber von da an prallt alles auf ihn ein: Unverständnis, Lächerlichkeit, Hohn und Spott, Verdacht auf Schwulsein und sogar Prügel!

            Aber Billy geht seinen Traum vom Tanzen unbeirrt weiter, dabei wird er von der Tanzlehrerin im Ballett unterstützt, wobei es zu lustigen Verwirrungen kommt. Sie setzen sich gegen alle Widerstände durch, und Billy wird für die Aufnahmeprüfung in London aufgeboten. Seine noch ungelenken, aber sehr hohen Sprünge beeindrucken die Jury. Sein Vater und sein Bruder können nur staunen, dass er wirklich an dieser strengen Ballettschule aufgenommen wird.

            Der Film zeigt seinen Aufbruch von Zuhause in seine neue Tanzwelt. Jahre später wird sein grosser TRAUM wahr, wir sehen ihn als sehr hoch springenden Solotänzer. Damit endet der sehr berührende englische Film von Stephen Daldry, dem britischen Regisseur, er wurde mit drei Oscars ausgezeichnet.






Träume – das nächtliche Labor des Gehirns

 

Von Randolph Christen


Jede Nacht versetzt uns das Gehirn in einen Zustand, der dem Wachsein auf verblüffende Weise ähnelt – und ihm doch grundlegend fremd ist. Was geschieht in diesen Stunden wirklich?

     Die moderne Neurowissenschaft hat das Traumerleben entmystifiziert, ohne es seiner Faszination zu berauben. Träume entstehen vornehmlich im REM-Schlaf, wenn der präfrontale Kortex – jener Teil des Gehirns, der Logik, Selbstkritik und Realitätsprüfung trägt – nahezu verstummt. Gleichzeitig ist das limbische System, Sitz der Emotionen, hochaktiv. Das Ergebnis: eine Welt voller Intensität ohne Filter.

     Neurowissenschaftler sehen in Träumen heute vor allem ein funktionales Geschehen. Das schlafende Gehirn ist nicht passiv, sondern schuftet. Es konsolidiert Gedächtnisinhalte, sortiert Erlebtes, verknüpft neue Informationen mit altem Wissen. Der Traum ist gleichsam die sichtbare Spur dieses nächtlichen Umordnens.

     Eine besonders überzeugende Theorie sieht im REM-Schlaf eine Art emotionale Therapie: Belastende Erlebnisse werden im schlafenden Gehirn erneut durchgespielt, aber in einem Zustand verminderter Stresshormone. Das Gehirn lernt so, das Schwere zu ertragen, ohne von ihm überwältigt zu werden.

     Träume sind also kein Rauschen der Nacht. Sie sind Arbeit – still, notwendig, und bisweilen von rätselhafter Schönheit.






Wunschtraum

 

Von Madeleine Bollinger

 

Viele Jahre träumte ich von einer Reise nach Andalusien. Ich las alles über diese Gegend und besuchte Spanischkurse. Aber eben, es blieb lange ein Traum. Dann aber stand mein 45. Geburtstag bevor, und nun wurde mein Andalusien-Traum fast eine Obsession. Ich wollte drei Monate Urlaub nehmen, musste dies aber selbst organisieren. Es klappte, und es fand sich eine Vertreterin.

            So verliess ich also Zug am 3. April 1978, fuhr zuerst nach Basel zu meinen Eltern. Dort wartete meine 15-jährige Nichte, sie hatte Schulferien und wollte mich bis Barcelona begleiten und dann zurückfliegen.

            Wir fuhren gemütlich durch Frankreich, übernachteten dreimal und erreichten am

Vierten Tag Barcelona. Ein Hotel war nicht leicht zu finden. Ich steckte mitten in der Stadt

und parkierte, um mich zu Fuss zu orientieren. Ich fragte eine Frau, und diese war so freundlich, setzte sich zu uns ins Auto, und in zwei Minuten erreichten wir ein kleines Hotel, das nebenan sogar eine Garage hatte. Diese Frau, Carmen Diaz hiess sie, nahm uns beide sofort in ihre Familie auf. Es war eine wunderschöne Woche mit Familienfesten und Besichtigungen. Dann aber wollte ich weiter. Sabine flog zurück nach Basel, und für mich begann das Spanien-Abenteuer.

            Mein erstes Ziel war ein kleines Fischerdorf am Meer, wo mein Mann und ich 1960 Ferien verbracht hatten. Bei mir hatte ich grossformatige Fotos eines kleinen Restaurants, wo sich mein Mann damals mit Franco-Gegnern getroffen hatte. Junge Leute, ihre Mutter, Fischer und Arbeiter. Es war damals ein grosser Vertrauensbeweis, dass diese Leute sich fotografieren liessen. Mit der Post durften wir diese Fotos nicht schicken, es wäre zu gefährlich gewesen, damals, zu Franco-Zeiten. Nun aber war Franco tot, ich konnte es wagen. Nach langem Suchen fand ich das Café, sogar die alte Frau lebte noch. Als die Familie sah, dass ich ganz allein unterwegs war, wollte sie mich sofort bei sich aufnehmen, ich könne bleiben, solange ich wollte. Am anderen Tag zog ich aber weiter, fuhr ins Innere des Landes, wo es viel ruhiger war als der Küste entlang. Ich lernte viele herzliche Menschen kennen, die sich bemühten, mich so gut wie möglich unterzubringen, in kleinen Pensionen oder Hotels, für meine Begriffe spottbillig.

            So gelangte ich nach Granada. Die Stadt zog mich sofort in ihren Bann. Ich fand ein erschwingliches Hotel (25 Franken für Zimmer/Frühstück) und blieb dort sechs Wochen. An der Uni konnte ich einen Vormittagskurs besuchen, die Nachmittage verbrachte ich in den Gärten der Alhambra oder ich fuhr in der Gegend umher. Die majestätische Sierra Nevada konnte ich in einer knappen Stunde erreichen. Dort fuhr man auch Mitte Mai noch Ski, meterhoch lag der Schnee, und das in Südspanien. - In Granada fand ich viele gastfreundliche Leute, die mich zu sich nach Hause oder zu Festen einluden. Ich genoss diese Wochen in dieser herrlichen Stadt. Ein kleines Abenteuer: Ganz nahe beim Hotel steht das Wohnhaus des Komponisten Manuel de Fala, das besichtigt werden kann. So ging ich einmal hin, war aber die einzige Besucherin an diesem Tag. Der Museumsaufseher führte mich herum, u.a. zum Schlafzimmer des Komponisten. Ich dürfe mich auf das Bett legen, ermunterte er mich. Ich erkannte sofort seine Absicht und verliess das Museum fluchtartig. So verpasste ich die einmalige Gelegenheit, im Bett von Manuel de Falla geschlafen zu haben.

            Mitte Mai verliess ich Granada, blieb eine Woche in Nerja, zog weiter nach Malaga, eine Woche in einem weissen Dorf Andalusiens, Mijas. Langsam musste ich an die Rückreise denken. Ronda und Cordoba wollte ich noch besuchen. Ganz sorglos fuhr ich in die Altstadt von Cordoba mit ihren engen Strassen. Unerwartet geriet ich in eine Gasse, die immer schmaler wurde, ich blieb stecken, links und rechts nur noch wenige Zentimeter Spielraum. Aussteigen ging nicht mehr. Nun plötzlich waren vor und hinter dem Auto viele Leute, die mir mit Gesten und sogar Anheben des Autos halfen, rückwärts aus der Enge zu fahren. Als die Strasse wieder breit genug war, stieg ein junger Mann auf den Beifahrersitz und lotste mich zu einem Parkplatz. So viel Herzlichkeit und Lachen war mir noch selten begegnet. Von der Schönheit der Mezquita war ich überwältigt. Eine riesige Moschee. In deren Mitte bauten Christen nach dem Verjagen der Moros (Mauren) einen Dom; absurd und grossatig zugleich.

            Noch erwähnen möchte ich die Fahrt durch die Alpujarras am Südhang der Sierra Nevada. Armselige Dörfer mit herzlichen Menschen, die mich bei sich aufnahmen, als wäre ich eine verlorene, verlassene Tochter. Über Elche, Murcia fuhr ich nach Teruel, eine Stadt, die unter dem Franco-Regime sehr gelitten hatte. Unterwegs dorthin musste ich in unwirtlichster Gegend, heiß und bevölkert mit Schlangen, ein Rad wechseln. Glücklicherweise hatte ich das vorher in der Schweiz einmal geübt. Und aus einem nahen Dorf kamen viele Leute zu mir, die mit Händen und Füssen halfen. 

            Nochmals ein paar Tage in Barcelona, dann verliess ich das mir so lieb gewordene Spanien. Am 1. Juli musste ich wieder zur Arbeit in der Schweiz erscheinen.






Von Verena Hess

 

Da wir im Oktober 2024 schon einmal übers Träumen geschrieben haben, wiederhole ich weniges aus dem damaligen Text. Auch unser Umgang mit Kl hat sich in der Zwischenzeit

etwas weiterentwickelt, darum zitiere ich zuerst daraus:

Der Traum ist ein inneres Erleben während des Schlafens, ist eine Abfolge von Bildern, Gefühlen und Szenen. All dies meist emotional intensiv, lebendig, halluzinatorisch. Das kritische, logisch prüfende Bewusstsein ist weitgehend ausgeschaltet. Auch sind Zeitgefühl und Realitätssinn sehr abgeschwächt. Träume fühlen sich aber sinnlich-lebendig an. Die

Forschung ist sich nicht einig, warum wir träumen. Es existieren unterschiedliche Deutungsmodelle.

            Früher träumte ich oft und meist habe ich die Träume aufgeschrieben. Das war spannend. Heute schreibe ich nichts mehr auf, trotzdem ich noch immer träume. Da ich heute nach dem Erwachen noch liegen bleiben kann, verwischen sich Traum und Wachzustand oder das Traumgefühl hallt nach. So spiele ich oft mit dem Übergangszustand. Es kann mir gelingen, einen Traum nochmals zum Klingen zu bringen, was manchmal ein wunderschönes Erlebnis sein kann. Wie im damaligen Träumen, schweife ich nun weiter zu den Tagträumen, die mich stets davontragen liessen in eine für mich stimmige Welt. Das nannte man Flucht. Mir öffnete sich damit Unglaubliches. Ich richtete mir in Höhlen, im Wald, in den Bergen und sogar in den Wolken eigene Welten ein und war dort auch glücklich. Diese kleinen Welten erweiterten sich später zum eigenen Zimmer; das absolut Schönste, das es zu erreichen gab, da war ich überzeugt. Erst viele Jahre später las ich, was Virginia Woolf zur Notwendigkeit eines eigenen Zimmers und eigenen Geldes zu sagen hatte. Das verstand ich absolut und sofort, das war für mich geschrieben. Sich einrichten im eigenen Zimmer macht stark.

            Noch ein kurzer Schwenk zur etwas gefährlicheren Schwester des Tagtraums, dem kleinen Rausch. Damit lässt sich wunderbar abheben. Einfach fort und weg. Dazu braucht man weder Flugzeug noch Engel. Man genügt sich selbst. Schwerelos durch die Luft gleiten, natürlich ganz nahe dem Himmel, den du dir nicht mühsam erarbeiten musst. Gleich einem Luftballon, ohne Widerstand, gleitet man lustvoll verzaubert dahin. Man erblickt das Ganze, ohne sich mit Einzelheiten abzurackern. Man hat nur den erhebenden, erfüllenden Überblick über alles, was da seufzt und lacht. Man ahnt Grosses und Ganzes, auch in sich selbst. Doch kleine Räusche, welcher Art auch immer, klingen irgendwann ab. Du beginnst zu fallen. Glücklich ist, wer gut und heil auf sicherem Boden und bei guten Menschen landet.

            Noch fehlt ein richtiger Traum. Einer ist mir in Erinnerung geblieben. Er hat lange nachgeklungen: Ich darf mir irgendwo für einen ganzen Tag (oder für eine ganze Nacht) ein Kostüm auswählen und damit frühere Stationen meines Lebens durchtanzen. Mein altes Ich- Kleid ziehe ich aus, schlüpfe in ein glänzend-farbiges Kostüm, verstecke mich hinter einer Maske und ziehe beschwingt und aufbruchfreudig gestimmt los. In diesem traumtänzerischen, schwerelosen Kleid wage ich es, mich mutig und leicht durchs vergangene Leben zu bewegen. Sogar meine Zauberflöte habe ich dabei. Mit dieser eigenen Melodie tanze ich durch alle Zeiten und Räume, durch alle Freundesgruppen meines Lebens.

Mit meiner Musik spiele ich Dur, spiele Moll und tanze. Menschen aus früheren Zeiten begegne ich mit neuer Leichtigkeit und verändere so manche ungute Erinnerung. Ich geniesse die Freiheit, die mir Kostüm und Maske geben, erobere die alte Welt mit einem neuen ICH. Ich staune, was da an neuer Kreativität fliesst, wie leicht mir früher Schwieriges vorkommt, wie farbig plötzlich alle Begegnungen werden dank des neuen Kostüms. Die Sonne geht unter (oder auf). Ich kehre zurück und entkleide mich des farbigen Kostüms. Ich ziehe die Maske ab. Ich schlüpfe in mein altes Kleid. Ich blicke an mir herunter und entdecke farbige Schimmer des Kostüms an meinem alten Kleid.






Mein Traum

 

Von Vreni Indlekofer

 

Gerne möchte ich Euch etwas über meinen Traum erzählen, welchen ich seit Wochen alle Nacht wieder träume. Dieser Traum ist speziell.

            Ich gehe meist zwischen 18h und 18.30 Uhr ins Bett. Da erhalte ich meine ersten nächtlichen Tabletten, die mich wahrscheinlich sehr müde machen. So liege ich nach den Tabletten da und schlafe meist nach kurzer Zeit ein. Und schon beginnt der Traum langsam zu wirken: Erst kann er freundlich, herzlich oder lustig sein. Je nach dem, was wir den Tag durch erlebt haben. Aber meist wache ich zwischen 22.27 und 22.37Uhr wieder auf. Und da wandelt sich der Traum schon auf eine spezielle Art. Ich habe den Zusammenhang zum vorherigen Traum vergessen und liege nur noch da und träume vor mich hin.

            Jetzt geht es darum, dass ich mir Sorgen mache wegen des Atmens. In mir drinnen rumpelt es ganz enorm und ich kann an nichts anderes mehr denken als an das Atmen. So atme ich sechs, sieben Mal ganz normal und dann wird es langsam streng. Der Hustenanfall kommt dann meist dazu, weil ich ja die Hustentröpfchen nicht mehr erhalte. Der eine Pfleger, den ich habe, hat zwar mit dem Arzt telefoniert, ob das wirklich so sei, dass sich diese Tropfen mit den anderen Medikamenten nicht vertragen. Der Arzt hat gesagt, es könne wohl sein, dass die Verordnung zu hoch gewesen sei; aber er hat betont, dass ich das Recht habe, die Hustentropfen zu kriegen - einfach in einer niedrigeren Dosis als vorher. Nun kriege ich das von den einen Personen wieder, die mich betreuen, aber nicht von allen, und so habe ich immer Angst, was da in der Nacht noch alles passieren könnte. Nach einigen Überlegungen denke ich: «Ach was, ich versuche einfach, weiter in diesem Tempo zu atmen.» Dies gelingt mir sehr oft nicht, dann wird das Schnaufen wirklich schwierig. Es kommt dann zu Atemstössen, und die werden schwerer und schwerer, bis ich denke: «Jetzt kommen noch drei Atemzüge, und dann hab ich alles überstanden.» Ich denke, ich mache drei, vier dieser Atemstösse, und dann denke ich: «Ich mag nicht mehr, ich will jetzt meine Ruhe haben, und mit einem der nächsten Atemzüge werde ich nicht mehr am Leben sein.»             Dies macht mir keine Sorgen, denn ich finde, ich habe ein sehr schönes Leben gehabt, und ich möchte jetzt einfach meine  Ruhe haben und still und ruhig daliegen bleiben können. Die einzige Sorge, die ich habe, sind meine beiden erwachsenen Kinder, aber mit ihnen habe ich bereits gesprochen und sie wissen, dass ich jetzt endlich nicht mehr mag und sie können begreifen, dass ich nicht mehr weiter mag. 

            So ist jetzt dieser Traum bis heute und ich weiss nicht, wann ich die Kraft habe, zu sagen: «Nein, ich mag jetzt wirklich nicht mehr und ich lass es bleiben.» Ich stelle mir dann vor, wie das Leben nach meinem Tod aussehen wird. Pfarrer Wenk hat vor einigen Tagen von einer Weihnachtsgeschichte erzählt, die mir wirklich zu Herzen ging. Es war wohl ein Märchen, aber es hat mir Eindruck gemacht. Die Engel kamen vom Himmel herabgestiegen und haben die Leute da unten geholt. Aber das Ende der Leiter hat man ja nicht gesehen und ich kann mir nicht vorstellen, wie lang diese Leiter sein wird, bis man da oben endlich anklopfen kann. Aber einen Lichtblick gibt es auch da: Ich denke mir, neben der Leiter muss doch auch ein Lift sein mit Menschen mit Atemproblemen, die nicht die hohe Leiter besteigen können. So warte ich getrost ab, bis der Tag kommen wird, da das alles so eintreten wird.

            Euch alle Menschen, die ich liebe, die werde ich nicht vergessen, und an die werde ich dort oben denken, wenn es das denn gibt. Das weiss ich ja nicht. So sage ich Euch schon heute «Ade zusammen und geniesst all die schönen Tage, die Ihr noch erleben könnt.» 

Eure Vreni

 

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 22. März 2026



 NATUR


Von Anita Bigler

Die Natur steht in meinem langen Leben an erster Stelle. Sie bestimmte schon immer meinen Alltag.

Zuhause in unserer Gemüse-Gärtnerei war das Wetter massgebend, zu wenig oder zu viel Regen, lange Trockenheiten mit Hitze, alles schadete den zarten Pflänzchen.

Später erlebte ich bei unseren Bergtouren unvergessliche Momente, Sonnenauf- und untergänge bei Übernachtungen in SAC-Hütten, es war einfach spektakulär.

In den Bergen spürt man die Natur intensiver. Beim Frühlingsskifahren hört man schon die vielen Bächlein sprudeln und die ersten Krokusse zeigen ihre Blüten. Eines Morgens tanzen die zahlreichen Bachstelzen über dem Schnee, um Mücken zu fangen, das ist ein Zeichen, dass am nächsten Morgen die letzten Schneeresten in der Erde versunken sind.

Der Föhn spielt ja in einer eigenen Liga, er kann über Nacht aus einer soliden Schneedecke ein "Pflutterhuffe" machen. Im Sommer zeigt er sich als grosses Band, das sich über den Bergspitzen dreht, als Barriere gegen das schlechte Wetter. Die Einheimischen sagen "es haget", also wie ein Hag. Dann gibt es die Wolkenschlange, die aus einem sonnigen, warmen Nachmittag ganz plötzlich ein kalter, windiger Abend macht. Sie schleicht den Bergen entlang von Stans im Kanton Nidwalden nach Engelberg in Obwalden, also nichts Gutes. Es ist vergleichbar mit der Malojaschlange im Oberengadin.

Ich konnte viele Reisen in den europäischen Norden unternehmen, da picke ich ein Erlebnis heraus. Wir landeten mit dem Hurtigruten-Schiff spät abends in Tromsö in Norwegen, dann besuchten wir das Mitternachts-Konzert in der Eismehrkathedrale. Anschliessend standen wir auf dem Vorplatz und sahen hinunter auf Tromsö mit der imposanten, gewölbten Brücke, alles in wunderschönes Licht der Mitternachtssonne getaucht und am Himmel tanzten hellgrüne Schleier, die Aurora Borealis, die Nordlichter. Wir staunten mit Tränen in den Augen.

Es gibt immer wieder diese Augenblicke in der Natur, die einfach wunderbar sind und für die es sich zu leben lohnt.





Von Gerhard Bächlin

 

K1: Natur bezeichnet die Gesamtheit aller Dinge, Lebewesen und Prozesse,

die nicht vom Menschen geschaffen wurden, einschliesslich unbelebter Bestandteile

wie Wasser, Luft, Naturgas, Erdöl, Berge. Sie umfasst Flora, Fauna und das gesamte Universum. Synonyme sind Umwelt, Schöpfung, Kosmos oder Wildnis.

Der Begriff NATUR ist vielschichtig und wird oft als das "GEGEBENE" verstanden, während KULTUR das „GEMACHTE" ist.

Heute stellt sich angesichts von Übernutzung natürlicher Ressourcen, von Klimawandel und sich häufenden Ereignissen, die nach menschlichen Dimensionen als Naturkatastrophen angesehen werden, zunehmend die Frage, inwieweit die Menschheit selbst als verändernde Kraft zu sehen ist. Seit der Industriellen Revolution greift der Mensch massiv in die Umwelt, sprich Natur ein und löst damit auch unumkehrbare Prozesse aus.

 

GB: Naturgewalten, Naturkatastrophen raffen Hunderttausende von Menschen weg, Kriege desgleichen. Dennoch steigt die Weltbevölkerung und bedroht die freie Natur, das heisst auch Gebiete in Naturzustand. 

Dennoch ist es faszinierend, die Naturgewalten zu erleben und zu überleben. Heutzutage sind manche Aktivitäten wie z.B. Naturgärten, naturbelassene Wälder, Natur- und Bioprodukte usw. im Trend. So hat z.B. Riehen ein Naturbad. Auch haben die Schweiz und andere europäische Länder vor allem Hochgebirge, wo die Natur sich frei entfalten kann. Übrigens: Mein persönliches Naturell führte mich in jungen Jahren zu wöchentlichen Wanderungen und Entdeckungen vor allem im Jura. Später praktizierten wir im Haus mit Garten eine Küche mit Naturprodukten.

 

Zum Schluss doch noch: Seit 65 Jahren sind meine Frau und ich Mitglied bei Pro Natura Schweiz und Basel. Daher auch unser Engagement für die Natur.

In Riehen, im Birseck und im nahen Elsass hat Pro Natura sich stark für intakte Natur eingesetzt.





Von Doris Plüss

 

Ein Überfall der Natur im Labor

 

Vor langer, langer Zeit – ich arbeitete als Laborantin in Forschungslabor des damals noch Bürgerspitals am Petersgraben. Mein Labor war in Parterre, ich hatte Sicht auf den Petersgraben. Wir hatten einen kleinen Hinterhof umgeben mit verschiedenen Pflanzen. Es war ein altes steinernes Herrschaftshaus.

An einem schönen Morgen, ich kam mit verschiedenen Materialien aus dem Hauptgebäude des Bürgerspitals zurück. Da stand eine meiner Kolleginnen mit grossen, entsetzen Augen vor ihrem Labor, das nach hinten in den Garten führte.

"Was ist los?" 

"Ich wurde überfallen, ich kann nicht mehr ins Labor zurück!''

"Was? Soll ich die Polizei rufen?"

"Nein, schau mal!" 

lch traute meinen Augen nicht! Das Labor war ca. fünf Meter lang, neben der Tür war ein

altes Lavabo noch mit freistehenden Rohren. Es hatte – glaube ich – zwei grosse Fenster. In dem Hinterhof war auch der Eingang zu diesem früher eher vornehmen Einfamilienhaus. Später wurden innen für das Bürgerspital verschiedene Labors eingerichtet. Heute ist es ein Kindergartenhaus. Vor ca. zwei Jahren durfte ich auf meine spontane Anfrage hin das Haus besichtigen. lch erhielt von der Leiterin eine höchst interessante Führung durch eine ganz andere Umgebung, als dass ich sie von früher kannte. Wir konnten uns gegenseitig begeistern. Sie mich durch dieses mit Spielsachen, Rucksäcken, kleinen Schuhen usw. gefüllten alte Gebäude, ich sie durch meine Schilderung, wie es früher vor langer, langer Zeit mal aussah. Zwar hatte sich einiges verändert, doch ich konnte auch einiger aus meiner Zeit wieder entdecken.

 

Nun zurück in die 70er-Jahre, zum Schreckensmoment meiner damaligen Kollegin, ins Labor im Petersgraben im Parterre. Quer durch diesen Raum vom Boden unter dem Fenster aus bewegte sich eine ca. drei Meter lange Ameisenkolonne. Die einen wanderten Richtung Lavabo, die andern in Richtung zum nicht sichtbaren Riss oder Loch in der Wand am Boden unter dem Fenster, wo die einzelnen Tierchen wieder verschwanden. Langsam wagen wir uns hinein, um zu sehen, was hier eigentlich los war. Wir trauten unseren Augen nicht. Die Kolonne ging unter dem Syphon hoch und endete an einer grossen Traube um einen Tropfen

Hustensirup Es war faszinierend, diesem Spektakel zuzusehen. Doch die Arbeit ruft! Wir wollten diesen Tierchen nicht schaden und sie töten. Also trockneten wir ganz langsam und vorsichtig den Hustensirup weg. Als nichts mehr da war, zog sich die Ameisenarmada wieder

durch die Wand unter dem Fenster zurück. Faszinierend war auch, wie die Ankommenden und die Zurückkehrenden sich gegenseitig immer anstiessen. War es eine Begrüssung oder eine Richtungsangabe? Wer weiss? Ein Rätsel blieb auch: Welche Spionageameise hat diese

Leckerei entdeckt, wie und wie schnell wurde sie weitegeleitet und der Zugriff gestartet? Für

uns war es ein lehrreicher Ausflug in die Geheimnisse der Natur! 

 

Während des Schreibens tat sich mir – wie kann es anders sein – wieder eine riesige Fabelwelt auf. Die Vorstellung, wie eine Ameise zufälligerweise dieser Schlemmerei begegnet, den Plan schmiedet, das in der Kolonie sofort zu melden, damit alle profitieren können. Der gemeinsame Aufbruch nach Erhalt der Botschaft. Die gemeinsame Freude und der gemeinsame Genuss des Sirups. Doch wenn ich mich richtig erinnere, schwankten die Rückkehrerinnen. Waren sie bekifft oder war es nur die Weitergabe der Botschaft? Auf jeden Fall stelle ich mir eine glückliche und zufriedene Rückkehr vor. Und eine neue Geschichte im Ameisenhaufen.

 

Leider las ich nach dem Schreiben über die Ameisenstrasse noch einen kurzen Artikel in der Baz vom Samstag:  Ameisenschmuggel für der Schwarzmarkt – Chinese verhaftet am

Flughafen Nairobi. 2000 Ameisenköniginnen (messor cephalotes) einer roten, grossen Ameise aus Ostafrika. Begehrt von internationalen Sammlern. Es gibt ein grosses Netzwerk, Kostenpunkt für eine Ameise bis 400 Euro.

 

Gibt es da noch etwas zu sagen?




Von Verena Hess


Naturphänomene halten für vieles her. Naturmetaphern kennen wir z.B. als Wirbelwind, Plaudern wie ein Wasserfall und vieles mehr. Auch für uns Alte gibt es zeitweise Metaphern. So fand man “Rentnerschwemme”– 1998 in Deutschland sogar zum Unwort des Jahres gewählt –  öfters in den Medien. Warum? Vielleicht braucht man gelegentlich einfach Feindbilder, die nicht zu hart zurückschlagen. Dazu eignen sich Alte gut. Sie twittern selten. Wenn sie protestieren, dann eher höflich. Sie schimpfen höchstens über Kinderlärm oder über Jugendliche; vielleicht auch über die rasante digitale Entwicklung oder übers Essen im Senevita.

Der Ausdruck “Rentnerschwemme” schafft Distanz zwischen alten Menschen und der Gesellschaft. Statt über notwendige strukturelle Reformen zu sprechen, werden die positiven Seiten der älter werdenden Menschen von der Gesellschaft radikal ausgeblendet. Uns sollte bewusst sein, wie sehr Sprache auch Wirklichkeit formt: Wer von “Schwemme” spricht, erzeugt Angst und Abwehr, baut Mauern. Wer hingegen von “Menschen, die älter werden” spricht, baut eher Brücken.

Vor allem ist erstaunlich, wie selektiv “Schwemmen” auftreten. In politischen Debatten tauchen sie auf, sobald ältere Menschen etwas kosten. Können jedoch dieselben Menschen irgendwo Geld ausgeben, verwandelt sich die bedrohliche Flut schlagartig in eine “attraktive Zielgruppe”. Nehmen wir als Beispiel Kreuzfahrten. Da wird aus der “Rentnerschwemme” eine “Goldene Generation” oder “Premierkundschaft”, aus Alten werden “Best Ager und “Silver Explorer”, solange das Geld sprudelt. Auch in Senioren-Anlagen ist keine Spur von Überflutung, nur “Komfort’ und “Exklusivität”. Die Menschen, die angeblich das Rentnersystem ruinieren, werden hier mit Schlemmerbuffets und Aktivprogrammen umgarnt.

Vielleicht ist dies ja die Pointe: Eine Flut, die nur dann ansteigt, wenn es politisch nützlich ist – und sofort versiegt, wenn Kreditkarten gezückt werden.

Der Rest ist Natur, eben Menschen, die alt werden, weil das zur Natur gehört.





Von Randolph Christen 


Lange glaubte ich, unser Verhalten und unsere persönlichen Eigenschaften sind das Ergebnis unserer Umgebung – eine Folge der Erziehung. Doch je älter ich wurde, desto mehr zweifelte ich an dieser einfachen Erklärung.

 

Die Debatte zwischen «Nature» versus «Nurture» – zwischen Anlage und Umwelt – beschäftigt Wissenschaft und Philosophie seit Jahrhunderten. Prägen uns unsere Gene, oder macht uns die Erfahrung zu dem, was wir sind? Heute denke ich: Beides spielt eine Rolle, aber die Anlage ist mächtiger, als wir es uns oft eingestehen wollen.

 

Meine Überzeugung stützt sich auf zwei Quellen: auf wissenschaftlichen Befunden einerseits und auf persönlichen Erfahrungen anderseits. Die Wissenschaft zeigt – etwa durch Zwillingsstudien –, dass getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge trotzdem sehr ähnliche Persönlichkeiten entwickeln. Das deutet darauf hin, dass ein Teil unseres Charakters angeboren ist. 

 

An mir selbst habe ich beobachtet, dass manche Eigenschaften mich mein ganzes Leben lang begleitet haben – eine Offenheit für neue Ideen, eine Neigung zur Vorsicht und zur Sorgfalt, sowie eine gewisse Zurückhaltung in grossen Gruppen. Diese Züge waren immer da, und haben sich im Verlaufe der Jahre nicht grundlegend verändert – nicht durch Reisen, nicht durch Lebenskrisen, nicht durch Lebenserfahrung. Sie blieben, wie eine Art innerer Kompass, der sich immer wieder auf denselben Punkt ausrichtet.

 

Die Psychologie spricht von fünf grossen Persönlichkeitsmerkmalen: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität. Forschung legt nahe, dass diese Persönlichkeitsmerkmale zu einem bedeutenden Mass genetisch veranlagt sind und über das Leben hinweg erstaunlich stabil bleiben. Das ist kein Fatalismus. Es bedeutet nicht, dass Wachstum unmöglich ist. Aber es bedeutet vielleicht, dass wir uns selbst ehrlicher begegnen, wenn wir akzeptieren: Ein Teil von uns war schon immer da – noch bevor die Welt begann, uns zu formen.






Von Madeleine Bollinger

  

Wir leben in und mit der Natur, wir selbst sind Natur. Leben ist Natur. Wo fühlen wir uns vollkommen lebendig? In der Natur. Wir Menschen sind so verschieden, dass jeder unter Natur etwas anderes sieht oder versteht. Ich z.B. fühle mich der Natur am nächsten in einem dichten Wald, an einem Bergbach oder Bergsee. Als ich ein kleines Kind war, suchte ich in den Ferien immer zuerst den Bach, und meistens musste ich nicht lange suchen. Und bei jedem Bach-Besuch fand ich einen von mir als einzigartig empfundenen Stein. Noch heute, trotz vielem Zügeln, habe ich etwa 40 Steine. Ganz langsam trenne ich mich von diesen Naturwundern, und jeder Besuch darf – wenn er möchte – einen Stein mitnehmen, ein Stück Natur.

 

Es spricht die Natur: Ich gebe euch so viel. Warum bekomme ich kaum etwas zurück? Ihr braucht mich, denn ihr könnt nur weiterbestehen, wenn ihr mich so liebt wie ich euch. Ihr Menschen seid meine Geschwister.

 

 

 

 

 

 

 

 




  NEUGIER Von Vreni Indlekofer   Gibt es wohl Menschen, die gar keine Neugierde ve rspüren? Ich selbst habe gemeint, ich sei nicht neugierig...