Freitag, 6. Februar 2026

 Als ich ein kleines Mädchen war

Von Madeleine Bollinger 

Als ich ein kleines Mädchen war, da liebte ich "Anggeschnitte" über alles (übrigens auch heute noch). Ein Stück Brot mit Butter und Konfi oder, wenn es hochkam, mit Honig. Damit konnte man mich glücklich machen.

 

Es gibt eine Erinnerung an die Kindergartenzeit. Ich war sechs Jahre alt im ersten Kriegswinter. Lebensmittel waren knapp. Mein Kinder-Znünitäschli enthielt "nur" einen Apfel. Andere Kinder hatten als Znüni oder Zvieri zum Teil eine Doppelschnitte gefüllt mit Butter oder Konfi. Hie und da konnte ich etwas von diesen Köstlichkeiten erbetteln. Einmal versprach mir ein Bub eine solche Schnitte, wenn ich ihn nach Hause begleiten würde. Ich war begeistert und um vier Uhr zogen wir beide los. Der Knabe wohnte relativ weit vom Kindergarten entfernt. Von der Wintergasse mussten wir den Kannenfeldpark überqueren und dann durch die Mittlere Strasse (heute Flughafenstrasse) zur Lenzgasse marschieren. Dort hiess mich der Bub vor dem Haus warten. Ich setzte mich auf das Gartenmäuerchen und hoffte auf die Schnitte, vielleicht sogar mit Honig. Ich wartete und wartete, aber die Haustür öffnete sich nicht. Es war Winter und es wurde langsam dunkel. Ich fror. Den Heimweg an die Kannenfeldstrasse zu suchen, wagte ich nicht.

 

Unterdessen starteten meine Eltern eine Suchaktion. Mein Vater lieh sich von den Nachbarn ein Velo und fuhr so durch die Quartiere, fragte Passanten, ob sie ein kleines Mädchen gesehen hätten. Mit Erfolg. Eine Frau konnte ihm sagen, dass ein Kind an der Lenzgasse vor einem Haus sitze. So fand mich mein Vater.

 

An eine Strafe für mein Abenteuer kann ich mich nicht erinnern. Wahrscheinlich waren alle froh, dass es so gut endete.


                                        


Als ich ein kleiner Junge war

Von Randolph Christen


Als ich ein kleiner Junge war, erschien mir die Welt noch einfach und überschaubar. Im Kleinkindalter war mein Denken stark vom Augenblick geprägt: Hunger, Müdigkeit oder Freude bestimmten meinen Tag. Herausforderungen löste ich instinktiv – wenn ich hinfiel, weinte ich, und sobald jemand die Hand reichte, war die Welt wieder in Ordnung.  

 

Später, als Kind, begann ich, die Dinge zu hinterfragen. Ich wollte wissen, warum der Himmel blau ist oder weshalb Erwachsene so viele Regeln aufstellen. Schwierigkeiten, wie ein Streit mit Freunden oder eine schlechte Note, empfand ich als große Dramen, doch ich lernte allmählich, Kompromisse zu schließen und Verantwortung zu übernehmen. In dieser Zeit entwickelte sich mein Denken vom reinen Erleben hin zum Verstehen.  

 

Als Jugendlicher schließlich wurde mein Blick weiter. Ich begann, nicht nur meine eigenen Bedürfnisse zu sehen, sondern auch die Erwartungen anderer und die größeren Zusammenhänge. Herausforderungen waren nun komplexer: Entscheidungen über Schule, Freundschaften oder erste Zukunftspläne stellten mich vor Fragen, die nicht sofort zu beantworten waren. Ich lernte, abzuwägen, zu zweifeln und eigene Standpunkte zu vertreten.  

 

So zeigt sich im Rückblick, wie sich die Denkweise Schritt für Schritt verändert: vom unmittelbaren Erleben über das neugierige Fragen bis hin zum bewussten Reflektieren. Jede Lebensphase brachte ihre eigenen Herausforderungen – und jede half mir, ein Stück erwachsener zu werden. 

 

 








 


Sonntag, 1. Februar 2026

 VERWANDTSCHAFT

Beitrag von Gerhard Bächlin

 Der Begriff Verwandtschaft bedeutet:

1.     gleiche Abstammung, das Verwandtsein,

2.     alle Verwandten von jemandem, eine grosse Verwandtschaft haben,

3.     aber auch: Übereinstimmung in wichtigen Merkmalen.

Verwandtschaft ist im biologischen Sinne die genetische Beziehung von zwei oder mehreren Individuen. Sie ist durch die genetische Ähnlichkeit dieser Individuen, d.h. durch die Anzahl identischer Nukleotidsequenzen bestimmt.

 





So könnte man noch viel weiter ausholen, aber kommen wir zu Gefühlen und Erinnerungen: 

 

Meines Vaters Mutter, also meine Grossmutter väterlicherseits, wohnte im hohen Alter bei uns in Basel. In meiner Erinnerung erscheint sie als strenge Person, welche mir aber auch einige Märchen der Gebrüder Grimm erzählte. Sie war die zweite Frau meines Grossvaters, der starb, als ich ihn mit meinen vier Jahren noch nie gesehen hatte. Mit der ganzen Verwandtschaft seiner ersten Frau hatten wir keinen Kontakt. Ein Vetter, Kurt, organisierte später ein Familientreffen, wo wir erstmals den vielen Verwandten begegneten

.

Andererseits meine liebe Grossmutter mütterlicherseits, die war für mich wie eine zweite Mama. Mit dem Zug reiste meine leibliche Mama mit mir einige Male nach Baden (AG) für mehrere Wochen während dem Zweiten Weltkrieg. Dort lebten auch zwei Onkel mit Familien und zwei ledige Tanten, sowie Cousinen und Cousins, teils etwas älter, teils jünger als ich. Diese Zeit vor achtzig Jahren bleibt mir als wunderbare Erinnerung. 



Beitrag von Anita Bigler 

In meiner Jugend war mein Onkel Fritz mein Held. Er organisierte für uns vier Kinder, sobald der Schnee fiel, Skiausflüge in den Schwarzwald. Am Morgenfrüh fuhren wir ab Badischem Bahnhof und dann mit dem Todtnauerli, das war ein kleiner heimeliger Zug mit einem Ofen in der Mitte des Abteils.

 

Unser Onkel trug einen grossen schweren Rucksack, gefüllt mit Lebensmitteln. Unsere Tante dachte: Das reicht für zwei Tage, dann geht er nicht ins Restaurant. Aber da war er ganz anderer Ansicht. Er sagte uns, dass dieser Rucksack bis Todtnau leer sein muss! Für uns Kinder kein Problem, wir stopften uns die Bäuche voll mit harten Eiern, Wurst- und Käsebroten und Gebäck, dazu warmen Tee aus der Thermosflasche. Dabei roch es

wunderbar nach den Äpfeln und Orangen, die wir auf das Öfeli legten.

 

Onkel Fritz erklärte uns, wenn wir ihn verraten, nimmt er uns nie mehr mit!! Wir hielten uns daran und verplapperten uns nie, denn dieser Ausflug in den Schnee war für uns sooo toll.

Nach einer Busfahrt erreichten wir den Feldberg, wo wir unsere Felle auf die alten Latten überzogen und so glitten wir durch die verschneiten Tannenwälder bis die erste Hütte in Sicht kam. Unser Onkel freute sich an einem Vierteli Wein und an einem Stück Schüfeli, er hatte ja noch nichts gegessen! Mit dem gleichen Procedere erreichten wir auch die zweite Hütte. Dann gings flott weiter bis nach Todtnauberg, wo uns unsere Tante mit ihrem Bauernhof schon erwartete. Der Tisch war gedeckt mit Kuchen, Zopf und vielen Köstlichkeiten.

 

Abends stapfte dann die ganze Familie durch den Schnee ins Restaurant Todtnauer Hof, von weitem hörten wir schon die lüpfige Musik. Hier machte ich meine ersten Tanzschritte und war total happy! Der Heimweg gestaltete sich immer etwas schwierig, denn unser Onkel

war gross und schwer und mit den vielen Vierteli wacklig auf den Beinen. Wir schoben und zogen und lachten, als wir durch den Schnee kugelten. Vom Heimweg anderntags habe ich keine Erinnerung mehr, wahrscheinlich war er nichtssagend.




 

Beitrag von Madeleine Bollinger



 Die Eltern meines Vaters wohnten an der Sommergasse. Mein Vater war der älteste von fünf Kindern und der erste, der seine Eltern mit einem Grosskind beglücken konnte. Dieses Kind war ich. Schon bald folgten weitere Grosskinder, so mit den Jahren waren es fünfzehn. Meine Grossmutter war eine sehr bestimmende Frau. Jeden Mittwochnachmittag und mindestens jeden zweiten Sonntag wollte sie ihre Nachkommen um sich haben. Ich als älteste hatte die Oberaufsicht über die vielen Cousins und Cousinen, was mir nicht schlecht gefiel. Wir waren aber nie mehr als zwölf Kinder. Die drei Engländer konnten uns erst nach dem Krieg während der Schulferien besuchen.

 

Oft waren wir auf dem Estrich, wo sich die Modell-Eisenbahn von Onkel Felix befand. Im Sommer konnten wir uns im Garten austoben. Nicht selten missbrauchte ich meine Vormachtstellung, um die Kleinen zu Dummheiten anzustiften. Bestraft wurde dann natürlich immer ich. Aber im Allgemeinen war es eine schöne Zeit. Der Zusammenhalt aller Cousins und Cousinen hielt später noch an. Leider verliere ich als älteste nun alle meine früheren Spielkameraden. Jetzt gibt es nur noch Urs in Salzburg sowie Tony und Lisa in England. Alle anderen haben in den letzten Jahren diese - meine - Welt verlassen.

 

Meine verstorbene Schwester hatte drei Kinder. Und nun wachsen nach mir nächste, ja übernächste Generationen heran. Ich bin nun Urgrosstante!






 


Sonntag, 30. November 2025

 ZUKUNFT


Zukunft – oder die Kunst, im Jetzt zu leben


Von Randolph Christen

 

Oft kreisen meine Gedanken um die Vergangenheit oder die Zukunft. Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich mich suboptimal verhalten oder Chancen nicht genutzt habe, und spüre Trauer über das, was unwiderruflich vorbei ist. Dann wiederum denke ich an das, was noch kommen könnte, und empfinde Angst über die Unberechenbarkeit und Zufälligkeit der Zukunft. Ich frage mich: Werde ich bereit sein für das, was mich erwartet? Werde ich den Herausforderungen standhalten?

 

In diesen Momenten bemerke ich: Meine Gedanken sind überall – nur nicht im Hier und Jetzt. Ich verliere mich in Erinnerungen an die Vergangenheit oder in Befürchtungen über die Zukunft und übersehe dabei, dass das Leben eigentlich nur in der Gegenwart stattfindet.

 

Vielleicht ist es das Beste, die Aufmerksamkeit wieder auf den aktuellen Tag, ja sogar auf den einzelnen Moment zu lenken. Einen Atemzug nach dem anderen wahrnehmen. Sich bewusst machen: Genau jetzt, in dieser Sekunde, geschieht das Leben. Nicht gestern, nicht morgen – sondern heute.

 

Die Zukunft bleibt unsicher, die Vergangenheit unveränderlich. Aber im Jetzt liegt die Möglichkeit, beides zu verwandeln: Die Traurigkeit über Vergangenes kann sich in Dankbarkeit verwandeln. Die Angst vor dem, was kommen mag, kann weicher werden, wenn ich spüre, dass ich diesen einen Moment halten und gestalten kann.

 

Vielleicht ist genau das die beste Vorbereitung auf die Zukunft: im Heute zu leben – aufmerksam, achtsam, offen. Und Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug, Vertrauen zu gewinnen.





Zukunft


Von Madeleine Bollinger

 

Erster Schultag. Wie ich mich freute auf das, was ich in Zukunft alles erleben und lernen würde. Ich fühlte mich gross und stark. Die Lehrerin, Fräulein Sutter, führte mich zu einem Platz ganz hinten im Schulzimmer. Ich war eben grösser als die anderen, was mir zum ersten Mal bewusstwurde. Ich setzte mich in eine damals übliche Holzbank mit integriertem Tintenfass und einer Vertiefung für Griffel und Stifte. Ein Mädchen sass neben mir. Neugierig betrachtete ich sie. Sie gefiel mir sehr mit ihren langen, blonden Zöpfen. Sofort wollte ich auch meine Haare wachsen lassen. Meine Banknachbarin hiess Ruthli Seiler. Schon bald waren wir beste Freundinnen und verbrachten viel Zeit zusammen, auch ausserhalb der Schule. Wir hatten Zukunftsträume: Ruthli wollte Krankenschwester werden. Ich konnte mich noch nicht entscheiden, entweder Arbeit in einer Bibliothek oder an einem Postschalter zum Markenverkaufen und Stempeln der Briefe. Wir wollten beide drei Kinder bekommen, aber einen Mann konnten wir uns nicht vorstellen.

 

In der dritten Klasse besuchten wir zusammen den Kommunionsunterricht in der Antoniuskirche. Wir freuten uns auf die Erste Kommunion und wir wollten unbedingt nebeneinander in die Kirche einziehen. Aber Ruthli war etwas kleiner als ich, und da wir nach Grösse eingeteilt wurden, entschied die organisierende Nonne beim Probelauf, dass ich ganz hinter und Ruthli weiter vorne zu gehen hätten.

 

In der nächsten Schulstunde klagte Ruthli über Bauchschmerzen. Sie schienen sehr stark zu sein, denn Ruthli weinte, was nur selten vorkam. Ich durfte sie nach Hause begleiten, musste aber Fräulein Sutter versprechen, schnell wieder zurückzukommen. Es könnte ja Fliegeralarm geben und da durfte man nicht mehr auf der Strasse sein. Ruthli musste ins Spital. Wir durften ihr einen Brief schreiben. Ich vermisste meine Freundin sehr. Zwei Tage später kaum Fräulein Sutter mit Tränen in den Augen ins Schulzimmer und sagte uns, dass Ruthli gestorben sei. Fast alle Kinder weinten, nur ich sass einfach nur da und konnte es gar nicht glauben. Vor ein paar Monaten war meine Grossmutter gestorben, weil sie alt war. Ruthli war nicht alt.

 

Es war üblich, dass Klassen an der Beerdigung von Mitschülern teilnahmen. Ob ich selbst es gesehen habe oder ob man es mir erzählte, weiss ich nicht mehr. Ruthli trug im Sarg das von ihrer Mutter genähte Erstkommunionskleid. Die Klasse sang am Grab "Lueget vo Bärg und Tal". Als dann der Sarg in die Erde hinabgelassen wurde, da begriff ich endlich und ich weinte sehr. Hier wurde die Zukunft begraben. Ich war auch wütend auf Gott, dass er Ruthli noch vor der Ersten Kommunion geholt hatte. Sie durfte doch so im Himmel nicht nahe beim Heiland sitzen. Was mich nach Ruthlis Tod noch unglücklicher machte, war, dass ihre Mutter in eine so tiefe Traurigkeit fiel, dass sie mich nicht mehr sehen wollte oder konnte. 



Zukunft

Von Verena Hess

 

Noch vor zehn Minuten habe ich mich beim gemeinsamen Mittagessen durch die Zukunftspläne meiner 17-jährigen Enkelin davontragen lassen. Im Januar wird sie über einen Schüleraustausch für ein halbes Jahr nach Neuseeland gehen.

Und nun sitze ich in meiner Wohnung und versuche, über das Thema «Zukunft» zu schreiben. Ich spüre eine grosse Traurigkeit in mir. Ich merke, Pläne schmieden, wie meine Enkelin, kann ich nicht mehr, dabei war stets meine grosse Leidenschaft, Sehnsüchte zu spüren und eben zu planen. Eigentlich waren für mich Vorbereitungen fast lustvoller als die Erlebnisse selbst. Bei jedem Umbruch im Leben war ich bereit, mich neu zu entwerfen, wollte alles neu organisieren. 

Und nun merke ich, dass sich da etwas verändert. Gegenwart gewinnt plötzlich an Bedeutung. Eigentlich werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins. Ob das am Alter liegt oder eher am Zeitgeist?  

Gegenwart war für mich stets ein flüchtiger Tanz mit dem Alltagskram, kaum da und schon weg, jedoch der einzige Moment zum Handeln, dies stets unter Zeitdruck und hastend.

Zukunft war offen, voller Möglichkeiten. Schon als Schulkind träumte ich davon, später in fremden Ländern, natürlich in der Entwicklungshilfe, zu arbeiten. Für einige meiner damaligen Zukunftsvisionen schäme ich mich heute, stehe nicht mehr dazu.

Dann kam die Zeit, in der sich Erinnerungen und Echostimmen aus der Vergangenheit aufdrängten, was wahrscheinlich ebenfalls dem damaligen Zeitgeist entsprach. Man belebte Altes und ordnete es neu ein.

·      Und heute verlangt die Gegenwart meine volle Aufmerksamkeit. Plötzlich kann ich meinen Körper nicht mehr ignorieren, muss mich um geschwächte Muskeln kümmern, muss lernen, gerade zu gehen, entweder mit Stöcken oder dem Rollator. Ich muss überlegen, welche Tram- oder Busstation geeignet ist zum Ein- und Aussteigen. Eben, ich muss mich mit den Herausforderungen der Gegenwart befassen. Das tönt auf Anhieb recht langweilig. Das ist es auch. Doch gleichzeitig kann es auch lebendig und sinnlich sein. Für mich jedenfalls eine neue Erfahrung, die darum auch mit Zukunft zu tun hat. Ich merke, wenn ich mich dieser Art Zukunft stelle, stelle ich mich dem Leben in seiner beweglichsten Form. Könnte ich dies gar mit Humor und Leichtigkeit nehmen, hätte ich schon gewonnen, egal, was da kommt.

·      Ist Zukunft auch paradox? Sobald wir sie betreten, ist sie Gegenwart oder gar Vergangenheit. Und wir können nur in der Gegenwart handeln.

·      Nun wird mir auch bewusst, dass die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine hartnäckig fortbestehende Illusion ist.

·      Oder ist das erst im Alter so? 

 

 

Donnerstag, 16. Oktober 2025

SPAZIERGANG


Planetenweg

von Verena Hess

Schon in jungen Jahren verspürte ich eine gewisse Leidenschaft für Planeten, habe aber schon damals zwei unterschiedliche Sichtweisen darauf entwickelt. Die wissenschaftliche Seite habe ich bald vernachlässigt, sie bot mir nicht die Nahrung, die ich brauchte. Ich suchte stets die Verbindung zwischen Fakten und Fantasie, eigentlich zwischen Wissenschaft und ich weiss nicht was. Das wird so bleiben bis zum Ende meines Lebens. Also werden nun in meiner Geschichte zwei sehr unterschiedliche junge Menschen, einen Planetenweg durchwandernd, ein Gespräch fūhren.

Linda und Stefan planen eine gemeinsame Wanderung zum Weissenstein. Ihr unterschiedliches Interesse an den Planeten ist ihnen bewusst, sie sind jedoch überzeugt, im Gespräch Trennendes und Gemeinsamkeiten zu finden, da sie sich eigentlich lieben. Linda ist als Physikstudentin eher auf Fakten, Stefan eindeutig auf Symbolik ausgerichtet. Im Rucksack eine warme Regenjacke, ein Käsesandwich, Äpfel und Nüsse, machen sie sich auf den Weg.

 1. Station: SONNE

«Die Sonne ist das Zentrum unseres Sonnensystems, unsere Lebensquelle, steht auch für Kernfusion und Strahlung», doziert Linda begeistert.

Und Stefan ergänzt, die Sonne symbolisiere auch den Willen und den individuellen Ausdruck, also die Persönlichkeit. Im Grunde dasselbe.

Linda verdreht nur die Augen. 

2. Station: MOND

«Der Mond steht für unsere Gefühlswelt, für das Traumhafte, die Intuition und verborgene Kräfte», schwärmt nun Stefan.

Doch Linda korrigiert, nein der Mond sei einfach ein staubiger Felsbrocken ohne Atmosphäre, der um die Erde kreise und die Gezeiten steuere.

«Er beeinflusst auch unsere Stimmung», behauptet Stefan.

«Nein, aber er beeinflusst die Ozeane. Deine Montagmorgenstimmung hat mehr mit dem Wochenende zu tun als mit dem Mond», widerspricht Linda.

«Und was mit den Vollmondnächten sei?», bohrt Stefan weiter.

Dies sei nur ein tolles Fotomotiv und eine schlechte Ausrede für schlaflose Nächte, findet Linda. 

3. Station: MERKUR

«Merkur steht für Kommunikation, Logik, Lernen und Lehren. Er ist der Götterbote, der den Menschen die Wahrheit des Universums zuflüstert», sagt Stefan.

«Oder einfach ein überhitzter, winziger Planet ohne Atmosphäre, niemand flüstere dort.» 

4. Station: VENUS

«Venus steht für Romantik, Schönheit und Harmonie», schwärmt Stefan bedeutungsvoll.

«Ja, Venus habe Temperaturen heisser als eine Pizza direkt aus dem Ofen und Wolken aus 
Schwefelsäure», meint Linda.

«Also ein leidenschaftlicher Planet», beharrt Stefan.

«Ja, leidenschaftlich dabei, alles zu verbrennen», wehrt Linda ab.



5. Station: MARS

Mars sei einfach eine rostige Wüste mit einem riesigen Vulkan, behauptet Linda rasch. 

«Das passt ja wunderbar, da braucht es den Helden mit viel Mars-Energie, mit Mut und Kampfgeist», pflichtet Stefan bei, dies sei ja die perfekte Arena für Heldentaten.

6. Station: JUPITER

«Planet des Glücks, der Fülle, des Wachstums, des Optimums», so beginnt Stefan voll Enthusiasmus.

«Oder schlicht ein gigantischer Gasball mit einem seit Jahrhunderten tobenden Sturm», erklärt Linda trocken.

«Also eine kosmische Glücksmaschine», so Stefan.

«Oder die intergalaktische Version eines kaputten Staubsaugers», witzelt Linda.

7. Station: SATURN

«Saturn symbolisiert Ordnung, Struktur, Disziplin und Verantwortung», doziert Stefan.

Linda beharrt darauf, Saturn habe vor allem Ringe aus Eisbrocken und Steinen, worin Stefan ein Symbol für Strukturen und Grenzen sieht. Linda lacht schallend.

8. Station: URANUS

«Uranus bringt plötzliche, unerwartete Veränderungen, steht für Innovation und 
Revolution», so Stefan.

«Er rollt auf der Seite durchs Sonnensystem.»

«Also der unkonventionelle Rebell unter den Planeten», meint Stefan begeistert.

«Oder einfach derjenige mit schlechter Haltung», ergänzt Linda ironisch. 

9. Station: NEPTUN

Stefan gesteht, Neptun fasziniere ihn besonders. Er stehe für Träume, fürs Unbewusste, für Intuition jedoch auch für Illusionen.

Linda beschreibt Neptun hingegen als eiskalten Gasriesen mit extremen Stürmen

«Also eigentlich ein Planet mit mystischer, geheimnisvoller Energie», meint Stefan hoffnungsvoll.

«Ja, mystisch, weil man nie genau weiss, was unter seinen Wolken steckt», antwortet Linda nüchtern und ernüchternd.

 Nach kilometerlangen, zum Teil witzigen Diskussionen stehen Linda und Stefan am Ende des Planetenwegs. Hier setzen sie sich auf einen gefällten Baumstamm und öffnen die Rucksäcke. Beide haben Hunger. 

Versöhnlich meint Linda: «Dein Mars mag Energie sein, meiner ist eine rote Sandwüste. Dein Mond beeinflusst unsere Gefühle, meiner höchsten die Bewegungen der Ozeane. Das Universum ist sicher gross genug für Fantasien und für Fakten.»

Und Stefan ergänzt, wahrscheinlich seien auch beide Wahrheiten wichtig. Vor allem sei zwischen Wissenschaft und Träumerei durchaus Platz für eine gute Freundschaft.


 

 Spaziergänge durch das Leben


von Randolph Christen

(KI-unterstützt)


Mit jedem Schritt knirscht der Kies unter meinen alten Schuhen. Der vertraute Weg am Waldrand ist mir in den letzten Jahren ans Herz gewachsen. Ich spüre, wie die frische Morgenluft meine Lungen füllt und der Tau das Gras glänzen lässt. Die Natur ist mein stiller Begleiter geworden, seit die Tage ruhiger und die Nächte länger wurden.

 

Ich gehe langsam, doch mein Geist wandert weit. Die Bäume, die sich im Wind wiegen, erinnern mich an die vielen Jahre, die ich schon auf dieser Erde bin. Im Frühling, wenn die Knospen sprießen, denke ich an meine Kindheit, an die Leichtigkeit und an das Staunen. Im Sommer, wenn die Sonne durch das Blätterdach bricht, spüre ich die Kraft der Jugend, die Abenteuerlust und die Freude an jedem Tag. Im Herbst, wenn das Laub bunt wird und sanft zu Boden fällt, sehe ich mein eigenes Leben: die Ernte der Erfahrungen, die Schönheit des Reifens. Und im Winter, wenn alles still und weiß ist, denke ich an das Ende, an den Abschied und an den Tod.

 

Manchmal macht mir das Älterwerden Angst. Die Gelenke schmerzen, die Erinnerungen verblassen, und die Freunde gehen. Doch auf meinen Spaziergängen spüre ich, dass alles seinen Platz hat. Die Natur zeigt mir, dass jedes Ende auch ein Anfang ist, und dass Vergehen und Werden zusammengehören. Ich lerne loszulassen – und zu vertrauen.

 

Wenn ich nach Hause zurückkehre, fühle ich mich leichter. Die Gedanken sind klarer, die Sorgen kleiner. Die Spaziergänge helfen mir, Frieden zu schließen mit dem, was war, und mit dem, was noch kommt. Ich bin dankbar für jeden Schritt, den ich noch gehen darf – und für die stille Weisheit, die mir die Natur schenkt.

 


Zwei Spaziergänge  

von Vreni Indlekofer


Meine Spaziergänge führen mich seit einiger Zeit fast alle himmelwärts. Sie scheinen aber deswegen nicht nur traurig und öde zu sein. Nein, es gibt dabei auch heitere Momente, zum Beispiel wenn ich daran denke, wie schön ich mit meinen Kindern die Zeit verbringen konnte. Viele glückliche Momente hatten wir. Ich sehe dabei eine Wiese voller bunter Blumen, die uns mit ihren bunten Köpfchen entgegenwinken. Aber unsere Arme sind zu kurz, um sie zu pflücken.  Die Blumen flüstern uns zu: "Lasst uns zusammen die schönen Momente geniessen", und so wissen wir, wir lassen die Blümlein stehen, damit viele andere Menschen auch daran ihre Freude haben. Als Dank erhalten wir von den vielen Blumen in der Wiese ein kleines Sträusslein geschenkt und das ziert immer unser Zimmer. 

So schöne Momente gibt es in den himmelwärtigen Spaziergängen zu erleben.


 

Der nächste Spaziergang wird ein finsterer werden. Der Weg, den wir benutzen, ist schmal und eng. Schliesslich stehen wir vor einer sehr steilen Treppe, die immer schmaler und schmaler wird. Über uns hängt plötzlich eine riesige Glocke. Sie bittet uns höflich, die Tür vor uns zu öffnen.

Und was glaubt ihr, steht vor uns? Der wahrhaftige Teufel. Meine beiden Kinder zittern vor Angst und ich meine mich sagen zu hören: "Du schmieriger Dreckskerl, hau ab in noch tiefere Gänge deines scheusslichen Hauses." Ich nehme die Kleinen ganz nah zu mir und wir hauen in aller Eile ab in unser so schönes und friedliches Daheim.


Samstag, 16. August 2025

WAS WIR NOCH ZU SAGEN HABEN

 Im Juni 2021 traf sich eine Gruppe von Interessierten – damals alles Frauen – zu einer Schreibwerkstatt in der Senevita Erlenmatt. Es war ein Versuch, doch gleich in den ersten Texten, die entstanden, tat sich eine Vielfalt von unterschiedlichen Sicht- und Schreibweisen auf, ein Reichtum an Erinnerungen, Erfahrungen und Erkenntnissen, der uns alle begeisterte.

 

Seither treffen wir uns einmal pro Monat. Von Mal zu Mal wird ein Thema vorgegeben, oft ist es nur ein Wort, zu dem die Teilnehmer:innen einen Text verfassen, der dann in der Werkstatt vorgelesen und diskutiert wird. Manchmal gehen die Schreiber:innen auf das Thema ein, manchmal dient es ihnen als Anlass, um etwas zu erzählen, das sie gerade beschäftigt. Manchmal entsteht eine Geschichte, manchmal ein Essay oder eine Gedankensammlung. Immer wieder bietet das Geschriebene Einblicke in die Vergangenheit und die Gegenwart der Schreibenden.


2023 haben wir ein Buch mit einer Auswahl von Texten aus unserer Schreibwerkstatt veröffentlicht:




Seit dieser Publikation sind viele weitere interessante und schöne Texte entstanden und wir veröffentlichen hier jeden Monat einige davon.


Diese Texte zeigen nicht nur, was im Alter noch alles möglich ist, sie zeigen vor allem, was das Alter uns allen zu bieten hat, und dass Gedanken und Geschichten – einmal aufgeschrieben – zeitlos sind. 


SCHREIBEN

Über das Schreiben

von Graziella Brusadelli 


Im ersten Schuljahr als Sechsjährige in Lugano lernte ich schreiben. Wir übten zuerst schön gleichmässige Stäbli, daraus erst die kleinen Buchstaben, dann die grossen und zwar mit einem Federhalter und Metallfeder, die wir in ein Tintenfässchen tauchten. Es wurde sehr darauf geachtet, dass die Buchstaben schön gleichmässig geführt wurden. Beim Strich nach unten wurde auf die Feder Druck gegeben und beim Hinauf wurde sie leicht gehalten. Diese Art Schönschreiben gefiel mir sehr. Die Buchstaben wurden dann zusammengehängt, und bald entstanden die ersten Wörter und anschliessend ganze Sätze. Es war ein spannendes Lernen. 

Als Neunjährige wurde ich in die Deutschschweiz versetzt. Es war lustig, denn nur die oberen Klassen konnten schreiben wie ich; sie nannten diese Schrift «lateinisch». Die untere Klasse, in die ich kam, hatte eine andere Schrift, und diese war dann die «deutsche», eine ziemlich zackige. Also konnte ich schon vieles voraus, nur die Sprache hatte ich noch zu lernen. Alles machte mir Spass. 


Viel später übte ich noch die gotische Schrift. Sie ist sehr zierlich. Dazu braucht es eine spezielle Feder und Tusche. Ich schrieb damit Bibelsprüche, meistens in der lateinischen Sprache. Ein Bild davon hängt noch in meinem Zimmer, Zeuge der Vergangenheit.




Eine Ahnung


von Annelis Dickmann


Mein erstes Schreiben war ein Wunschzettel an das Christkind. Der Wunsch wurde meistens erfüllt, für mich etwas Geheimnisvolles, Heiliges. 

Ein Brief an Gott heute. 

Wie lautete die Adresse? 

An den Papst, Dein Stellvertreter auf Erden? 

Du sagst: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Dein Reich wird gehütet, verteidigt mit dem Schwert. Du lässt Dich Vater nennen, Deine Söhne streiten. Du schaust weg oder zu? 

Wir sind Deine Schöpfung. Hast Du die Freude am Spiel verloren? Die Büchse der Pandora geöffnet? 

Frau und Mann hast Du geschaffen. Wo versteckst Du die Kraft der Frau? 

Mit meinen Fragen komme ich zu Dir. 

Du schweigst. 

Der Gedanke liegt nahe, Du wurdest erfunden vom Menschen. Kann ich Dich so finden? 

Bist Du ein Du? 

Eine Ahnung von Dir lässt mir keine Ruhe. 

Deshalb schreibe ich. 


  Als ich ein kleines Mädchen war Von Madeleine Bollinger   Als ich ein kleines Mädchen war, da liebte ich "Anggeschnitte" über al...