Sonntag, 22. März 2026



 NATUR


Von Anita Bigler

Die Natur steht in meinem langen Leben an erster Stelle. Sie bestimmte schon immer meinen Alltag.

Zuhause in unserer Gemüse-Gärtnerei war das Wetter massgebend, zu wenig oder zu viel Regen, lange Trockenheiten mit Hitze, alles schadete den zarten Pflänzchen.

Später erlebte ich bei unseren Bergtouren unvergessliche Momente, Sonnenauf- und untergänge bei Übernachtungen in SAC-Hütten, es war einfach spektakulär.

In den Bergen spürt man die Natur intensiver. Beim Frühlingsskifahren hört man schon die vielen Bächlein sprudeln und die ersten Krokusse zeigen ihre Blüten. Eines Morgens tanzen die zahlreichen Bachstelzen über dem Schnee, um Mücken zu fangen, das ist ein Zeichen, dass am nächsten Morgen die letzten Schneeresten in der Erde versunken sind.

Der Föhn spielt ja in einer eigenen Liga, er kann über Nacht aus einer soliden Schneedecke ein "Pflutterhuffe" machen. Im Sommer zeigt er sich als grosses Band, das sich über den Bergspitzen dreht, als Barriere gegen das schlechte Wetter. Die Einheimischen sagen "es haget", also wie ein Hag. Dann gibt es die Wolkenschlange, die aus einem sonnigen, warmen Nachmittag ganz plötzlich ein kalter, windiger Abend macht. Sie schleicht den Bergen entlang von Stans im Kanton Nidwalden nach Engelberg in Obwalden, also nichts Gutes. Es ist vergleichbar mit der Malojaschlange im Oberengadin.

Ich konnte viele Reisen in den europäischen Norden unternehmen, da picke ich ein Erlebnis heraus. Wir landeten mit dem Hurtigruten-Schiff spät abends in Tromsö in Norwegen, dann besuchten wir das Mitternachts-Konzert in der Eismehrkathedrale. Anschliessend standen wir auf dem Vorplatz und sahen hinunter auf Tromsö mit der imposanten, gewölbten Brücke, alles in wunderschönes Licht der Mitternachtssonne getaucht und am Himmel tanzten hellgrüne Schleier, die Aurora Borealis, die Nordlichter. Wir staunten mit Tränen in den Augen.

Es gibt immer wieder diese Augenblicke in der Natur, die einfach wunderbar sind und für die es sich zu leben lohnt.





Von Gerhard Bächlin

 

K1: Natur bezeichnet die Gesamtheit aller Dinge, Lebewesen und Prozesse,

die nicht vom Menschen geschaffen wurden, einschliesslich unbelebter Bestandteile

wie Wasser, Luft, Naturgas, Erdöl, Berge. Sie umfasst Flora, Fauna und das gesamte Universum. Synonyme sind Umwelt, Schöpfung, Kosmos oder Wildnis.

Der Begriff NATUR ist vielschichtig und wird oft als das "GEGEBENE" verstanden, während KULTUR das „GEMACHTE" ist.

Heute stellt sich angesichts von Übernutzung natürlicher Ressourcen, von Klimawandel und sich häufenden Ereignissen, die nach menschlichen Dimensionen als Naturkatastrophen angesehen werden, zunehmend die Frage, inwieweit die Menschheit selbst als verändernde Kraft zu sehen ist. Seit der Industriellen Revolution greift der Mensch massiv in die Umwelt, sprich Natur ein und löst damit auch unumkehrbare Prozesse aus.

 

GB: Naturgewalten, Naturkatastrophen raffen Hunderttausende von Menschen weg, Kriege desgleichen. Dennoch steigt die Weltbevölkerung und bedroht die freie Natur, das heisst auch Gebiete in Naturzustand. 

Dennoch ist es faszinierend, die Naturgewalten zu erleben und zu überleben. Heutzutage sind manche Aktivitäten wie z.B. Naturgärten, naturbelassene Wälder, Natur- und Bioprodukte usw. im Trend. So hat z.B. Riehen ein Naturbad. Auch haben die Schweiz und andere europäische Länder vor allem Hochgebirge, wo die Natur sich frei entfalten kann. Übrigens: Mein persönliches Naturell führte mich in jungen Jahren zu wöchentlichen Wanderungen und Entdeckungen vor allem im Jura. Später praktizierten wir im Haus mit Garten eine Küche mit Naturprodukten.

 

Zum Schluss doch noch: Seit 65 Jahren sind meine Frau und ich Mitglied bei Pro Natura Schweiz und Basel. Daher auch unser Engagement für die Natur.

In Riehen, im Birseck und im nahen Elsass hat Pro Natura sich stark für intakte Natur eingesetzt.





Von Doris Plüss

 

Ein Überfall der Natur im Labor

 

Vor langer, langer Zeit – ich arbeitete als Laborantin in Forschungslabor des damals noch Bürgerspitals am Petersgraben. Mein Labor war in Parterre, ich hatte Sicht auf den Petersgraben. Wir hatten einen kleinen Hinterhof umgeben mit verschiedenen Pflanzen. Es war ein altes steinernes Herrschaftshaus.

An einem schönen Morgen, ich kam mit verschiedenen Materialien aus dem Hauptgebäude des Bürgerspitals zurück. Da stand eine meiner Kolleginnen mit grossen, entsetzen Augen vor ihrem Labor, das nach hinten in den Garten führte.

"Was ist los?" 

"Ich wurde überfallen, ich kann nicht mehr ins Labor zurück!''

"Was? Soll ich die Polizei rufen?"

"Nein, schau mal!" 

lch traute meinen Augen nicht! Das Labor war ca. fünf Meter lang, neben der Tür war ein

altes Lavabo noch mit freistehenden Rohren. Es hatte – glaube ich – zwei grosse Fenster. In dem Hinterhof war auch der Eingang zu diesem früher eher vornehmen Einfamilienhaus. Später wurden innen für das Bürgerspital verschiedene Labors eingerichtet. Heute ist es ein Kindergartenhaus. Vor ca. zwei Jahren durfte ich auf meine spontane Anfrage hin das Haus besichtigen. lch erhielt von der Leiterin eine höchst interessante Führung durch eine ganz andere Umgebung, als dass ich sie von früher kannte. Wir konnten uns gegenseitig begeistern. Sie mich durch dieses mit Spielsachen, Rucksäcken, kleinen Schuhen usw. gefüllten alte Gebäude, ich sie durch meine Schilderung, wie es früher vor langer, langer Zeit mal aussah. Zwar hatte sich einiges verändert, doch ich konnte auch einiger aus meiner Zeit wieder entdecken.

 

Nun zurück in die 70er-Jahre, zum Schreckensmoment meiner damaligen Kollegin, ins Labor im Petersgraben im Parterre. Quer durch diesen Raum vom Boden unter dem Fenster aus bewegte sich eine ca. drei Meter lange Ameisenkolonne. Die einen wanderten Richtung Lavabo, die andern in Richtung zum nicht sichtbaren Riss oder Loch in der Wand am Boden unter dem Fenster, wo die einzelnen Tierchen wieder verschwanden. Langsam wagen wir uns hinein, um zu sehen, was hier eigentlich los war. Wir trauten unseren Augen nicht. Die Kolonne ging unter dem Syphon hoch und endete an einer grossen Traube um einen Tropfen

Hustensirup Es war faszinierend, diesem Spektakel zuzusehen. Doch die Arbeit ruft! Wir wollten diesen Tierchen nicht schaden und sie töten. Also trockneten wir ganz langsam und vorsichtig den Hustensirup weg. Als nichts mehr da war, zog sich die Ameisenarmada wieder

durch die Wand unter dem Fenster zurück. Faszinierend war auch, wie die Ankommenden und die Zurückkehrenden sich gegenseitig immer anstiessen. War es eine Begrüssung oder eine Richtungsangabe? Wer weiss? Ein Rätsel blieb auch: Welche Spionageameise hat diese

Leckerei entdeckt, wie und wie schnell wurde sie weitegeleitet und der Zugriff gestartet? Für

uns war es ein lehrreicher Ausflug in die Geheimnisse der Natur! 

 

Während des Schreibens tat sich mir – wie kann es anders sein – wieder eine riesige Fabelwelt auf. Die Vorstellung, wie eine Ameise zufälligerweise dieser Schlemmerei begegnet, den Plan schmiedet, das in der Kolonie sofort zu melden, damit alle profitieren können. Der gemeinsame Aufbruch nach Erhalt der Botschaft. Die gemeinsame Freude und der gemeinsame Genuss des Sirups. Doch wenn ich mich richtig erinnere, schwankten die Rückkehrerinnen. Waren sie bekifft oder war es nur die Weitergabe der Botschaft? Auf jeden Fall stelle ich mir eine glückliche und zufriedene Rückkehr vor. Und eine neue Geschichte im Ameisenhaufen.

 

Leider las ich nach dem Schreiben über die Ameisenstrasse noch einen kurzen Artikel in der Baz vom Samstag:  Ameisenschmuggel für der Schwarzmarkt – Chinese verhaftet am

Flughafen Nairobi. 2000 Ameisenköniginnen (messor cephalotes) einer roten, grossen Ameise aus Ostafrika. Begehrt von internationalen Sammlern. Es gibt ein grosses Netzwerk, Kostenpunkt für eine Ameise bis 400 Euro.

 

Gibt es da noch etwas zu sagen?




Von Verena Hess


Naturphänomene halten für vieles her. Naturmetaphern kennen wir z.B. als Wirbelwind, Plaudern wie ein Wasserfall und vieles mehr. Auch für uns Alte gibt es zeitweise Metaphern. So fand man “Rentnerschwemme”– 1998 in Deutschland sogar zum Unwort des Jahres gewählt –  öfters in den Medien. Warum? Vielleicht braucht man gelegentlich einfach Feindbilder, die nicht zu hart zurückschlagen. Dazu eignen sich Alte gut. Sie twittern selten. Wenn sie protestieren, dann eher höflich. Sie schimpfen höchstens über Kinderlärm oder über Jugendliche; vielleicht auch über die rasante digitale Entwicklung oder übers Essen im Senevita.

Der Ausdruck “Rentnerschwemme” schafft Distanz zwischen alten Menschen und der Gesellschaft. Statt über notwendige strukturelle Reformen zu sprechen, werden die positiven Seiten der älter werdenden Menschen von der Gesellschaft radikal ausgeblendet. Uns sollte bewusst sein, wie sehr Sprache auch Wirklichkeit formt: Wer von “Schwemme” spricht, erzeugt Angst und Abwehr, baut Mauern. Wer hingegen von “Menschen, die älter werden” spricht, baut eher Brücken.

Vor allem ist erstaunlich, wie selektiv “Schwemmen” auftreten. In politischen Debatten tauchen sie auf, sobald ältere Menschen etwas kosten. Können jedoch dieselben Menschen irgendwo Geld ausgeben, verwandelt sich die bedrohliche Flut schlagartig in eine “attraktive Zielgruppe”. Nehmen wir als Beispiel Kreuzfahrten. Da wird aus der “Rentnerschwemme” eine “Goldene Generation” oder “Premierkundschaft”, aus Alten werden “Best Ager und “Silver Explorer”, solange das Geld sprudelt. Auch in Senioren-Anlagen ist keine Spur von Überflutung, nur “Komfort’ und “Exklusivität”. Die Menschen, die angeblich das Rentnersystem ruinieren, werden hier mit Schlemmerbuffets und Aktivprogrammen umgarnt.

Vielleicht ist dies ja die Pointe: Eine Flut, die nur dann ansteigt, wenn es politisch nützlich ist – und sofort versiegt, wenn Kreditkarten gezückt werden.

Der Rest ist Natur, eben Menschen, die alt werden, weil das zur Natur gehört.





Von Randolph Christen 


Lange glaubte ich, unser Verhalten und unsere persönlichen Eigenschaften sind das Ergebnis unserer Umgebung – eine Folge der Erziehung. Doch je älter ich wurde, desto mehr zweifelte ich an dieser einfachen Erklärung.

 

Die Debatte zwischen «Nature» versus «Nurture» – zwischen Anlage und Umwelt – beschäftigt Wissenschaft und Philosophie seit Jahrhunderten. Prägen uns unsere Gene, oder macht uns die Erfahrung zu dem, was wir sind? Heute denke ich: Beides spielt eine Rolle, aber die Anlage ist mächtiger, als wir es uns oft eingestehen wollen.

 

Meine Überzeugung stützt sich auf zwei Quellen: auf wissenschaftlichen Befunden einerseits und auf persönlichen Erfahrungen anderseits. Die Wissenschaft zeigt – etwa durch Zwillingsstudien –, dass getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge trotzdem sehr ähnliche Persönlichkeiten entwickeln. Das deutet darauf hin, dass ein Teil unseres Charakters angeboren ist. 

 

An mir selbst habe ich beobachtet, dass manche Eigenschaften mich mein ganzes Leben lang begleitet haben – eine Offenheit für neue Ideen, eine Neigung zur Vorsicht und zur Sorgfalt, sowie eine gewisse Zurückhaltung in grossen Gruppen. Diese Züge waren immer da, und haben sich im Verlaufe der Jahre nicht grundlegend verändert – nicht durch Reisen, nicht durch Lebenskrisen, nicht durch Lebenserfahrung. Sie blieben, wie eine Art innerer Kompass, der sich immer wieder auf denselben Punkt ausrichtet.

 

Die Psychologie spricht von fünf grossen Persönlichkeitsmerkmalen: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität. Forschung legt nahe, dass diese Persönlichkeitsmerkmale zu einem bedeutenden Mass genetisch veranlagt sind und über das Leben hinweg erstaunlich stabil bleiben. Das ist kein Fatalismus. Es bedeutet nicht, dass Wachstum unmöglich ist. Aber es bedeutet vielleicht, dass wir uns selbst ehrlicher begegnen, wenn wir akzeptieren: Ein Teil von uns war schon immer da – noch bevor die Welt begann, uns zu formen.






Von Madeleine Bollinger

  

Wir leben in und mit der Natur, wir selbst sind Natur. Leben ist Natur. Wo fühlen wir uns vollkommen lebendig? In der Natur. Wir Menschen sind so verschieden, dass jeder unter Natur etwas anderes sieht oder versteht. Ich z.B. fühle mich der Natur am nächsten in einem dichten Wald, an einem Bergbach oder Bergsee. Als ich ein kleines Kind war, suchte ich in den Ferien immer zuerst den Bach, und meistens musste ich nicht lange suchen. Und bei jedem Bach-Besuch fand ich einen von mir als einzigartig empfundenen Stein. Noch heute, trotz vielem Zügeln, habe ich etwa 40 Steine. Ganz langsam trenne ich mich von diesen Naturwundern, und jeder Besuch darf – wenn er möchte – einen Stein mitnehmen, ein Stück Natur.

 

Es spricht die Natur: Ich gebe euch so viel. Warum bekomme ich kaum etwas zurück? Ihr braucht mich, denn ihr könnt nur weiterbestehen, wenn ihr mich so liebt wie ich euch. Ihr Menschen seid meine Geschwister.

 

 

 

 

 

 

 

 




Mittwoch, 18. Februar 2026

 TÄUSCHUNG


Auf eine Täuschung folgt unweigerlich eine Enttäuschung

 und eine Beschämung, dass man sich täuschen liess.

(Madeleine Bollinger)



 

 

Von Verena und Gerhard Bächlin

 

Beim Tauschen 

versuchte man, mich zu täuschen

und viel zu viel zu hoischen.

 

Immer wieder werden wir Opfer von Täuschungen: persönlich oder allgemein.

Ein Mensch hat eine gute Meinung von jemandem, erfährt aber, dass diese Person ihn durch Täuschungsmanöver in seinen Bann zog. Ähnliche Täuschungen werden auch bei internationalen Konflikten angewandt, indem Falschmeldungen verbreitet werden. Die Bewohner sollen beruhigt werden, aber in Wirklichkeit ist es eine Täuschung und deshalb können sie ungeschützt angegriffen werden. Auch eine Beziehung kann durch Täuschung leiden, weil ein Partner ganz gezielt die Gegenseite täuscht, sodass das Opfer sich zurückzieht.

 

Oft wird der Ausdruck "du enttäuscht mich" in der Erziehung angewandt. Das kann von

Lehrpersonen und auch innerhalb der Familie geschehen. Ob diese Worte Besserung bringen ist fraglich.

 

Optische Täuschungen erleben wir vor allem in der Natur, aber auch wenn die Sehkraft nachlässt und man versucht die Täuschung zu erkennen und zu begreifen. Akustische Täuschungen entstehen oft durch Fehlschaltung oder durch räumliche Veränderungen, sowie auch durch Hörschäden und Hörhilfen.

 

Zwei Personen sahen sich täuschend ähnlich, wodurch ich einer TÄUSCHUNG zum Opfer fiel. Täuschungen sind oft persönliche Empfindungen und gehen an der Realität vorbei.






Von Verena Hess
 

Zur Zeit sind Fakes oder Fakenews in aller Munde. Ist Fake einfach die moderne Version der Täuschung? Gibt es einen Unterschied zwischen Fake und Täuschung? 

Fake ist die Illusion, die sich selbst feiert, also kann man sagen: Fake glänzt im Licht. Täuschung hingegen verschwindet im Schatten, will sich selbst verleugnen.

KI sagt, Täuschung sei der Prozess, der jemanden irreführt und Fake sei das Ergebnis, das Produkt. Mein fünfzehnjähriger Enkel hat eine eigene Interpretation und philosophisch betrachtet, ist Fake die Illusion, die sich selbst genügt oder sogar sich selbst feiert, und Täuschung ist die Illusion, die jemanden braucht, der darauf hereinfällt. Sicher ist, dass beide, Fake und Täuschung, jemanden brauchen, der sie glaubt.

Entfernen wir uns nun von den Mogeleien Europas und der USA.

Natürlich gibt es Täuschungen in unterschiedlichen Variationen. Was nicht sofort auf der Hand liegt, ist die Variante “Höflichkeit”, wie sie vor allem in den asiatischen Kulturen anzutreffen ist. Dort wirken Höflichkeit und Täuschung wie entfernte Verwandte. Sie benutzen ähnliche Werkzeuge wie Andeutungen, Auslassungen, Ausweichungen oder schlicht weiche Formulierungen, verfolgen jedoch unterschiedliche Ziele. Und die Nähe sorgt dafür, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturen sie gelegentlich verwechseln. Dies fasziniert mich unglaublich. Z.B. in China ist Höflichkeit eine soziale Technik, um Beziehungen zu schützen, Konflikte zu vermeiden, Respekt zu zeigen und das Gesicht aller zu wahren. Da kann Höflichkeit indirekt, weich, ausweichend, manchmal sogar kreativ daherkommen. Die Absicht will jedenfalls positiv sein.

Täuschung hingegen will jemanden bewusst in die Irre führen, Verantwortung vermeiden oder gar einen Vorteil erlangen.

In vielen Kulturen ist also indirekte Kommunikation ein Zeichen von Respekt. In direkten Kulturen, wie der Schweiz oder Deutschland, wird dies rasch als Verschleierung oder als Ausweichen verstanden. Natürlich kann dies zu Missverständnissen führen.

Also: Höflichkeit will schützen – Täuschung will verstecken.

Wenn beide gleichzeitig auftreten, wird es schräg und kommt zu Missverständnissen.

Uns bleibt auf der ganzen Welt nur eine Möglichkeit offen: stets wachsam zu sein und hinter Fassaden zu blicken.




 

Von Randolph Christen

 

Ich gehe durch die Welt mit der stillen Überzeugung, sie zu verstehen. Ich sehe, höre, ordne ein, bilde mir eine Meinung – und halte sie für vernünftig. Erst später, manchmal viel später, merke ich: Meine Wahrnehmung war unvollständig, mein Verständnis verzerrt, meine Meinung falsch. Nicht spektakulär falsch, nicht grotesk daneben – sondern auf jene unscheinbare, alltägliche Weise, die sich erst im Rückblick zeigt.

 

Neue Erkenntnisse korrigieren mein Bild. Ein Gespräch, eine Zahl, ein Perspektivenwechsel. Ich passe meine Meinung an. Sie fühlt sich nun reifer an, differenzierter, besser begründet. Und doch weiß ich: Auch diese neue Version ist falsch. Vielleicht weniger falsch als zuvor, aber immer noch ein Provisorium. Eine Annäherung, kein Ziel.

 

Die Täuschung liegt nicht draußen in der Welt, sie sitzt in mir. Meine kognitiven Verzerrungen arbeiten zuverlässig und unermüdlich. Ich sehe Muster, wo keine sind. Ich bestätige, was ich ohnehin glaube. Ich überschätze meine Kompetenz, unterschätze den Zufall und erkläre mir die Vergangenheit so, als hätte sie zwangsläufig genau so kommen müssen. Mein Gehirn ist kein neutrales Messinstrument, sondern ein geschickter Geschichtenerzähler – und ich bin sein dankbares Publikum.

 

Diese Einsicht ist unbequem. Sie kratzt am Selbstbild des vernünftigen, autonomen Menschen. Aber sie ist auch befreiend. Wenn ich akzeptiere, dass meine Wahrnehmung begrenzt ist, muss ich sie nicht mehr verteidigen wie eine Festung. Ich darf zweifeln, zögern, meine Meinung ändern, ohne mich zu verraten. Ich darf sagen: «Ich weiß es nicht» – und das nicht als Schwäche, sondern als ehrliche Standortbestimmung.

 

Täuschung verschwindet nicht durch Erkenntnis. Aber sie verliert ihre Macht, wenn ich mir ihrer bewusst bin. Meine Aufgabe ist nicht, endlich recht zu haben, sondern meine Irrtümer zu verkleinern. Schritt für Schritt. Mit Neugier, mit Demut – und mit dem Wissen, dass auch diese Haltung nur eine vorläufige ist.

 



 

 Von Anita Bigler

 

Im Sommer während den Schulferien löse ich gerne die Sommersprossen-Rätsel in der BAZ von Minu. Ich suche persönlich nach Lösungen in unserer Altstadt, denn in dieser Zeit sind die Antworten im Internet gesperrt.

So habe ich auch die "Tromp-l'oeil" entdeckt, es heisst "täusche das Auge" und bezeichnet eine illusionistische Malerei oder Kunstform, die durch realistische Darstellung und Schattenwurf Dreidimensionalität auf zweidimensionalen Flächen vortäuscht. Der Begriff wurde um 1800 geprägt und hat das Ziel, den Betrachter durch eine verblüffende Täuschung zu amüsieren und zu überraschen. Man weiss zwar, dass man vor einer flachen Wand steht, aber die Augen nehmen trotzdem ein dreidimensionales Bild war. Diese Wandmalereien können atemberaubend sein.

 

Heute nutzen auch viele Strassenkünstler diese alte Technik. Das Gänseliesel-Wandbild am unteren Rheinsprung ist ein schönes Beispiel dafür. Samuel Burri hat es ca. 1978 geschaffen. Das Bild mit der Gänseliesel ist nachgemalt, denn das Haus am Rheinsprung gehörte damals dem Bettfedernproduzenten Richter, der ein Reklamebild an die Hauswand malen liess. Nun hat Samuel Burri im Tromp l'Oeil-Verfahren das Gerüst, auf dem er während seiner Arbeit stand, ins fertige Werk einbezogen und so gibt es diese lustige optische Täuschung.

 

Das Tromp l'Oeil beim Spalentor, Der Kraijenjoggi (ein Basler Original), wirft vom oberen Fenster Erasmus im unteren Fenster eine Feder zu. Ein Mädchen mit langen Zöpfen und ein Bub schauen lachend der fliegenden Feder nach und eine Basler Taube verirrt sich ebenfalls in diese Szenerie. In Wirklichkeit hat diese Hausfassade keine Fenster, es ist also eine gelungene Täuschung.

 

In Frankreich in Lyon führte uns ein Guide beim Stadtrundgang in eine ganz verrückte Strasse, links und rechts alles Tromp l'Oeil Fassaden. Ich wusste bald nicht mehr, was hinten und vorne, oben und unten war.

 

Ich möchte noch Zaha Hadid, die Architektin, erwähnen. Sie war am Bau des Stuhlmuseums und des Feuerwehrmuseums in Weil beteiligt. Ihr gelang die Täuschung, wenn man auf einem ebenen Boden steht, meint man er ist schräg und man kommt ins Taumeln. Sie hat in Innsbruck die berühmte Skisprungschanze Berg Isel gebaut, zuoberst ist ein Restaurant und da erlebt man diese Schräglage in der Toilette.




Von Doris Plüss

 

Mir kamen so viele Ideen bei dem Wort Täuschung in den Sinn, dass ich sofort daran glaubte, das ist ja selbst ein Täuschungsmanöver. Also machte ich es wie Randy und begab mich auf die Suche im Internet. Spinnst Du eigentlich hast Du eine Vollmeise? Das ist ja katastrophal, typisch Internet, das hört ja nicht mehr auf. Also verlasse ich das Internet und gehe selbst auf die Suche.

 

Plötzlich hatte ich das Gefühl, alles um mich herum ist eine Täuschung. Vieles wird auch

vorgetäuscht und endet in einer Enttäuschung!

An meisten vertreten bei den Täuschungsmanövern ist die Tierwelt. Angefangen bei den Insekten, den kleinsten, bis zu den grossen Elefanten und co. Allein die Brautschau und die Wahl eines Bräutigams ist ein Riesentäuschungsmanöver. Von den Farb- oder Formveränderungen bis zu den verschiedensten Tönen und Figuren sind alle Variante vorhanden. Doch auch das mächtigste Wesen in der Tierwelt, Homo sapiens sapiens, ist

der grosse Meister der Täuschung. Ich fang gar nicht an aufzuzählen, damit kann man Bücher füllen!

 

Nun, ich bleibe bei den Tieren. Spontan kommen mir die verschiedenen Täuschungsmanöver meiner ersten zwei Katzen in den Sinn. Sie waren der erste und letzte Wurf von Jane, der Katze meines Partners Markus. Wir kamen von einen Kurzurlaub zurück, als sie uns voller Stolz zwei kleine graue Wollknäuel mit noch geschlossenen Augen präsentierte. Ich war hin und weg, dazu brauchte es keine Täuschung.

 

Zwei Tage später kamen noch vier weitere Kätzchen von der zweiten in der Wohngemeinschaft lebenden Katze zur Welt. Zuerst versorgten die beiden Mütter ihre Jungen an verschiedenen Orten im Haus. Die eine in einem Korb hinter einem Fauteuil, die andere in einem Kleiderkasten in der Wäsche. Nach ca. sieben Wochen, als die kleinen Racker langsam selbstständig waren, wurden sie von ihren Müttern ins Zimmern von Markus gebracht, nicht nur zu seinem Vergnügen. Sein Schlafmangel war nicht zu übersehen. Am Wochenende konnte ich ihn ein bisschen entlasten und ich konnte die sechs Racker

geniessen und beobachten.

 

Ja, so jetzt komme ich erneut auf das Thema Täuschung. Sie wird in allen Lebenslagen benötigt. Vor allem wenn es ums Fressen geht. Nur schon wenn Markus sich Richtung Küche bewegte, wurde er von dieser kleinen Meute verfolgt. Nur eine schnelle Schliessung der Küche und Aushalten des Geschreis vor der Türe ermöglichte eine geregelte Nahrungsvorbereitung. Dann man staune, nach Erhalt der Köstlichkeiten war es ruhig und

voller gegenseitigem Anstand! Schlau wie kleine – und auch grosse Katzen – eben sind, umgingen sie das Zurücklassen vor der Küche, indem sie sich eine Zeit vor der Essensausgabe darin versteckten und ruhig auf den Essensverteiler warteten. Und dann … ex bex lieber Markus – Täuschung.

 

So gab es noch so viele Täuschungsmanöver dieser Katzen. Eine, die ich sogar fotografiert habe, muss ich Euch zum Schluss noch erzählen. Luci versteckte sich hinter einem grossen Blumentopf in Markus' Zimmer. Gina war auf der Suche nach ihrer Schwester im Anmarsch. Als sie auf Topfrandhöhe war, kam Luci aus ihrem Hinterhalt und überfiel sie. Das friedliche Gerangel ging los. War das eine Täuschung!? Nach Wikipedia ein deutliches Ja. Dort sind so viele Arten von Täuschungen aufgeführt, dass bewiesen ist, dass Luci Gina getäuscht hat. Dieses Täuschungsmanöver wiederholte sich in deren Leben natürlich auch umgekehrt noch x-mal.

 

Nach Wikipedia ist Täuschung eine Fehlvorstellung (Irrtum) durch nicht der Wahrheit oder

Wirklichkeit entsprechende Umstände oder Sinneswahrnehmungen hervorgerufen, die zu einer verkehrten Auffassung eines Sachverhaltes führen. Dabei ist es gleichgültig,

ob die Täuschung bewusst durch einen anderen herbeigeführt wird (jemand wird getäuscht) oder nicht (jemand täuscht sich selbst). Im ersten Fall spricht man auch von Irreführung (oder umgangssprachlich "Masche").

Bei meinen Katzen war es sicher eine Masche!

 

 

 

 

 

 

Freitag, 6. Februar 2026

 Als ich ein kleines Mädchen war

Von Madeleine Bollinger 

Als ich ein kleines Mädchen war, da liebte ich "Anggeschnitte" über alles (übrigens auch heute noch). Ein Stück Brot mit Butter und Konfi oder, wenn es hochkam, mit Honig. Damit konnte man mich glücklich machen.

 

Es gibt eine Erinnerung an die Kindergartenzeit. Ich war sechs Jahre alt im ersten Kriegswinter. Lebensmittel waren knapp. Mein Kinder-Znünitäschli enthielt "nur" einen Apfel. Andere Kinder hatten als Znüni oder Zvieri zum Teil eine Doppelschnitte gefüllt mit Butter oder Konfi. Hie und da konnte ich etwas von diesen Köstlichkeiten erbetteln. Einmal versprach mir ein Bub eine solche Schnitte, wenn ich ihn nach Hause begleiten würde. Ich war begeistert und um vier Uhr zogen wir beide los. Der Knabe wohnte relativ weit vom Kindergarten entfernt. Von der Wintergasse mussten wir den Kannenfeldplatz überqueren und dann durch die Mittlere Strasse (heute Flughafenstrasse) zur Lenzgasse marschieren. Dort hiess mich der Bub vor dem Haus warten. Ich setzte mich auf das Gartenmäuerchen und hoffte auf die Schnitte, vielleicht sogar mit Honig. Ich wartete und wartete, aber die Haustür öffnete sich nicht. Es war Winter und es wurde langsam dunkel. Ich fror. Den Heimweg an die Kannenfeldstrasse zu suchen, wagte ich nicht.

 

Unterdessen starteten meine Eltern eine Suchaktion. Mein Vater lieh sich von den Nachbarn ein Velo und fuhr so durch die Quartiere, fragte Passanten, ob sie ein kleines Mädchen gesehen hätten. Mit Erfolg. Eine Frau konnte ihm sagen, dass ein Kind an der Lenzgasse vor einem Haus sitze. So fand mich mein Vater.

 

An eine Strafe für mein Abenteuer kann ich mich nicht erinnern. Wahrscheinlich waren alle froh, dass es so gut endete.


                                        


Als ich ein kleiner Junge war

Von Randolph Christen


Als ich ein kleiner Junge war, erschien mir die Welt noch einfach und überschaubar. Im Kleinkindalter war mein Denken stark vom Augenblick geprägt: Hunger, Müdigkeit oder Freude bestimmten meinen Tag. Herausforderungen löste ich instinktiv – wenn ich hinfiel, weinte ich, und sobald jemand die Hand reichte, war die Welt wieder in Ordnung.  

 

Später, als Kind, begann ich, die Dinge zu hinterfragen. Ich wollte wissen, warum der Himmel blau ist oder weshalb Erwachsene so viele Regeln aufstellen. Schwierigkeiten, wie ein Streit mit Freunden oder eine schlechte Note, empfand ich als große Dramen, doch ich lernte allmählich, Kompromisse zu schließen und Verantwortung zu übernehmen. In dieser Zeit entwickelte sich mein Denken vom reinen Erleben hin zum Verstehen.  

 

Als Jugendlicher schließlich wurde mein Blick weiter. Ich begann, nicht nur meine eigenen Bedürfnisse zu sehen, sondern auch die Erwartungen anderer und die größeren Zusammenhänge. Herausforderungen waren nun komplexer: Entscheidungen über Schule, Freundschaften oder erste Zukunftspläne stellten mich vor Fragen, die nicht sofort zu beantworten waren. Ich lernte, abzuwägen, zu zweifeln und eigene Standpunkte zu vertreten.  

 

So zeigt sich im Rückblick, wie sich die Denkweise Schritt für Schritt verändert: vom unmittelbaren Erleben über das neugierige Fragen bis hin zum bewussten Reflektieren. Jede Lebensphase brachte ihre eigenen Herausforderungen – und jede half mir, ein Stück erwachsener zu werden. 

 

 








 


Sonntag, 1. Februar 2026

 VERWANDTSCHAFT

Beitrag von Gerhard Bächlin

 Der Begriff  Verwandtschaft bedeutet:

1.     gleiche Abstammung, das Verwandtsein,

2.     alle Verwandten von jemandem, eine grosse Verwandtschaft haben,

3.     aber auch: Übereinstimmung in wichtigen Merkmalen.

Verwandtschaft ist im biologischen Sinne die genetische Beziehung von zwei oder mehreren Individuen. Sie ist durch die genetische Ähnlichkeit dieser Individuen, d.h. durch die Anzahl identischer Nukleotidsequenzen bestimmt.

 





So könnte man noch viel weiter ausholen, aber kommen wir zu Gefühlen und Erinnerungen: 

 

Meines Vaters Mutter, also meine Grossmutter väterlicherseits, wohnte im hohen Alter bei uns in Basel. In meiner Erinnerung erscheint sie als strenge Person, welche mir aber auch einige Märchen der Gebrüder Grimm erzählte. Sie war die zweite Frau meines Grossvaters, der starb, als ich ihn mit meinen vier Jahren noch nie gesehen hatte. Mit der ganzen Verwandtschaft seiner ersten Frau hatten wir keinen Kontakt. Ein Vetter, Kurt, organisierte später ein Familientreffen, wo wir erstmals den vielen Verwandten begegneten

.

Andererseits meine liebe Grossmutter mütterlicherseits, die war für mich wie eine zweite Mama. Mit dem Zug reiste meine leibliche Mama mit mir einige Male nach Baden (AG) für mehrere Wochen während dem Zweiten Weltkrieg. Dort lebten auch zwei Onkel mit Familien und zwei ledige Tanten, sowie Cousinen und Cousins, teils etwas älter, teils jünger als ich. Diese Zeit vor achtzig Jahren bleibt mir als wunderbare Erinnerung. 



Beitrag von Anita Bigler 

In meiner Jugend war mein Onkel Fritz mein Held. Er organisierte für uns vier Kinder, sobald der Schnee fiel, Skiausflüge in den Schwarzwald. Am Morgenfrüh fuhren wir ab Badischem Bahnhof und dann mit dem Todtnauerli, das war ein kleiner heimeliger Zug mit einem Ofen in der Mitte des Abteils.

 

Unser Onkel trug einen grossen schweren Rucksack, gefüllt mit Lebensmitteln. Unsere Tante dachte: Das reicht für zwei Tage, dann geht er nicht ins Restaurant. Aber da war er ganz anderer Ansicht. Er sagte uns, dass dieser Rucksack bis Todtnau leer sein muss! Für uns Kinder kein Problem, wir stopften uns die Bäuche voll mit harten Eiern, Wurst- und Käsebroten und Gebäck, dazu warmen Tee aus der Thermosflasche. Dabei roch es

wunderbar nach den Äpfeln und Orangen, die wir auf das Öfeli legten.

 

Onkel Fritz erklärte uns, wenn wir ihn verraten, nimmt er uns nie mehr mit!! Wir hielten uns daran und verplapperten uns nie, denn dieser Aus Feldberg, wo wir unsere Felle auf die alten Latten überzogen und so glitten wir durch die verschneiten Tannenwälder bis die erste Hütte in Sicht kam. Unser Onkel freute sich an einem Vierteli Wein und an einem Stück Schüfeli, er hatte ja noch nichts gegessen! Mit dem gleichen Procedere erreichten wir auch die zweite Hütte. Dann gings flott weiter bis nach Todtnauberg, wo uns unsere Tante mit ihrem Bauernhof schon erwartete. Der Tisch war gedeckt mit Kuchen, Zopf und vielen Köstlichkeiten.

 

Abends stapfte dann die ganze Familie durch den Schnee ins Restaurant Todtnauer Hof, von weitem hörten wir schon die lüpfige Musik. Hier machte ich meine ersten Tanzschritte und war total happy! Der Heimweg gestaltete sich immer etwas schwierig, denn unser Onkel

war gross und schwer und mit den vielen Vierteli wacklig auf den Beinen. Wir schoben und zogen und lachten, als wir durch den Schnee kugelten. Vom Heimweg anderntags habe ich keine Erinnerung mehr, wahrscheinlich war er nichtssagend.




 

Beitrag von Madeleine Bollinger 



 Die Eltern meines Vaters wohnten an der Sommergasse. Mein Vater war der älteste von fünf Kindern und der erste, der seine Eltern mit einem Grosskind beglücken konnte. Dieses Kind war ich. Schon bald folgten weitere Grosskinder, so mit den Jahren waren es fünfzehn. Meine Grossmutter war eine sehr bestimmende Frau. Jeden Mittwochnachmittag und mindestens jeden zweiten Sonntag wollte sie ihre Nachkommen um sich haben. Ich als älteste hatte die Oberaufsicht über die vielen Cousins und Cousinen, was mir nicht schlecht gefiel. Wir waren aber nie mehr als zwölf Kinder. Die drei Engländer konnten uns erst nach dem Krieg während der Schulferien besuchen.

 

Oft waren wir auf dem Estrich, wo sich die Modelleisenbahn von Onkel Felix befand. Im Sommer konnten wir uns im Garten austoben. Nicht selten missbrauchte ich meine Vormachtstellung, um die Kleinen zu Dummheiten anzustiften. Bestraft wurde dann natürlich immer ich. Aber im Allgemeinen war es eine schöne Zeit. Der Zusammenhalt aller Cousins und Cousinen hielt später noch an. Leider verliere ich als älteste nun alle meine früheren Spielkameraden. Jetzt gibt es nur noch Urs in Salzburg sowie Tony und Lisa in England. Alle anderen haben in den letzten Jahren diese - meine - Welt verlassen.

 

Meine verstorbene Schwester hatte drei Kinder. Und nun wachsen nach mir nächste, ja übernächste Generationen heran. Ich bin nun Urgrosstante!






 Margreth


von Verena Hess

 

Als ich Kind war, hatte man vor allem Verwandte, heute hat man eher Wahlverwandte, also

Freunde. Eine meiner früheren Verwandten stelle ich hier vor. Sie war die älteste Schwester meiner Mutter, also eine Tante. Im Text bin ich Linda, weil es sich so leichter erzählen lässt.

 

Also Margreth. Sie war in der Familie «die Dame». Vor allem ihre beiden Schwestern nannten sie so. Ob es deswegen war, jedenfalls hatte sie für Linda ebenfalls diese Aura. Sie brachte Modernität. Einen gewissen Chic, einfach «Welt» in die Familie. Sie brachte Linda etwas Bildung bei, zeigte ihr, wie man anständig isst, z.B. «Ellbogen nicht auf den Tisch», erzählte ihr von berühmten Basler Persönlichkeiten. Manchmal nahm sie Linda sogar ins Stadttheater mit. Für all dies zeigte sich das junge Mädchen offen, aufnahmebereit. Hätte Lindas Mutter das Benehmen ihrer älteren Schwester nicht ständig kritisiert, wäre deren Beitrag ans Familiäre nur positiv gewesen. So aber musste sich Linda dauernd zwischen den Frauen durchwinden, musste sich gut überlegen, wem sie was erzählen durfte. 

 

Für Lindas Mutter stand die ältere Schwester nicht zur sehr einfachen Herkunft, ja, verleugnete sie in gewissen Momenten sogar. Margreth wolle stets die «Vornehme» spielen. So gehe sie z. B. nur am Spalenberg und auf dem Markt einkaufen. Coop, Migros oder gar EPA seien nur für die einfachen Leute. Überall spiele sich Margreth mit ihrem vornehmen Freundeskreis auf. Der bestehe vorwiegend aus Herren mit Doktortitel und ihren Frauen. Wenn Lindas Mutter über die Unarten ihrer Schwester sprach, kam sie richtig in Eifer.

 

Nach dem Tod ihrer Schwestern und nachdem auch der Ehemann gestorben war, gingen Linda und ihre Tante regelmässig einmal pro Monat auswärts essen. Margreth war die letzte nähere Familienangehörige und sie hatte einiges zu erzählen. Nun wird auch Linda bewusst, wie zwanghaft ihre Tante an der der Maske der «Gutsituierten» festhält, wie tief ihre Angst vor dem Verarmen sitzt. Vor allem will Margreth auch verhindern, dass Linda hinter ihre bestens gehütete Fassade blickt. So darf z. B. niemand von der Familie vom geschäftlichen Konkurs ihres Ehemanns erfahren. Sie hat auch früher nie über den Scheidungsgrund ihrer ersten Ehe gesprochen, hat ihre Herkunftsfamilie erst über die Trennung informiert, als das nicht mehr zu verheimlichen war. Ihre Schwestern nahmen ihr das damals sehr übel. 

 

Linda hat das gespürt, denn das Schicksal von Tante Margreth ging ihr nahe. Ausgelöst durch die Trennung, schien die Tante damals ihr Leben neu zu organisieren, verbrachte einige Monate in einem Kinderheim des Abbé Pierre in Frankreich, was für Linda unglaublich spannend tönte. Bei den gemeinsamen Mittagessen erfuhr Lindas auch viel über die Kindheit und die schwierigen Jugendjahre der drei Schwestern. Margreth sprach offen über ihre Schamgefühle, wenn ein Liebhaber sie ins verlotterte Haus am damals berüchtigten Itelpfad heimbegleiten wollte. Sie erzählte dies jedoch mit viel Humor. Sehr eindrücklich war, wenn Margreth über ihre Ausbildungsversuche berichtete, die stets von der Familie, vor allem von den Schwestern torpediert wurden. Man habe sich stets über sie lustig gemacht, wenn sie mit dem Mäppchen unter dem Arm zu einem Kurs marschiert sei.

 

Heute denkt Linda viel über diesen Zweig der Familie nach. Aus der Distanz lassen sich Zusammenhänge und Muster gut erkennen. Bei den gemeinsamen Mittagessen hat es Margreth schon angesprochen: in dieser Familie durfte niemand ungestraft aus dem Korb hinauskriechen. Sich gegenseitig daran zu hindern, war das Credo der Familie. Das hat vor allem Margreth erlebt, als sie sich weiterbilden wollte. Es gab da den unausgesprochenen Leitsatz, sich nicht zu weit weg zu entfernen. Das bedeutete vielerlei: Man wohnte «in der Nähe». Man verdiente wohl recht, aber nicht übermässig. Man durfte vor allem nicht

viel gescheiter sein als die andern. Auch unterstützte und half man sich gegenseitig, pflegte Familientraditionen und verbrachte viel Zeit zusammen. Dies waren an sich sehr schöne Werte! Der Preis war aber das gegenseitige kontrollierende Misstrauen. Das erlebten alle Familienmitglieder, am stärksten jedoch Margreth. Alle litten unter den Einengungen, halfen jedoch mit, durch misstrauisches Beobachten das Gefängnis zu erhalten.

 

Zurück zu meiner Tante. Das Image der recht wohlhabenden Dame, hätte Margreth vielleicht bis zu ihrem Tod zu bewahren versucht, wäre nicht der unselige Unfall passiert. Lindas Tante wurde auf dem Fussgängerstreifen angefahren, musste mit diversen Knochenbrüchen ins Spital und verlor so jegliche Kontrolle über ihr Leben und über ihre Maske. Linda und ihr Bruder wurden als nächste Angehörige beigezogen und erhielten so – wider Margreths Willen – Einblick in deren private und finanzielle Situation: Die vornehme Tante lebte während der letzten Monate allein von der AHV. Die Kündigung für ihre grosszügige Mittelstandswohnung hatte sie schon erhalten, zudem stand sie bei einigen ausgewählten Bekannten in Schuld. Bei den gemeinsamen Mittagessen mit Linda beharrte sie jedoch aufs Selbstbezahlen.

 

 


  NATUR Von Anita Bigler Die Natur steht in meinem langen Leben an erster Stelle. Sie bestimmte schon immer meinen Alltag. Zuhause in unsere...