ZUKUNFT
Zukunft – oder die Kunst, im Jetzt zu leben
Von Randolph Christen
Oft kreisen meine Gedanken um die Vergangenheit oder die Zukunft. Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich mich suboptimal verhalten oder Chancen nicht genutzt habe, und spüre Trauer über das, was unwiderruflich vorbei ist. Dann wiederum denke ich an das, was noch kommen könnte, und empfinde Angst über die Unberechenbarkeit und Zufälligkeit der Zukunft. Ich frage mich: Werde ich bereit sein für das, was mich erwartet? Werde ich den Herausforderungen standhalten?
In diesen Momenten bemerke ich: Meine Gedanken sind überall – nur nicht im Hier und Jetzt. Ich verliere mich in Erinnerungen an die Vergangenheit oder in Befürchtungen über die Zukunft und übersehe dabei, dass das Leben eigentlich nur in der Gegenwart stattfindet.
Vielleicht ist es das Beste, die Aufmerksamkeit wieder auf den aktuellen Tag, ja sogar auf den einzelnen Moment zu lenken. Einen Atemzug nach dem anderen wahrnehmen. Sich bewusst machen: Genau jetzt, in dieser Sekunde, geschieht das Leben. Nicht gestern, nicht morgen – sondern heute.
Die Zukunft bleibt unsicher, die Vergangenheit unveränderlich. Aber im Jetzt liegt die Möglichkeit, beides zu verwandeln: Die Traurigkeit über Vergangenes kann sich in Dankbarkeit verwandeln. Die Angst vor dem, was kommen mag, kann weicher werden, wenn ich spüre, dass ich diesen einen Moment halten und gestalten kann.
Vielleicht ist genau das die beste Vorbereitung auf die Zukunft: im Heute zu leben – aufmerksam, achtsam, offen. Und Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug, Vertrauen zu gewinnen.
Zukunft
Von Madeleine Bollinger
Erster Schultag. Wie ich mich freute auf das, was ich in Zukunft alles erleben und lernen würde. Ich fühlte mich gross und stark. Die Lehrerin, Fräulein Sutter, führte mich zu einem Platz ganz hinten im Schulzimmer. Ich war eben grösser als die anderen, was mir zum ersten Mal bewusstwurde. Ich setzte mich in eine damals übliche Holzbank mit integriertem Tintenfass und einer Vertiefung für Griffel und Stifte. Ein Mädchen sass neben mir. Neugierig betrachtete ich sie. Sie gefiel mir sehr mit ihren langen, blonden Zöpfen. Sofort wollte ich auch meine Haare wachsen lassen. Meine Banknachbarin hiess Ruthli Seiler. Schon bald waren wir beste Freundinnen und verbrachten viel Zeit zusammen, auch ausserhalb der Schule. Wir hatten Zukunftsträume: Ruthli wollte Krankenschwester werden. Ich konnte mich noch nicht entscheiden, entweder Arbeit in einer Bibliothek oder an einem Postschalter zum Markenverkaufen und Stempeln der Briefe. Wir wollten beide drei Kinder bekommen, aber einen Mann konnten wir uns nicht vorstellen.
In der dritten Klasse besuchten wir zusammen den Kommunionsunterricht in der Antoniuskirche. Wir freuten uns auf die Erste Kommunion und wir wollten unbedingt nebeneinander in die Kirche einziehen. Aber Ruthli war etwas kleiner als ich, und da wir nach Grösse eingeteilt wurden, entschied die organisierende Nonne beim Probelauf, dass ich ganz hinter und Ruthli weiter vorne zu gehen hätten.
In der nächsten Schulstunde klagte Ruthli über Bauchschmerzen. Sie schienen sehr stark zu sein, denn Ruthli weinte, was nur selten vorkam. Ich durfte sie nach Hause begleiten, musste aber Fräulein Sutter versprechen, schnell wieder zurückzukommen. Es könnte ja Fliegeralarm geben und da durfte man nicht mehr auf der Strasse sein. Ruthli musste ins Spital. Wir durften ihr einen Brief schreiben. Ich vermisste meine Freundin sehr. Zwei Tage später kaum Fräulein Sutter mit Tränen in den Augen ins Schulzimmer und sagte uns, dass Ruthli gestorben sei. Fast alle Kinder weinten, nur ich sass einfach nur da und konnte es gar nicht glauben. Vor ein paar Monaten war meine Grossmutter gestorben, weil sie alt war. Ruthli war nicht alt.
Zukunft
Von Verena Hess
Noch vor zehn Minuten habe ich mich beim gemeinsamen Mittagessen durch die Zukunftspläne meiner 17-jährigen Enkelin davontragen lassen. Im Januar wird sie über einen Schüleraustausch für ein halbes Jahr nach Neuseeland gehen.
Und nun sitze ich in meiner Wohnung und versuche, über das Thema «Zukunft» zu schreiben. Ich spüre eine grosse Traurigkeit in mir. Ich merke, Pläne schmieden, wie meine Enkelin, kann ich nicht mehr, dabei war stets meine grosse Leidenschaft, Sehnsüchte zu spüren und eben zu planen. Eigentlich waren für mich Vorbereitungen fast lustvoller als die Erlebnisse selbst. Bei jedem Umbruch im Leben war ich bereit, mich neu zu entwerfen, wollte alles neu organisieren.
Und nun merke ich, dass sich da etwas verändert. Gegenwart gewinnt plötzlich an Bedeutung. Eigentlich werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins. Ob das am Alter liegt oder eher am Zeitgeist?
Gegenwart war für mich stets ein flüchtiger Tanz mit dem Alltagskram, kaum da und schon weg, jedoch der einzige Moment zum Handeln, dies stets unter Zeitdruck und hastend.
Zukunft war offen, voller Möglichkeiten. Schon als Schulkind träumte ich davon, später in fremden Ländern, natürlich in der Entwicklungshilfe, zu arbeiten. Für einige meiner damaligen Zukunftsvisionen schäme ich mich heute, stehe nicht mehr dazu.
Dann kam die Zeit, in der sich Erinnerungen und Echostimmen aus der Vergangenheit aufdrängten, was wahrscheinlich ebenfalls dem damaligen Zeitgeist entsprach. Man belebte Altes und ordnete es neu ein.
· Und heute verlangt die Gegenwart meine volle Aufmerksamkeit. Plötzlich kann ich meinen Körper nicht mehr ignorieren, muss mich um geschwächte Muskeln kümmern, muss lernen, gerade zu gehen, entweder mit Stöcken oder dem Rollator. Ich muss überlegen, welche Tram- oder Busstation geeignet ist zum Ein- und Aussteigen. Eben, ich muss mich mit den Herausforderungen der Gegenwart befassen. Das tönt auf Anhieb recht langweilig. Das ist es auch. Doch gleichzeitig kann es auch lebendig und sinnlich sein. Für mich jedenfalls eine neue Erfahrung, die darum auch mit Zukunft zu tun hat. Ich merke, wenn ich mich dieser Art Zukunft stelle, stelle ich mich dem Leben in seiner beweglichsten Form. Könnte ich dies gar mit Humor und Leichtigkeit nehmen, hätte ich schon gewonnen, egal, was da kommt.
· Ist Zukunft auch paradox? Sobald wir sie betreten, ist sie Gegenwart oder gar Vergangenheit. Und wir können nur in der Gegenwart handeln.
· Nun wird mir auch bewusst, dass die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine hartnäckig fortbestehende Illusion ist.



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