Als ich ein kleines Mädchen war
Von Madeleine Bollinger
Als ich ein kleines Mädchen war, da liebte ich "Anggeschnitte" über alles (übrigens auch heute noch). Ein Stück Brot mit Butter und Konfi oder, wenn es hochkam, mit Honig. Damit konnte man mich glücklich machen.
Es gibt eine Erinnerung an die Kindergartenzeit. Ich war sechs Jahre alt im ersten Kriegswinter. Lebensmittel waren knapp. Mein Kinder-Znünitäschli enthielt "nur" einen Apfel. Andere Kinder hatten als Znüni oder Zvieri zum Teil eine Doppelschnitte gefüllt mit Butter oder Konfi. Hie und da konnte ich etwas von diesen Köstlichkeiten erbetteln. Einmal versprach mir ein Bub eine solche Schnitte, wenn ich ihn nach Hause begleiten würde. Ich war begeistert und um vier Uhr zogen wir beide los. Der Knabe wohnte relativ weit vom Kindergarten entfernt. Von der Wintergasse mussten wir den Kannenfeldpark überqueren und dann durch die Mittlere Strasse (heute Flughafenstrasse) zur Lenzgasse marschieren. Dort hiess mich der Bub vor dem Haus warten. Ich setzte mich auf das Gartenmäuerchen und hoffte auf die Schnitte, vielleicht sogar mit Honig. Ich wartete und wartete, aber die Haustür öffnete sich nicht. Es war Winter und es wurde langsam dunkel. Ich fror. Den Heimweg an die Kannenfeldstrasse zu suchen, wagte ich nicht.
Unterdessen starteten meine Eltern eine Suchaktion. Mein Vater lieh sich von den Nachbarn ein Velo und fuhr so durch die Quartiere, fragte Passanten, ob sie ein kleines Mädchen gesehen hätten. Mit Erfolg. Eine Frau konnte ihm sagen, dass ein Kind an der Lenzgasse vor einem Haus sitze. So fand mich mein Vater.
An eine Strafe für mein Abenteuer kann ich mich nicht erinnern. Wahrscheinlich waren alle froh, dass es so gut endete.
Als ich ein kleiner Junge war
Von Randolph Christen
Als ich ein kleiner Junge war, erschien mir die Welt noch einfach und überschaubar. Im Kleinkindalter war mein Denken stark vom Augenblick geprägt: Hunger, Müdigkeit oder Freude bestimmten meinen Tag. Herausforderungen löste ich instinktiv – wenn ich hinfiel, weinte ich, und sobald jemand die Hand reichte, war die Welt wieder in Ordnung.
Später, als Kind, begann ich, die Dinge zu hinterfragen. Ich wollte wissen, warum der Himmel blau ist oder weshalb Erwachsene so viele Regeln aufstellen. Schwierigkeiten, wie ein Streit mit Freunden oder eine schlechte Note, empfand ich als große Dramen, doch ich lernte allmählich, Kompromisse zu schließen und Verantwortung zu übernehmen. In dieser Zeit entwickelte sich mein Denken vom reinen Erleben hin zum Verstehen.
Als Jugendlicher schließlich wurde mein Blick weiter. Ich begann, nicht nur meine eigenen Bedürfnisse zu sehen, sondern auch die Erwartungen anderer und die größeren Zusammenhänge. Herausforderungen waren nun komplexer: Entscheidungen über Schule, Freundschaften oder erste Zukunftspläne stellten mich vor Fragen, die nicht sofort zu beantworten waren. Ich lernte, abzuwägen, zu zweifeln und eigene Standpunkte zu vertreten.
So zeigt sich im Rückblick, wie sich die Denkweise Schritt für Schritt verändert: vom unmittelbaren Erleben über das neugierige Fragen bis hin zum bewussten Reflektieren. Jede Lebensphase brachte ihre eigenen Herausforderungen – und jede half mir, ein Stück erwachsener zu werden.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen