VERWANDTSCHAFT
Beitrag von Gerhard Bächlin
Der Begriff Verwandtschaft bedeutet:
1. gleiche Abstammung, das Verwandtsein,
2. alle Verwandten von jemandem, eine grosse Verwandtschaft haben,
3. aber auch: Übereinstimmung in wichtigen Merkmalen.
Verwandtschaft ist im biologischen Sinne die genetische Beziehung von zwei oder mehreren Individuen. Sie ist durch die genetische Ähnlichkeit dieser Individuen, d.h. durch die Anzahl identischer Nukleotidsequenzen bestimmt.
So könnte man noch viel weiter ausholen, aber kommen wir zu Gefühlen und Erinnerungen:
Meines Vaters Mutter, also meine Grossmutter väterlicherseits, wohnte im hohen Alter bei uns in Basel. In meiner Erinnerung erscheint sie als strenge Person, welche mir aber auch einige Märchen der Gebrüder Grimm erzählte. Sie war die zweite Frau meines Grossvaters, der starb, als ich ihn mit meinen vier Jahren noch nie gesehen hatte. Mit der ganzen Verwandtschaft seiner ersten Frau hatten wir keinen Kontakt. Ein Vetter, Kurt, organisierte später ein Familientreffen, wo wir erstmals den vielen Verwandten begegneten
.
Andererseits meine liebe Grossmutter mütterlicherseits, die war für mich wie eine zweite Mama. Mit dem Zug reiste meine leibliche Mama mit mir einige Male nach Baden (AG) für mehrere Wochen während dem Zweiten Weltkrieg. Dort lebten auch zwei Onkel mit Familien und zwei ledige Tanten, sowie Cousinen und Cousins, teils etwas älter, teils jünger als ich. Diese Zeit vor achtzig Jahren bleibt mir als wunderbare Erinnerung.
Beitrag von Anita Bigler
In meiner Jugend war mein Onkel Fritz mein Held. Er organisierte für uns vier Kinder, sobald der Schnee fiel, Skiausflüge in den Schwarzwald. Am Morgenfrüh fuhren wir ab Badischem Bahnhof und dann mit dem Todtnauerli, das war ein kleiner heimeliger Zug mit einem Ofen in der Mitte des Abteils.
Unser Onkel trug einen grossen schweren Rucksack, gefüllt mit Lebensmitteln. Unsere Tante dachte: Das reicht für zwei Tage, dann geht er nicht ins Restaurant. Aber da war er ganz anderer Ansicht. Er sagte uns, dass dieser Rucksack bis Todtnau leer sein muss! Für uns Kinder kein Problem, wir stopften uns die Bäuche voll mit harten Eiern, Wurst- und Käsebroten und Gebäck, dazu warmen Tee aus der Thermosflasche. Dabei roch es
wunderbar nach den Äpfeln und Orangen, die wir auf das Öfeli legten.
Onkel Fritz erklärte uns, wenn wir ihn verraten, nimmt er uns nie mehr mit!! Wir hielten uns daran und verplapperten uns nie, denn dieser Aus Feldberg, wo wir unsere Felle auf die alten Latten überzogen und so glitten wir durch die verschneiten Tannenwälder bis die erste Hütte in Sicht kam. Unser Onkel freute sich an einem Vierteli Wein und an einem Stück Schüfeli, er hatte ja noch nichts gegessen! Mit dem gleichen Procedere erreichten wir auch die zweite Hütte. Dann gings flott weiter bis nach Todtnauberg, wo uns unsere Tante mit ihrem Bauernhof schon erwartete. Der Tisch war gedeckt mit Kuchen, Zopf und vielen Köstlichkeiten.
Abends stapfte dann die ganze Familie durch den Schnee ins Restaurant Todtnauer Hof, von weitem hörten wir schon die lüpfige Musik. Hier machte ich meine ersten Tanzschritte und war total happy! Der Heimweg gestaltete sich immer etwas schwierig, denn unser Onkel
war gross und schwer und mit den vielen Vierteli wacklig auf den Beinen. Wir schoben und zogen und lachten, als wir durch den Schnee kugelten. Vom Heimweg anderntags habe ich keine Erinnerung mehr, wahrscheinlich war er nichtssagend.
Beitrag von Madeleine Bollinger
Die Eltern meines Vaters wohnten an der Sommergasse. Mein Vater war der älteste von fünf Kindern und der erste, der seine Eltern mit einem Grosskind beglücken konnte. Dieses Kind war ich. Schon bald folgten weitere Grosskinder, so mit den Jahren waren es fünfzehn. Meine Grossmutter war eine sehr bestimmende Frau. Jeden Mittwochnachmittag und mindestens jeden zweiten Sonntag wollte sie ihre Nachkommen um sich haben. Ich als älteste hatte die Oberaufsicht über die vielen Cousins und Cousinen, was mir nicht schlecht gefiel. Wir waren aber nie mehr als zwölf Kinder. Die drei Engländer konnten uns erst nach dem Krieg während der Schulferien besuchen.
Oft waren wir auf dem Estrich, wo sich die Modelleisenbahn von Onkel Felix befand. Im Sommer konnten wir uns im Garten austoben. Nicht selten missbrauchte ich meine Vormachtstellung, um die Kleinen zu Dummheiten anzustiften. Bestraft wurde dann natürlich immer ich. Aber im Allgemeinen war es eine schöne Zeit. Der Zusammenhalt aller Cousins und Cousinen hielt später noch an. Leider verliere ich als älteste nun alle meine früheren Spielkameraden. Jetzt gibt es nur noch Urs in Salzburg sowie Tony und Lisa in England. Alle anderen haben in den letzten Jahren diese - meine - Welt verlassen.
Meine verstorbene Schwester hatte drei Kinder. Und nun wachsen nach mir nächste, ja übernächste Generationen heran. Ich bin nun Urgrosstante!
von Verena Hess
Als ich Kind war, hatte man vor allem Verwandte, heute hat man eher Wahlverwandte, also
Freunde. Eine meiner früheren Verwandten stelle ich hier vor. Sie war die älteste Schwester meiner Mutter, also eine Tante. Im Text bin ich Linda, weil es sich so leichter erzählen lässt.
Also Margreth. Sie war in der Familie «die Dame». Vor allem ihre beiden Schwestern nannten sie so. Ob es deswegen war, jedenfalls hatte sie für Linda ebenfalls diese Aura. Sie brachte Modernität. Einen gewissen Chic, einfach «Welt» in die Familie. Sie brachte Linda etwas Bildung bei, zeigte ihr, wie man anständig isst, z.B. «Ellbogen nicht auf den Tisch», erzählte ihr von berühmten Basler Persönlichkeiten. Manchmal nahm sie Linda sogar ins Stadttheater mit. Für all dies zeigte sich das junge Mädchen offen, aufnahmebereit. Hätte Lindas Mutter das Benehmen ihrer älteren Schwester nicht ständig kritisiert, wäre deren Beitrag ans Familiäre nur positiv gewesen. So aber musste sich Linda dauernd zwischen den Frauen durchwinden, musste sich gut überlegen, wem sie was erzählen durfte.
Für Lindas Mutter stand die ältere Schwester nicht zur sehr einfachen Herkunft, ja, verleugnete sie in gewissen Momenten sogar. Margreth wolle stets die «Vornehme» spielen. So gehe sie z. B. nur am Spalenberg und auf dem Markt einkaufen. Coop, Migros oder gar EPA seien nur für die einfachen Leute. Überall spiele sich Margreth mit ihrem vornehmen Freundeskreis auf. Der bestehe vorwiegend aus Herren mit Doktortitel und ihren Frauen. Wenn Lindas Mutter über die Unarten ihrer Schwester sprach, kam sie richtig in Eifer.
Nach dem Tod ihrer Schwestern und nachdem auch der Ehemann gestorben war, gingen Linda und ihre Tante regelmässig einmal pro Monat auswärts essen. Margreth war die letzte nähere Familienangehörige und sie hatte einiges zu erzählen. Nun wird auch Linda bewusst, wie zwanghaft ihre Tante an der der Maske der «Gutsituierten» festhält, wie tief ihre Angst vor dem Verarmen sitzt. Vor allem will Margreth auch verhindern, dass Linda hinter ihre bestens gehütete Fassade blickt. So darf z. B. niemand von der Familie vom geschäftlichen Konkurs ihres Ehemanns erfahren. Sie hat auch früher nie über den Scheidungsgrund ihrer ersten Ehe gesprochen, hat ihre Herkunftsfamilie erst über die Trennung informiert, als das nicht mehr zu verheimlichen war. Ihre Schwestern nahmen ihr das damals sehr übel.
Linda hat das gespürt, denn das Schicksal von Tante Margreth ging ihr nahe. Ausgelöst durch die Trennung, schien die Tante damals ihr Leben neu zu organisieren, verbrachte einige Monate in einem Kinderheim des Abbé Pierre in Frankreich, was für Linda unglaublich spannend tönte. Bei den gemeinsamen Mittagessen erfuhr Lindas auch viel über die Kindheit und die schwierigen Jugendjahre der drei Schwestern. Margreth sprach offen über ihre Schamgefühle, wenn ein Liebhaber sie ins verlotterte Haus am damals berüchtigten Itelpfad heimbegleiten wollte. Sie erzählte dies jedoch mit viel Humor. Sehr eindrücklich war, wenn Margreth über ihre Ausbildungsversuche berichtete, die stets von der Familie, vor allem von den Schwestern torpediert wurden. Man habe sich stets über sie lustig gemacht, wenn sie mit dem Mäppchen unter dem Arm zu einem Kurs marschiert sei.
Heute denkt Linda viel über diesen Zweig der Familie nach. Aus der Distanz lassen sich Zusammenhänge und Muster gut erkennen. Bei den gemeinsamen Mittagessen hat es Margreth schon angesprochen: in dieser Familie durfte niemand ungestraft aus dem Korb hinauskriechen. Sich gegenseitig daran zu hindern, war das Credo der Familie. Das hat vor allem Margreth erlebt, als sie sich weiterbilden wollte. Es gab da den unausgesprochenen Leitsatz, sich nicht zu weit weg zu entfernen. Das bedeutete vielerlei: Man wohnte «in der Nähe». Man verdiente wohl recht, aber nicht übermässig. Man durfte vor allem nicht
viel gescheiter sein als die andern. Auch unterstützte und half man sich gegenseitig, pflegte Familientraditionen und verbrachte viel Zeit zusammen. Dies waren an sich sehr schöne Werte! Der Preis war aber das gegenseitige kontrollierende Misstrauen. Das erlebten alle Familienmitglieder, am stärksten jedoch Margreth. Alle litten unter den Einengungen, halfen jedoch mit, durch misstrauisches Beobachten das Gefängnis zu erhalten.
Zurück zu meiner Tante. Das Image der recht wohlhabenden Dame, hätte Margreth vielleicht bis zu ihrem Tod zu bewahren versucht, wäre nicht der unselige Unfall passiert. Lindas Tante wurde auf dem Fussgängerstreifen angefahren, musste mit diversen Knochenbrüchen ins Spital und verlor so jegliche Kontrolle über ihr Leben und über ihre Maske. Linda und ihr Bruder wurden als nächste Angehörige beigezogen und erhielten so – wider Margreths Willen – Einblick in deren private und finanzielle Situation: Die vornehme Tante lebte während der letzten Monate allein von der AHV. Die Kündigung für ihre grosszügige Mittelstandswohnung hatte sie schon erhalten, zudem stand sie bei einigen ausgewählten Bekannten in Schuld. Bei den gemeinsamen Mittagessen mit Linda beharrte sie jedoch aufs Selbstbezahlen.

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