Sonntag, 19. Juli 2026

 VIELFALT


Von Randolph Christen

Vielfalt stärkt eine Gesellschaft, weil sie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringt und dadurch neue Perspektiven eröffnet. Wenn Personen verschiedener Herkünfte, Interessen und Bildungswege aufeinandertreffen, entsteht ein Umfeld, in dem Wissen geteilt und erweitert wird. Diese Unterschiede führen nicht zu Distanz, sondern schaffen Lerngelegenheiten, die das Zusammenleben bereichern.

Gleichzeitig macht Vielfalt eine Gemeinschaft widerstandsfähiger. Unterschiedliche Erfahrungen ermöglichen es, Herausforderungen aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten und Lösungen zu finden, die breiter abgestützt sind. So entsteht eine Art soziales „Netz“, das stabil bleibt, auch wenn einzelne Bereiche unter Druck geraten.

Für den Einzelnen bedeutet Vielfalt zudem eine Chance zur persönlichen Entwicklung. Wer regelmässig Menschen begegnet, die anders denken oder leben, entwickelt leichter Toleranz, Grosszügigkeit und soziale Anpassungsfähigkeit. Diese Fähigkeiten fördern ein respektvolles Miteinander und erleichtern es, Konflikte konstruktiv zu lösen.

Insgesamt trägt Vielfalt damit wesentlich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Sie verbindet Menschen nicht trotz ihrer Unterschiede, sondern gerade wegen ihnen.




Von Gerhard Bächlin

 

Als Einführung ein Zitat von Berthold Brecht:

"Theater ist einfältig, wenn es nicht vielfältig ist."

 

Berthold Brecht wollte ein waches Publikum. Theater soll den Verstand anregen, nicht nur Gefühle. Theater musste viele verschiedene Seiten und Meinungen zeigen, das Publikum zum Nachdenken anregen.

Der Begriff Vielfältigkeit ist anwendbar auf fast alles, was auf unserer Erde existiert und lebt.

Durch die Erforschung des Weltraums ist auch die Vielfalt dieses Kosmos ins menschliche Bewusstsein gedrungen. In einem einzigen Kubikmeter fruchtbarer Erde leben unfassbare 100 bis 1000 Milliarden Lebewesen. Welche VIELFALT!

Die Vielfalt der Menschen führt zu unterschiedlichsten Wesen und Charakteren. Daraus ergeben sich Menschen mit differenzierten Verhaltensweisen, Ansprüchen und Lebensformen. Die topographischen und klimatischen Verhältnisse führen auch zu vielfältigen Berufen und Tätigkeiten.

Der heute erreichte Stand von Vielfalt im täglichen Leben kann für manche Menschen zur Belastung werden und generiert eine Vielfalt an Spezialärzten, Therapeuten und Heilmitteln.

All diese Vielfalt scheint zum Teil zu viel des Guten zu sein, weniger wäre oft mehr! In dieser Schreibwerkstatt hier entsteht eine erfreuliche Vielfalt an Beiträgen! Damit endet meine bescheidene Vielfalt.



Von Doris Plüss

 

Die grösste Vielfalt gibt es in der Natur, also ist die Auswahl, darüber zu schreiben, entsprechend vielfältig und erschwert die Auswahl und den Entscheid. Wie ich auf die Wahl und den Entscheid dieses Themas im folgenden Text kam, ist mir absolut schleierhaft. Denn es fällt auf eine lange, lange Zeit in meinem Leben zurück: 

 

1965, ich war 17 Jahre alt und machte eine Lehre als Spitallaborantin in damaligen Bürgerspital Basel. Im dritten Ausbildungsjahr verbrachte ich die Hälfte im Blutspendezentrum Basel. Für die Blutgruppenkarten bestimmten wir Blutgruppe und

Rhesusfaktor. Die grösste Aufgabe aber war, das gespendete Blut – damals noch in Flaschen abgefüllt – zu testen und in grossen Kühlschränken, sortiert nach Blutgruppen, zu versorgen. Jeden Tag kamen 4-5 Frauen – wir nannten sie liebevoll Schüttelfrauen. Sie setzen sich neben die spendende Person und bewegten ganz sanft und gleichmässig das anfliessende But, das sich somit mit dem Klumpenverhinderer und der Haltbarkeitsflüssigket verband. Wir im Labor bestätigten mit dem aus einem in einem Reagenzglas beigelegten Blut nochmals die Blutgruppe und den Rhesusfaktor. Dann wurden die Flaschen nach Blutgruppen sortiert und in grosse Kühlschränken versorgt. Heute 50 Jahre später ist die Handhabung ganz anders. Vor allem gibt es leider die beliebten Schüttelfrauen nicht mehr. Die Flaschen wurden durch Plastiksäckchen ersetzt und die werden während der Spende maschinell geschüttelt.

 

Nun zurück zum Thema "Vielfalt"! Dies führt mich zu einem obergestressten Pfingstsamstag, vor Jahren und einem fast verpassten zweieinhalbtägigen Ausflug mit meiner Jugendgruppe. In der Garderobe wartete mein Rucksack und die Vorfreude war gross. Meist hatten wir im Labor am Samstag nur die Vorfälle und die Probeentnahmen vom Entnahmeraum. Um 12 Uhr wurde das Zentrum geschlossen. Gewappnet für ein Pfingstwochenende waren alle Kühlschränke gefüllt. Eigentlich alles okay, wie gewohnt. Doch denkste, das wurde ein Horrorpfingstsamstag. Schon am Morgen erhielten wir ein Teströhrchen aus dem nahegelegenen Frauenspital, überbracht von einer sehr jungen schwangeren Frau.

Sie war eine von denjenigen – meist sehr jungen – Frauen ohne Krankenkasse und konnte

die Geburt nicht selbst bezahlen. Also wurden sie für unentgeltliche Botengänge vor der Geburt eingesetzt. Wir sollten drei Flaschen A Rh positiv testen für eine im Frauenspital bevorstehende Geburt. A Rh pos ist die häufigste Blutgruppe, also kein Problem. Doch es

zeigte sich, dass die gebärende Mutter in ihrem Blut Antikörper gegen rote Blutkörperchen ihrer eigenen Blutgruppe hatte. Sie selbst war nicht gefährdet, da ihr selbst das entsprechende Teilchen fehlte. Also mussten wir drei Flaschen A pos finden ohne dieses Teilchen auf den roten Blutkörperchen.

Dies ist einer der Gründe, warum das gespendete Blut immer vor der Transfusion mit dem Blut des Empfängers oder der Empfängerin getestet werden muss. Dieser Test verhindert – sollte er positiv sein – starke Reaktionen. Wir mussten so schnell wie möglich aus der Vielzahl A Rh pos-Blutflaschen eine sehr seltene mit diesem Unterschied finden. Sofort telefonierte ich einer Zwinglibundkollegin. Sie suchte mir eine entsprechende Zugsverbindung heraus, damit ich doch noch kommen könnte. Es wurde ein Horror-Stress-

Nachmittag. In Basel gingen wir zu dritt auf die Suche. In allen Zentren der Schweiz wurde getestet und gesucht. Wir in Basel fanden eine und ich glaube in der Schweiz fand man noch zwei. Hätten wir nicht die Vielfalt und den guten Kontakt zu den anderen Zentren der

Schweiz, ich weiss nicht, wie wir das geschafft hätten.

Heute fast 50 Jahre später sieht es ziemlich sicher ganz anders aus. Das gespendete Blut wird nicht mehr in Flaschen gefüllt – zum Leidwesen der Schüttelfrauen, die diese Arbeit mit viel Engagement und Freude gemacht haben. Auch kann heute das gespendete Blut je nach Bedarf getrennt und verschieden aufbewahrt werden. Für mich endete der gestresste Pfingstsamstag mit einem noch erwischten Zug. Ich wurde freudevoll von keinen Kolleginnen und Kollegen empfangen, und konnte den Rest der Pfingsten voll geniessen. Nach meiner Rückkehr erfuhr ich zu meiner Freude, dass die Mutter und das Kind das Spital nächstens gesund verlassen konnten.

 

 

 



Von Vreni Indlekofer

 

Ja, ich war ein vielfältig interessierter Mensch, aber ich muss gestehen, dass von dieser Vielfältigkeit nicht mehr viel übrigbleibt. Meine Krankheit hat mich gezwungen, vieles liegen zu lassen und mich auf wenige Sachen zu beschränken. Vor allem die Schreibwerkstatt möchte ich am wenigsten missen, und daher versuche ich, mit dieser möglichst noch weiter zu machen. 

Nun zu dem Wort "Vielfältigkeit": Als ich noch als junge Frau in der Lehre war, kamen sehr viele Leute in das Bürofachgeschäft einkaufen und wollten Verfielfältigungspapier. Es ist ein sehr saugfähiges Papier, nicht zu verwechseln mit Umdruckpapier. Hatten wir die Farbe und die Dicke des Papiers ausgewählt, so fragte ich der Kunden, ob er die Matrize dazu besitze. Das war meist die grösste Schwierigkeit, denn das Papier war mit einem Kopf versehen, den man in die Maschine einspannen musste. Also musste die Garnitur genau zur Vervielfältigungsmaschine passen.

Dies Matrize selbst mit dem passenden Kopf musste dann in die Schreibmaschine eingespannt werden. Dann musste man diese Matrize beschriften mit dem gewünschten Text. Da das Formular mit Wachs beschichtet war, schlug es den Wachs weg und so hatte man dann die Vorlage zum Druck. Die ausgestanzten Buchstaben wurden mit der hinteren Seite dieser Garnitur mit Farbe gefüllt und jetzt war die Garnitur bereit zur Verarbeitung.

In der Vervielfältigungsmaschine brauchte es Alkohol, und nun gings' los. Die in der Maschine eingebaute Walze holte sich immer ein wenig Flüssigkeit, die dann über die Walze auf die hintere Seite der Wachsschablone übertragen wurde und so mit der blauen oder

schwarzen Farbe die leergeschlagenen Buchstaben füllte. Damit konnte man viele, viele Papiere bedrucken!

Viele Leute hatten Schwierigkeiten, diese Aufgabe zu bewältigen, und so kam es dann zum Umdruckpapier, das keine solchen Schablonen benötigte. Das war viel einfacher zu bedienen und wurde von allen Leuten gut verstanden, ist heute aber auch veraltet.

Heute ist die Vielfältigkeit zu Einfältigkeit geworden.

 

 



Von Anita Bigler

 

Ich möchte über die Vielfalt der Alpenblumen schreiben. Es hat mich jeden Frühling von Neuem begeistert, diese Blumenpracht zu bewundern, wenn ich auf schmalen Bergweglein unterwegs war. Ein kleines Buch im Rucksack half mir, wenn ich nicht ganz sicher war, wie das Blümlein heisst.

Zuerst zeigen sich die Frühlingskrokusse in Weiss oder Blau zwischen den letzten Schneeresten, und die zarten Soldanellen leuchten lila dazwischen. Jetzt strahlen auch die wunderschönen Anemonen in Weiss und Gelb.

Dann geht es Schlag auf Schlag und es breitet sich ein Alpenblumen-Teppich aus. Du wanderst zwischen blauem Enzian, gelbem Fingerkraut und Huflattich, dann an den sprudelnden Bergbächlein mit den gelben Dotterblumen. Etwas später im Jahr siehst du Schlüsselblumen und Pippau, Johanniskraut und die schönen runden gelben "Rigirollen" genannt Trollblumen.

Bald überzieht der Knöterich in Rosa die Alpweiden, zusammen mit den Esparsetten und dazwischen die wilden Orchideen in leuchtendem Violett. Weiter oben breiten sich die Alpenrosen aus, dazwischen die gelben Akelei-Sterne und der deutsche Stengelenzian.

Im Herbst leuchten die roten Wachholderbeeren zwischen den Steinen hervor, wir sitzen hier mit einer Zwischenverpflegung und bewundern einige Männertreu (sie sind rar). Ich lege mich auf den Bauch um ihren ausgeprägten Vanilleduft einzuatmen. Die Teufelskralle und die Rapunzel in Blau, die kleine Kugelblume und die vielfältigen Glockenblumen, dazwischen auch Thymian und Hauswurz auf den Steinen.

Im Spätherbst blühen eines Morgens Herbstzeitlosen, das Heidekraut färbt sich rot und die Silberdisteln leuchten hervor. Etwas Seltenes sind die Lilien: Paradieslilien in Weiss, die sich zahlreich an einem Hang im Wind wiegen, Türkenbundlilien von Rosa bis Purpur und Feuerlilien in Feuerrot. Immer ein toller Blickfang!

Bei meinen Reisen in Nordeuropa traf ich überall die gleiche Blume: das Weidenröschen. Es blüht langstielig von Rosa bis Rot. In meinem Buch steht: von 800 - 2600 m, häufig und gesellig!

 

 



Von Verena Hess

 

Das modernere Wort für Vielfalt ist wahrscheinlich Diversität. Beide Wörter sind sehr vielfältig anwendbar. So gibt es z.B. die Biodiversität, die Genderdiversität, Farbenvielfalt, Blumenvielfalt oder, oder … Für vieles davon haben wir in diesem Raum sehr gute Experten oder Expertinnen, denen will ich keinesfalls dreinreden. Doch es gibt auch die Multikultigesellschaft, was ähnlich tönt. Vielfalt als nettes Gesellschaftsprojekt fürs moderne Leben. Bunt, tolerant und sehr menschlich. Alles werde sich leichter und fröhlicher anfühlen, so sagen sie. 

Doch das kommt kaum von alleine. Menschen bleiben Menschen, bleiben widersprüchlich, und natürlich sind wir durch unsere Mitmenschen meist sehr rasch überfordert. Vielleicht steht uns manchmal auch die eigene Vergangenheit im Weg.

Fast unbemerkt habe ich die Vielfalt auf unser Haus, die Senevita eingedämmt. Dass wir halt auch eine vielfältige Gemeinschaft sind, spürt man vor allem beim Essen. Da ist die, die stets so laut lacht, einer, der kaum spricht, eine, die alles verplant aus Angst, mit sich selbst allein zu sein. Und einer, der alles laufen lässt, weil Kontrolle ihn müde macht. Eine, die ihre Haare leuchtend färbt, weil sie sonst vielleicht nicht beachtet würde. Einer, der alles besser weiss, und eine andere, die da meint, stets kontern zu müssen.

Alles reibt,

alles irritiert, 

vieles stört.

Doch plötzlich – zwischen all dem Durcheinander, zwischen den kleinen Kriegen des Alltags, zwischen den Missverständnissen, die niemand absichtlich erzeugt, tauchen diese besonderen Momente auf: Jemand hört plötzlich zu, jemand sagt: "Bleib so." Jemand lacht genau an der richtigen Stelle. Vielleicht zeigt sich so Hoffnung, nicht die glatte, politisch korrekte Version, eher die unbeholfene, die kantige, die sich durch all die irritierenden Unterschiede durcharbeitet und am Ende sagt:

Wir müssen uns nicht gegenseitig angleichen, um uns nicht zu verlieren. Vielfältigkeit ist einfach ein gutes Mittel, um nicht am eigenen Echo zu ersticken.




Dienstag, 16. Juni 2026

 NEUGIER


Von Vreni Indlekofer

 

Gibt es wohl Menschen, die gar keine Neugierde verspüren? Ich selbst habe gemeint, ich sei nicht neugierig, doch merke ich, dass immer wieder eine Neugierde in mir hochsteigt. Die erste Neugierde, an die ich mich erinnern kann, war wohl die Folgende:

Als kleines Kind stand mein Bett direkt an der Wand zum Schlafzimmer der Eltern. Immer

wieder konnte ich vernehmen, dass ein leises Stöhnen zu mir hinüberdrang. Ich hatte Sorgen, dass es den Eltern an irgend etwas fehle, aber das Stöhnen war nicht schlimm anzuhören. Es kam eher fröhlich zu mir hinüber. Als ich dann nach einiger Zeit meine Schwester fragte, ob sie das jeweils auch höre, bejahte sie meine Frage. Aber genauere Antwort darauf bekam ich keine, sie schwieg. Heute weiss ich natürlich, was dieses Stöhnen bedeutet hat, und darf darüber glücklich sein.

Eine nächste Neugierde verspürte ich, als meine Schwester etwa in die 7. Klasse kam und es dort einen Jungen gab, der ihr immer wieder den Hof machte. Sie selbst aber verspürte eine grosse Abneigung gegen diesen Jungen. Ich fragte sie mehrfach nach dem Grund für ihre Abneigung, aber sie gab mir nie eine klare Antwort. Da er jedoch nicht locker liess, mit ihr ein Rendez-vous zu bekommen, war plötzlich ich im Mittelpunkt: Sie verlangte von mir, dass ich sie vor dem Jungen beschütze. Eigentlich fand ich ihn zwar sehr nett, aber meine Schwester war mir halt doch noch wichtiger. Also, jedes Mal, wenn er ein Date abmachen wollte, musste ich ihm sagen: «Nein, das geht nicht, dann ist meine Schwester bei meiner Grossmutter.» Wenn er am nächsten Tag wieder abmachen wollte, sagte ich: «Ach nein, das passt nicht, dann gehen wir zusammen nach Zürich.» So log ich das Blaue vom Himmel herunter für meine Schwester, aber oftmals merkte er dann wohl, dass da etwas nicht

stimmen konnte. Er sagte zu mir: «Gestern hast du mir gesagt, es gehe nicht, weil Buti bei der Grossmutter sei. Heute sagst du mir, ihr würdet nach Zürich gehen.» Da antwortete ich: «Ja, natürlich, wir nehmen die Grossmutter doch mit nach Zürich!» So ging das etwa zwei Jahre lang. Heute, 70 Jahre später, haben die beiden wieder Kontakt. Meine Schwester findet ihn nun zwar nett, mehr aber nicht. Bis heute weiss ich immer noch nicht, warum meine Schwester damals nichts von ihm wollte - diese Neugierde wurde nie gestillt.

Was wird wohl meine nächste Neugierde sein? - Das ist meine Neugierde …






Von Doris Plüss

 

Lange grüble ich: Soll ich mit meiner Neugier ins Weltall, ins Meer oder ins Tierreich?

Doch während meine Gedanken kreisen, entdecke ich eines der neugierigsten Wesen, die es gibt. Er stolziert gerade vor mir durch die Stube und beobachtet neugierig seine Umgebung. Ihr könnt Euch denken, es handelt sich um meinen Kater Blacky. 

Katzen sind sehr neugierige Wesen. In der freien Natur gehört es zu ihrem Überlebensinstinkt. Jede Veränderung wird frühzeitig und genau untersucht. Für mich täglich beobachtbar, zeigt sich an ihrer Körpersprache ihre Neugier. Die Ohren und Schnurrhaare sind nach vorne gerichtet und aufmerksam aufs Ziel fixiert. Der Schwanz zeigt aufrecht nach oben. Augen und Pupillen weit geöffnet aufs Ziel gerichtet. 

Nun zurück zu meinem Mitbewohner Blacky, einem sehr neugierigen Wesen. Ich wache frühmorgens meist so ca. um 6 Uhr auf. Das hat Blacky schon verinnerlicht, das weiss er und nützt dies aus. Während der Nacht schläft er zu meinen Füssen und schleicht sich frühmorgens ganz langsam bis vor mein Gesicht. Es wird geschnuppert und die Neugier erwacht: Ist sie schon wach? Reagiert sie, wenn ja wie? Nun, dieses schlaue Wesen weiss ganz genau, auch wenn meine Augen noch geschlossen sind: Die ist wach! Es kommt näher, schubst mit seiner Stirn an meine Nase, und ich öffne die Augen und schaue in ein paar wunderschöne neugierige Augen, die mich fragen: Wann stehst du endlich auf und

wann gibt es endlich was zu fressen! So beginnt unser gemeinsamer Tag.

Jetzt ist es Zeit für die nächste neugierige Phase! Mit hoch gestelltem Schwanz verfolgt er mich in die Küche. Dort setzt er sich erwartungsvoll neben seinen Futterplatz und beobachtet aufmerksam mein Tun. Was gibt es heute?

Nach dem Frühstück geht's – vor allen jetzt in der wärmeren Jahreszeit, wenn die Türe offensteht – auf die Terrasse. Dort wird durch aufmerksames Beobachten der ganzen Gegend die Neugier für den neuen Tag gestillt.  Dann ist Schlaf angesagt! Blacky schnarcht ganz leise und ein Zucken geht durch den ganzen Körper. Träumt er? Und wenn ja, was wohl? Auch die Ohren bewegen sich immer wieder, wie kleine Antennen. Beim für ihn geringsten unbekannten Geräusch, stellen sich diese Ohren und langsam öffnen sich die Augen.

Ist es Neugier oder Achtsamkeit? In der Natur gehört dies zum Überlebenstrieb. Doch in der sicheren Stube vor allem zur Neugier. Auch Verlangen oder sogar Fordern nach Streicheleinheiten und nicht zu vergessen: Gibt es bald wieder was zum Naschen oder ist es Zeit für die regelmässig sichergestellte Fütterung?

Egal, ich denke für eine Katze oder einen Kater besteht ein Grossteil des Lebens aus Neugier!


                            

                                            


Von Randolph Christen

Neugier im Alter verändert sich nicht einfach, sie wandelt ihren Charakter – und ich spüre diesen Wandel in meinem eigenen Lebenslauf. Als Kind war meine Neugier spontan, spielerisch und grenzenlos. Alles wollte ich anfassen, ausprobieren, verstehen. In der Jugend blieb sie lebhaft, aber sie richtete sich stärker auf das unmittelbare Erleben und auf das, was mir gerade wichtig erschien.

Mit den Jahren wurde meine Neugier selektiver und bewusster. Ich merkte, dass sie sich zunehmend an meinen persönlichen Erfahrungen orientierte. Dieser Wandel fühlte sich nie wie ein Verlust an, sondern wie eine Verfeinerung.

Im mittleren Lebensalter richtete sich meine Neugier oft auf berufliche, familiäre oder gesellschaftliche Themen. Sie half mir, Entscheidungen zu treffen und mich in komplexen Situationen zu orientieren. Heute, im höheren Alter, hat sie einen ruhigeren, reflektierten Klang. Ich interessiere mich stärker für Zusammenhänge, für biografische Fragen und für Entwicklungen, die mein Leben begleitet haben. Diese Form der Neugier entsteht aus innerer Motivation, nicht aus äusserem Druck.

Ich erlebe, wie anhaltende Neugier meine geistige Beweglichkeit stärkt und mir hilft, Veränderungen anzunehmen. Sie bleibt ein stabiler Bestandteil meines Lebens – angepasst, gereift, aber lebendig.


 


Von Anita Bigler 


Mit einer guten Portion Neugier bleibt der Lebenssinn erhalten.


Trotz meines Alters bin ich noch immer neugierig und wissensdurstig. Leider wird das Lesen von interessanten Büchern schwieriger und die Museumsbesuche etwas beschwerlicher. Wandern und Reisen im alten Stil kann ich nicht mehr, aber ich kann Bus- und Drämlifahren, mit unserem U-Abo, kommt man recht weit.

Ich sitze also im Drämli und schaue aus dem Fenster, ich bin die Einzige, denn alle anderen starren auf ihr Handy. Ich sehe neue Baustellen, dazwischen leere Schaufenster, wo früher bekannte Geschäfte waren. In grossen Lettern steht da "open soon" was meistens längere Zeit dauert. Ausserhalb der Stadt fährt das Tram oder der Bus durch sehenswerte Landschaften, ich entdecke frühere Wanderwege, woran ich mich sehr gerne erinnere. 

Bald sind in unserer Stadt Schulferien, und in dieser Zeit gibt es in der BAZ wieder die Sommersprossen-Rätsel von Minu. Ich freue mich immer darauf, denn ich suche die Antworten gerne vor Ort in unserer Altstadt. Das ist meistens nicht einfach zu finden, denn Minu gibt sich da viel Mühe, eine versteckte Trouvaille zu beschreiben. Sucht man auf dem einfachen Weg im Internet, lacht ein Smilie statt einer Antwort. Wenn ich Glück habe, finde ich etwas im Buch von Dominik Heitz, dem "Stadtjäger". Jedes Jahr bin ich neugierig auf diese täglichen Rätsel, die ich mit viel Spass zu lösen versuche.





Von Gerhard Bächlin

                              

Ungesunde Neugier oder auch Schnüffeln genannt und die Nase in die Angelegenheiten anderer Menschen zu stecken, ohne daran im positiven helfenden Sinne teilzunehmen. Diese anderen Menschen fühlen sich belästigt und können dann unwirsch reagieren. Dazu passt das Wort KRIEG.

Die gesunde angeborene Neugier hingegen wie beim Kleinkind, das seine nächste Umgebung erfahren, ertasten, erschnuppern will, hilft das ganze lange Leben hindurch, sich auf gesunde Weise weiterzuentwickeln. Dazu passt das Wort FRIEDEN.

 

Zurzeit haben meine Frau Verena und ich die Gelegenheit, unseren einjährigen Urenkel zu erleben beim Erkunden seiner wechselnden Umwelt, zeitweise in Basel, dann von nun an

im neuen Haus in Portugal an der nördlichen Algarve mit Felsküste und Stränden. Eine Freude, zu sehen wie er seine nächste Umgebung ertastet und erlebt. Wohlgemerkt sehen wir das Meiste dann auf Bildern/Fotos, die unsere Enkelin/seine Mama uns sendet. So ist auch unserer Neugier geholfen. Aber wir dürften ihn schon auch in die Arme nehmen. Nun sind wir beide auch neugierig, wie sich dieser Mensch weiterentwickelt. Dank unsere gesunden NEUGIER. 




Von Madelaine Bollinger

 

Ich bin ein neugieriger Mensch. Und das sind wir alle, sonst wären wir nicht hier.

Die Neugier beginnt schon bei der Geburt. Ohne Neugier, keine Fortschritte, kein Lernen. Wie freute ich mich auf die Schule, ich wollte wissen, lernen. Die Neugier begleitet mich bis heute. Meine Bibliothek ist voll von Nachschlagewerken und Wörterbüchern in vielen Sprachen. Auch brauche ich immer noch analoge Landkarten. Ich benütze diese Quellen fleissig, weil ich einfach neugierig bin und wissen möchte. Ganz selten hilft wir auch Google.

 

Nun zur negativen Neugier. Ich verschliesse mich sofort, wenn ich "ausgefragt" werde. Zur Begrüssung gehört ja oft: "Wie geht's?" Eine rhetorische Frage, auf die ich fast immer mit "Gut" antworte. Würde ich "Nicht gut" sagen, wäre mein Gegenüber erst mal überrascht, dann käme das "Warum?". Diese Frage kann ich doch nur beantworten, indem ich mich öffne, mein Leiden preisgebe. Das "Warum" ist die Frage, die mich irritiert, sie ist übergriffig. Und oft möchte der Fragende gar nicht wissen, was mich plagt.

 

Freunde dürfen fragen, der Arzt muss fragen. Fragen dürfen den Befragten nicht in die Enge treiben. Dazu braucht es viel Empathie, so genanntes "Gschpüri". Neugier hat da keinen Platz.

Beispiel einer vermasselten Begrüssung:

"Hallo, geht's gut?"

"Nein, es geht mir nicht gut."

"Aber was hast du? Du siehst doch so gut aus?"

Was antworte ich? Bin ich eine Auskunft schuldig? Ich wechsle das Thema, sofern das geht, und akzeptiert wird.

 

Und nun noch eine kleine Geschichte kindlicher Neugier: Während des Kriegs war da Gas rationiert. Wir durften nur einmal pro Woche baden und zwar am Samstagabend. Die Wanne wurde gefüllt und wir beiden Kinder wurden zuerst geschruppt. Dann war die Reihe an meiner Mutter und zuletzt durfte mein Vater in die Wanne steigen, ins sicher nicht mehr so saubere Wasser. Beim Vater wurde die Türe verschlossen. An der Badezimmertüre befanden

sich ganz unten drei Löcher, damit der Dampf entweichen konnte. Wir zwei Mädchen legten uns nun bäuchlings auf den Boden, um durch die Löcher etwas von unserem Vater sehen zu können, und schrien dann auf vor Freude, wenn Vater aus der Wanne stieg und wir seine Füsse sahen. Wahrscheinlich wollten wir unbewusst (?) etwas mehr sehen.






Von Verena Hess


Meine Mutter hat mir öfters eine kurze Geschichte erzählt, die mir in Erinnerung geblieben und mir sofort im Zusammenhang mit 'Neugier' wieder eingefallen ist: 


Meine Mutter lag im riesigen Gebärsaal des Frauenspitals an der Schanzenstrasse und wartete auf meine Geburt. Damals waren die einzelnen Betten der Gebärenden lediglich durch Vorhänge getrennt, wie heute noch auf der Notaufnahme. Verständlicherweise war meine Mutter sehr nervös, hatte wahrscheinlich auch Angst vor der für sie ersten Geburt. Da hörte sie plötzlich leicht unterdrückte Schmerzensschreie aus der Richtung des rechten Vorhangs. Da meine Mutter eine neugierige Frau war, wollte sie sehen, was da hinter dem Vorhang geschah. Sie schlüpfte vom Bett, kniete sich sehr mühsam hin und versuchte, durch den Spalt unter dem Vorhang durchzuspähen. Just in dem Moment tritt die Hebamme in den Gebärsaal und erwischt meine kniende Mutter; diese zuckt zusammen und schlüpft zurück ins Bett, denn die Hebamme verkörperte damals eine gewaltige Autorität, der sie während der nächsten Stunden ausgeliefert sein würde. Die Hebamme beschimpfte meine Mutter als "neugieriges, junges Ding". Dies ist die Geschichte meiner Mutter, die in mir als sehr anschaulich abgespeichert wurde.


Aber was ist eigentlich Neugier? Zuerst einmal liegt es schon im Wort: Gier nach Neuem. Ist dies nun positiv oder negativ? Was meine Mutter tat, war sicher verständlich, aber auch sehr übergriffig. Wie stets beginnt mich etwas zu interessieren, sobald es um Schnittstellen, Grenzgebiete oder um Grauzonen geht. Nun google ich das Wort 'Neugier' und lande sofort bei K.l. Hat mich da auch Neugier angetrieben und jetzt bin ich schon gefangen? 

Beim Recherchieren stosse ich auf Spektakuläres: Die moralische Bedeutung von 'Neugier' hat sich nämlich im Verlauf der Geschichte radikal gewandelt. In der Antike anscheinend noch Tugend, im christlich geprägten Mittelalter dann Todsünde und Laster, im 16./17. Jahrhundert der grosse Umbruch. Aus Laster wird der Motor der Wissenschaft. Parallel dazu verändert sich auch die deutsche Wortgeschichte: Neugier löst ältere Begriffe wie 'Fürwitz' oder 'Vorwitz' ab, die noch negativ besetzt waren.


Heute ist 'Neugier' neutral, ist eine menschliche Ressource, ein kognitiver Antrieb und ebenfalls ein psychologisches Bedürfnis. Und damit nähern wir uns wieder meiner geliebten Grauzone und siehe da, wer hätte das gedacht: Kl hilft mir weiter.

Neugier bewegt uns vorwärts, ist wie ein erster Impuls, ausgelöst durch z. B. Schreien hinter dem Vorhang im Gebärsaal. Es öffnet einen Raum. Distanz hält uns zurück, wenn Nähe zu schnell kommt. Sie schützt, hilft ordnen, kann Vorsicht, Angst oder einfach Stil sein. Und Nähe entsteht, wenn sie stärker wird als die Distanz, wenn Vertrauen wächst.

Kurz gesagt: Neugier bewegt uns vorwärts, Distanz hält uns zurück und Nähe entsteht genau in dem Augenblick, in dem wir alles gleichzeitig spüren und trotzdem bleiben.





 

 



 

 

  


 

Mittwoch, 13. Mai 2026

 ALLERGISCH


Von Gerhard Bächlin

 

Der Begriff allergische bedeutet einerseits Überempfindlichkeit auf Substanzen, andererseits neurologische oder sensorische Überempfindlichkeit auf Lärm, Gerüche.

 

Mein Körper ist kaum empfindlich auf Substanzen im medizinischen Sinn. Dagegen bin ich eindeutig empfindlich auf Lärm, unangenehme Geräusche und grosse Menschenansammlungen. So war ich auch nur etwa zwei oder drei Mal an einem Fussballmatch, einmal im vollbesetzten Joggeli (das Basler Stadion). Viel lieber bewege ich mich in der freien Natur, lausche dem Vogelgesang, Vogel- und Tierlauten, dem Wind in den Baumkronen, oder dem "Murmeln" eines Bächleins, und atme den Geruch von Erde und Holz. 

Nun zur MUSIK: Die wird ja auch "als Lärm empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden" (Wilhelm Busch). Symphoniekonzerte mit sanften Tönen bis zum kurzen Fortissimo oder Ländler und Jazz, kurz gesagt jede gute Musik kann Balsam sein für die Ohren. Allergischsein auf Geräusche hängt also vor allem ab von Lautstärke und Qualität der Töne sowie vom aktuellen Befinden und Interesse des Hörers ab. 




Von Anita Bigler

 

Meine Jugend in der Gärtnerei war voller Überraschungen, nur die tollen roten Erdbeeren wollten nichts mit mir zu tun haben. Sie dufteten herrlich und schmeckten doch so gut, ich konnte einfach nicht widerstehen, aber sofort bekam ich Nesselfieber mit starkem Juckreiz. Als Mädchen wollte ich diese Sache nicht begreifen, denn alle die ich kannte, assen sie mit Hochgenuss. Also schlich ich mich nachts aus dem Haus und dachte, wenn ich die Erdbeeren im Dunkeln esse, würden sie mich nicht erkennen. Ich glaubte fest daran, aber ohalätz, die Erdbeeren waren zu clever. Jedes Jahr probierte ich es erneut, aber das lästige Jucken liess nicht nach.

 

Später verbrachte ich einmal Ferien in Italien und da verriet mir ein Kellner ein Dessert mit Erdbeeren, das mir garantiert keine Beschwerden mache: Erdbeeren in Scheiben schneiden und eine Nacht lang in Rotwein einlegen, dazu viel Zitronensaft, Nelken und Pfeffer. Das klappte wirklich und wurde in der Erdbeerzeit mein Lieblingsdessert. Zum Rohessen gibt es ja so viele Alternativen wie Himbeeri, Heidelbeeri, Stachelbeeri und Johannisbeeri.

 

Meine zweite Allergie machte sich viel später bemerkbar, als ich meine Reisen in den Norden begann. Ich liebe Fisch und Meeresfrüchte, aber genau diese Meeresfrüchte machten mir das Leben schwer mit starkem Unwohlsein, geschwollenen Händen und Füssen. Mein Arzt erklärte mir, dass sie für mich zuviel Eiweiss enthalten. Aber auch hier gibt es eine gute Nachricht, alle Meerwasserfische kann ich ohne Bedenken geniessen.





Von Vreni Indlekofer

 

Wenn ich dieses Wort schon nur höre, wird mir halb schlecht. Ich reagiere allergisch auf das Wort "allergisch". Das ist meine Allergie, die ich nicht ablegen kann. Besonders allergisch bin ich auf Menschen, welche nur immer zu jammern wissen, ob über Krankheiten oder Mitmenschen. Das können sie nicht zurückhalten, sondern posaunen es täglich in die ganze Welt hinaus.

 

Ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, die hin und wieder etwas zu klagen haben, aber dann könnten sie auch wieder einmal eine positivere Seite aufschlagen. Und dies versuche

ich immer wieder selbst zu tun. Bestimmt finde ich etwas, das zu ihrem Gejammer passt, aber bestimmt gibt es etwas Positives hinzuzufügen. Von meiner eigenen Allergie habe ich gelernt, die positive Seite aufzuschlagen. Auch bei mir gibt es Momente, in denen ich das Gefühl habe, ich halte es nicht mehr aus, aber dann suche ich darin die positive Seite zu entdecken, und plötzlich habe ich das Gefühl, es geht mir gar nicht so schlecht, denn es gibt Menschen, denen es viel schlechter geht.

 

 So denke ich an frühere Zeiten und schon bin ich darin gefangen und schon freue ich mich, dass es mir gelingt zu versuchen, ob es auch im Rollstuhl mit einigen Tanzschritten klappen kann. Oder ich finde ein spannendes Buch, das mir hilft zu fühlen, als wäre ich in einem Museum und könnte die schönen Sachen betrachten. Ich nehme dann eine kleine Keramik zur Hand und drehe sie auf alle Seiten in meinen Händen. Das ist ein herrlich schönes Gefühl.  Vielleicht habe ich auch ein Buch oder sonst eine Kleinigkeit, die ich dem Jammerlappen schenken kann, und ich hoffe, dass er sich daran freut.





Von Randolph Christen

 

Allergische Reaktionen und Autoimmunerkrankungen entstehen durch eine Fehlregulation des Immunsystems. Bei Allergien stuft das Immunsystem harmlose Umweltstoffe als gefährlich ein und löst übermässige Abwehrreaktionen aus. Bei Autoimmunerkrankungen richtet sich die Immunantwort gegen körpereigenes Gewebe und verursacht Entzündungen sowie Funktionsstörungen.

 

Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass frühe Kontakte mit Mikroorganismen das Immunsystem trainieren und das Risiko für Immunerkrankungen senken können. Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, mit Haustieren leben, viele Geschwister haben oder früh eine Kindertagesstätte besuchen, sind seltener von Allergien betroffen. Solche Umwelteinflüsse fördern die Ausbildung einer ausgewogenen Immunantwort.

 

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Mikrobiom, die Gesamtheit der Mikroorganismen, die den Körper besiedeln. Ein vielfältiges und ausgeglichenes Mikrobiom unterstützt die Reifung des Immunsystems und kann Fehlreaktionen vorbeugen. Forschungsergebnisse legen nahe, dass Störungen dieser mikrobiellen Gemeinschaften das Erkrankungsrisiko erhöhen.

 

Übermässige Hygiene und eine zu sterile Umgebung können die natürliche Ausbildung der Immunabwehr beeinträchtigen und damit nachteilige Folgen für die Immunentwicklung haben. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung einer natürlichen Auseinandersetzung mit der Umwelt. Forschung und Prävention zielen darauf ab, die Mechanismen besser zu verstehen und geeignete Massnahmen zur Vorbeugung und Behandlung von Immunerkrankungen zu entwickeln.




Von Verena Hess

 

Ich liebe es ja sehr, aus meinem persönlichen Erleben heraus zu schreiben. Beim heutigen Thema «allergisch» stiess ich jedoch sehr rasch an Grenzen. Natürlich kann ich einiges über meine regelmässig im Frühling auftauchende Pollenallergie, über mein Niesen, meine verstopfte Nase, meine tränenden Augen usw. berichten, was sicher rasch langweilig würde. Ich habe ich noch andere Allergien, so bin ich insgesamt ein recht allergischer Mensch. So bin ich z.B. allergisch auf Bienenhonig von schlecht gefütterten Bienen, ich

reagiere auf Gluten und auf Lactose. All das ist modern. Komischerweise habe ich – seitdem ich alt bin – all das hinter mir gelassen. Andere Themen drängen sich in den Vordergrund, werden dem Alter entsprechend wichtiger.

 

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts tauchen neue Allergien auf, gegen Menschen, gegen die zu erwartende Zukunft, gegen Nachrichten oder Benachrichtigungen. Sobald das Handy

 piepst, beginnt mein Herz zu rasen. Nicht einmal aus Angst vor einer schlechten Nachricht, eher aus Ärger über seichte Werbung oder über einen Newsletter, den man nie bewusst bestellt hat, oder, oder, oder … Ja, in der Technologie bin ich auf manches allergisch, so z.B. auf Updates, die sich mit «Bitte schalten Sie das Gerät nicht aus» ankünden. Da schaltet bei mir eben das Gehirn ab und ich bekomme einen Schweissausbruch. Am stärksten reagiere ich auf Sätze wie: Man sollte produktiv, jedoch entspannt sein; man sollte flexibel, jedoch stabil sein, erreichbar, aber nicht abhängig. Das Wort «Work-Live-Balance» löst einen Ausschlag aus. Ich kenne viele Hyperallergiker, die reagieren auf alles, das nicht in ihr Weltbild passt: auf Wissenschaft, auf Fakten, auf Komplexität. Auch auf die bin ich auch allergisch. Ebenfalls auf Meinungen, die mit «ich habe ein Video gesehen» oder «eine neue Studie sagt» beginnen.

 

Trotz allem gibt es Momente, da denke ich, all diese kollektiven Allergien könnten auch ein Zeichen dafür sein, dass wir noch spüren und reagieren auf eine Welt, die uns täglich reizt. Vielleicht ist das auch nur ein Beweis, dass wir noch am Leben sind. Oder aber das Allergischsein hat etwas mit dem Alter zu tun, was ich weniger toll fände.





Von Doris Plüss

 

Es ist nun 13,8 Milliarden Jahre her, da knallte es – ob es hörbar knallte, das ist noch unklar, doch es war der Urknall, die Entstehung unseres Universums. Später entstanden die Galaxien, Sterne, Planeten und viele andere Himmelskörper aus ganz verschiedenen Materialien und Elementen.

 

Eine dieser Galaxien erhielt den Namen Milchstrasse, an deren Rand sich eine von vielen Sonnen befindet – unsere Sonne. Umrundet von verschiedenen Planeten, einer davon bin

ich, Dein – lieber Mensch - Heimatplanet Erde. An dritter Stelle von der Sonne entfernt, nach Merkur und Venus ein idealer Platz. Genug, aber nicht zu viel Wärme von der Sonne. Auf mir gedeihen seit sehr lange, Zeit viele verschiedene Pflanzen, Tiere und auch Du, Homo sapiens sapiens, hast auf mir Deinen Platz gefunden. Lange, lange Zeit glaube ich, Dir sei bewusst, auf wessen Boden Du Dich bewegst, und welche Stellung Du unter den Lebewesen hast. Ich spende Dir Boden, Wasser, Nahrung, alle Lebensnotwendigkeiten, die Du für ein

schönes, lebenswertes Leben brauchst. Lange, lange Zeit warst Du mit mir zufrieden und ich mit Dir! Du hast dich sogar mit verschiedenen Ritualen bei mir bedankt.

 

Doch! Seit längerer Zeit hat sich das Blatt gewendet. Anstelle von Pflege zum Schutz und Erhalt der Natur, nehme ich immer mehr wahr und spüre ich, dass es Dir nicht mehr reicht. Du willst immer mehr und mehr. Mit Ausnutzung der Natur, mit Krieg und Verwüstung, Vervielfältigung von Techniken eroberts Du mich, Deine Planeten. Ich kann nicht mehr wachsen. Du weichst ja schon zu meinem Trabanten, dem Mond, und meinem Nachbarn, dem Mars, aus. Obwohl ich versuche immer noch mit Ausgleich meiner Möglichkeiten, Dich zu retten, reagiere ich immer mehr – wie Du es nennst – allergisch. 

 

Du bist so ein intelligentes Wesen, wie gesagt, ich war lange Zeit sehr stolz auf Dich. Brauche diese Gabe aber vor allem zum Schutz Deiner Umwelt, vor allem für Deine Nachkommen. Denke daran, meine allergischen Schübe häufen sich. Ich habe genug von Deiner Arroganz mir gegenüber. Ich als Dein Heimatplanet kann auch ohne Dich existieren. Da nützt Dir auch Deine neueste Erfindung namens KI nichts.

 

   

  

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 24. April 2026

                                                                         TRÄUME


Von Gerhard Bächlin

 

Traum = wach gebliebene Zellen (WIKI).

Ein Traum ist das psychische Erleben von Bildern, Emotionen und Szenen während des Schlafs, oft als halluzinatorisch lebendig empfunden.

Träume verarbeiten Tagesereignisse und Emotionen und dauern oft 15 bis 20 Minuten. Sie gelten als veränderter Bewusstseinszustand, der für die Psyche funktional ist.

Nun zum Traum als Erlebnis oder Fantasie.

TRAUM: Als kleiner Bub hatte ich oft eine Art Albtraum, oft denselben, erwachte, hatte Angst, stand auf und holte Trost bei den Eltern.





 


Von Doris Plüss

 

Ich liege im verschiedenen grün gefärbten Gras, umgeben von bunten Blumen, auch die in allen Farben, umschwärmt von farbigen Schmetterlingen, Bienen, Wespen, Fliegen und sogar tummeln sich die verschiedenen Freunde der Biene Maja wie der Grashüpfer Flip, die faule Drohne Willi und viele, viele andere Wesen in Gras. Der Himmel ist wolkenlos blau und die Sonne wärmt mich angenehm. Sogar eine Schildkröte mit einem Frosch auf ihrem Rücken wandert ganz langsam an mir vorbei. In Begleitung von zwei Schnecken. In diese friedliche Stimmung gesellen sich noch BRZPF, die Wichtelfrau aus dem Basler Münster mit ihrem Wichtelfreund. Neben mir liegt mein geliebter Kater Blacky. Es ist alles so friedlich und schön, das kann ja nur ein Traum sein.

            Bewusst wird mir dies, als ich eine menschliche Stimme höre, die spricht von Putin, Netanjahu, von Iran, Irak, von Krieg, von der Meerenge von Hormus, von Benzinpreisen, die steigen und fallen, von einen Trump, der sich plötzlich als heilender Jesus sah. Oh je, ja es scheint ich bin mit meinem Kater vor dem laufenden Fernseher eingeschlafen und habe mich in eine Welt geträumt. Schnell schalte ich diese von Unheil, Krieg und sonstigen weltzerstörenden Mittelungen gefüllte Maschine aus.

            Da kommt mir ein Trösterli in den Sinn! Zwei Hörbücher von Luis Sepulveda sollen mich auf tröstende Gedanken bringen. Das eine: "Der langsame Weg zum Glück", von einer Schnecke, die sich auf dem Rücken einer Schildkröte auf eine lange Reise zur allwissenden Eule machte. Und "Wie Kater Zorbas der kleinen Möwe das Fliegen beibrachte". Also zwei Märchen von Tieren, die eigentlich Feinde sind, sich aber in der Not helfen und dabei Freunde werden: Wir sollten uns die Tere zu Vorbildern machen und von ihnen lernen. Doch wahrscheinlich ist und bleibt dies ein unerfüllbarer Traum!





Von Anita Bigler

 

Mit Träumen kann ich nicht viel anfangen, ich finde keinen Zugang zu diesem Thema.

Eigentlich könnte ich etwas Lustiges über meine" Traummänner" schreiben, aber das ist mir zu persönlich, obwohl es mich wirklich zum Lachen und schmunzeln bringt (Heiner Gautschi, Kurt Zurfluh). Aber jetzt: Ich sehe den Film mit Bily Elliot I will dance vom Jahr 2000, da weiss ich sofort: Das war ein sehr grosser Traum!

            Der Film spielt in Nordengland, hier wohnt der 11jährige Billy in einer Backsteinsiedlung zusammen mit seinem Vater, einem Bergbauarbeiter und seinem kräftigen Bruder in sehr einfachen Verhältnissen. Er betreut auch seine alte Grossmutter, weil seine Mutter früh starb. Sein Vater schickt den schmächtigen Billy in die Boxschule, damit er kräftiger wird. Eines Tages übt plötzlich eine Ballettgruppe im gleichen Raum, Billy ist fasziniert von den Tanzbewegungen und geht von jetzt an tanzend durch seine kleine Welt. Aber von da an prallt alles auf ihn ein: Unverständnis, Lächerlichkeit, Hohn und Spott, Verdacht auf Schwulsein und sogar Prügel!

            Aber Billy geht seinen Traum vom Tanzen unbeirrt weiter, dabei wird er von der Tanzlehrerin im Ballett unterstützt, wobei es zu lustigen Verwirrungen kommt. Sie setzen sich gegen alle Widerstände durch, und Billy wird für die Aufnahmeprüfung in London aufgeboten. Seine noch ungelenken, aber sehr hohen Sprünge beeindrucken die Jury. Sein Vater und sein Bruder können nur staunen, dass er wirklich an dieser strengen Ballettschule aufgenommen wird.

            Der Film zeigt seinen Aufbruch von Zuhause in seine neue Tanzwelt. Jahre später wird sein grosser TRAUM wahr, wir sehen ihn als sehr hoch springenden Solotänzer. Damit endet der sehr berührende englische Film von Stephen Daldry, dem britischen Regisseur, er wurde mit drei Oscars ausgezeichnet.






Träume – das nächtliche Labor des Gehirns

 

Von Randolph Christen


Jede Nacht versetzt uns das Gehirn in einen Zustand, der dem Wachsein auf verblüffende Weise ähnelt – und ihm doch grundlegend fremd ist. Was geschieht in diesen Stunden wirklich?

     Die moderne Neurowissenschaft hat das Traumerleben entmystifiziert, ohne es seiner Faszination zu berauben. Träume entstehen vornehmlich im REM-Schlaf, wenn der präfrontale Kortex – jener Teil des Gehirns, der Logik, Selbstkritik und Realitätsprüfung trägt – nahezu verstummt. Gleichzeitig ist das limbische System, Sitz der Emotionen, hochaktiv. Das Ergebnis: eine Welt voller Intensität ohne Filter.

     Neurowissenschaftler sehen in Träumen heute vor allem ein funktionales Geschehen. Das schlafende Gehirn ist nicht passiv, sondern schuftet. Es konsolidiert Gedächtnisinhalte, sortiert Erlebtes, verknüpft neue Informationen mit altem Wissen. Der Traum ist gleichsam die sichtbare Spur dieses nächtlichen Umordnens.

     Eine besonders überzeugende Theorie sieht im REM-Schlaf eine Art emotionale Therapie: Belastende Erlebnisse werden im schlafenden Gehirn erneut durchgespielt, aber in einem Zustand verminderter Stresshormone. Das Gehirn lernt so, das Schwere zu ertragen, ohne von ihm überwältigt zu werden.

     Träume sind also kein Rauschen der Nacht. Sie sind Arbeit – still, notwendig, und bisweilen von rätselhafter Schönheit.






Wunschtraum

 

Von Madeleine Bollinger

 

Viele Jahre träumte ich von einer Reise nach Andalusien. Ich las alles über diese Gegend und besuchte Spanischkurse. Aber eben, es blieb lange ein Traum. Dann aber stand mein 45. Geburtstag bevor, und nun wurde mein Andalusien-Traum fast eine Obsession. Ich wollte drei Monate Urlaub nehmen, musste dies aber selbst organisieren. Es klappte, und es fand sich eine Vertreterin.

            So verliess ich also Zug am 3. April 1978, fuhr zuerst nach Basel zu meinen Eltern. Dort wartete meine 15-jährige Nichte, sie hatte Schulferien und wollte mich bis Barcelona begleiten und dann zurückfliegen.

            Wir fuhren gemütlich durch Frankreich, übernachteten dreimal und erreichten am

Vierten Tag Barcelona. Ein Hotel war nicht leicht zu finden. Ich steckte mitten in der Stadt

und parkierte, um mich zu Fuss zu orientieren. Ich fragte eine Frau, und diese war so freundlich, setzte sich zu uns ins Auto, und in zwei Minuten erreichten wir ein kleines Hotel, das nebenan sogar eine Garage hatte. Diese Frau, Carmen Diaz hiess sie, nahm uns beide sofort in ihre Familie auf. Es war eine wunderschöne Woche mit Familienfesten und Besichtigungen. Dann aber wollte ich weiter. Sabine flog zurück nach Basel, und für mich begann das Spanien-Abenteuer.

            Mein erstes Ziel war ein kleines Fischerdorf am Meer, wo mein Mann und ich 1960 Ferien verbracht hatten. Bei mir hatte ich grossformatige Fotos eines kleinen Restaurants, wo sich mein Mann damals mit Franco-Gegnern getroffen hatte. Junge Leute, ihre Mutter, Fischer und Arbeiter. Es war damals ein grosser Vertrauensbeweis, dass diese Leute sich fotografieren liessen. Mit der Post durften wir diese Fotos nicht schicken, es wäre zu gefährlich gewesen, damals, zu Franco-Zeiten. Nun aber war Franco tot, ich konnte es wagen. Nach langem Suchen fand ich das Café, sogar die alte Frau lebte noch. Als die Familie sah, dass ich ganz allein unterwegs war, wollte sie mich sofort bei sich aufnehmen, ich könne bleiben, solange ich wollte. Am anderen Tag zog ich aber weiter, fuhr ins Innere des Landes, wo es viel ruhiger war als der Küste entlang. Ich lernte viele herzliche Menschen kennen, die sich bemühten, mich so gut wie möglich unterzubringen, in kleinen Pensionen oder Hotels, für meine Begriffe spottbillig.

            So gelangte ich nach Granada. Die Stadt zog mich sofort in ihren Bann. Ich fand ein erschwingliches Hotel (25 Franken für Zimmer/Frühstück) und blieb dort sechs Wochen. An der Uni konnte ich einen Vormittagskurs besuchen, die Nachmittage verbrachte ich in den Gärten der Alhambra oder ich fuhr in der Gegend umher. Die majestätische Sierra Nevada konnte ich in einer knappen Stunde erreichen. Dort fuhr man auch Mitte Mai noch Ski, meterhoch lag der Schnee, und das in Südspanien. - In Granada fand ich viele gastfreundliche Leute, die mich zu sich nach Hause oder zu Festen einluden. Ich genoss diese Wochen in dieser herrlichen Stadt. Ein kleines Abenteuer: Ganz nahe beim Hotel steht das Wohnhaus des Komponisten Manuel de Fala, das besichtigt werden kann. So ging ich einmal hin, war aber die einzige Besucherin an diesem Tag. Der Museumsaufseher führte mich herum, u.a. zum Schlafzimmer des Komponisten. Ich dürfe mich auf das Bett legen, ermunterte er mich. Ich erkannte sofort seine Absicht und verliess das Museum fluchtartig. So verpasste ich die einmalige Gelegenheit, im Bett von Manuel de Falla geschlafen zu haben.

            Mitte Mai verliess ich Granada, blieb eine Woche in Nerja, zog weiter nach Malaga, eine Woche in einem weissen Dorf Andalusiens, Mijas. Langsam musste ich an die Rückreise denken. Ronda und Cordoba wollte ich noch besuchen. Ganz sorglos fuhr ich in die Altstadt von Cordoba mit ihren engen Strassen. Unerwartet geriet ich in eine Gasse, die immer schmaler wurde, ich blieb stecken, links und rechts nur noch wenige Zentimeter Spielraum. Aussteigen ging nicht mehr. Nun plötzlich waren vor und hinter dem Auto viele Leute, die mir mit Gesten und sogar Anheben des Autos halfen, rückwärts aus der Enge zu fahren. Als die Strasse wieder breit genug war, stieg ein junger Mann auf den Beifahrersitz und lotste mich zu einem Parkplatz. So viel Herzlichkeit und Lachen war mir noch selten begegnet. Von der Schönheit der Mezquita war ich überwältigt. Eine riesige Moschee. In deren Mitte bauten Christen nach dem Verjagen der Moros (Mauren) einen Dom; absurd und grossatig zugleich.

            Noch erwähnen möchte ich die Fahrt durch die Alpujarras am Südhang der Sierra Nevada. Armselige Dörfer mit herzlichen Menschen, die mich bei sich aufnahmen, als wäre ich eine verlorene, verlassene Tochter. Über Elche, Murcia fuhr ich nach Teruel, eine Stadt, die unter dem Franco-Regime sehr gelitten hatte. Unterwegs dorthin musste ich in unwirtlichster Gegend, heiß und bevölkert mit Schlangen, ein Rad wechseln. Glücklicherweise hatte ich das vorher in der Schweiz einmal geübt. Und aus einem nahen Dorf kamen viele Leute zu mir, die mit Händen und Füssen halfen. 

            Nochmals ein paar Tage in Barcelona, dann verliess ich das mir so lieb gewordene Spanien. Am 1. Juli musste ich wieder zur Arbeit in der Schweiz erscheinen.






Von Verena Hess

 

Da wir im Oktober 2024 schon einmal übers Träumen geschrieben haben, wiederhole ich weniges aus dem damaligen Text. Auch unser Umgang mit Kl hat sich in der Zwischenzeit

etwas weiterentwickelt, darum zitiere ich zuerst daraus:

Der Traum ist ein inneres Erleben während des Schlafens, ist eine Abfolge von Bildern, Gefühlen und Szenen. All dies meist emotional intensiv, lebendig, halluzinatorisch. Das kritische, logisch prüfende Bewusstsein ist weitgehend ausgeschaltet. Auch sind Zeitgefühl und Realitätssinn sehr abgeschwächt. Träume fühlen sich aber sinnlich-lebendig an. Die

Forschung ist sich nicht einig, warum wir träumen. Es existieren unterschiedliche Deutungsmodelle.

            Früher träumte ich oft und meist habe ich die Träume aufgeschrieben. Das war spannend. Heute schreibe ich nichts mehr auf, trotzdem ich noch immer träume. Da ich heute nach dem Erwachen noch liegen bleiben kann, verwischen sich Traum und Wachzustand oder das Traumgefühl hallt nach. So spiele ich oft mit dem Übergangszustand. Es kann mir gelingen, einen Traum nochmals zum Klingen zu bringen, was manchmal ein wunderschönes Erlebnis sein kann. Wie im damaligen Träumen, schweife ich nun weiter zu den Tagträumen, die mich stets davontragen liessen in eine für mich stimmige Welt. Das nannte man Flucht. Mir öffnete sich damit Unglaubliches. Ich richtete mir in Höhlen, im Wald, in den Bergen und sogar in den Wolken eigene Welten ein und war dort auch glücklich. Diese kleinen Welten erweiterten sich später zum eigenen Zimmer; das absolut Schönste, das es zu erreichen gab, da war ich überzeugt. Erst viele Jahre später las ich, was Virginia Woolf zur Notwendigkeit eines eigenen Zimmers und eigenen Geldes zu sagen hatte. Das verstand ich absolut und sofort, das war für mich geschrieben. Sich einrichten im eigenen Zimmer macht stark.

            Noch ein kurzer Schwenk zur etwas gefährlicheren Schwester des Tagtraums, dem kleinen Rausch. Damit lässt sich wunderbar abheben. Einfach fort und weg. Dazu braucht man weder Flugzeug noch Engel. Man genügt sich selbst. Schwerelos durch die Luft gleiten, natürlich ganz nahe dem Himmel, den du dir nicht mühsam erarbeiten musst. Gleich einem Luftballon, ohne Widerstand, gleitet man lustvoll verzaubert dahin. Man erblickt das Ganze, ohne sich mit Einzelheiten abzurackern. Man hat nur den erhebenden, erfüllenden Überblick über alles, was da seufzt und lacht. Man ahnt Grosses und Ganzes, auch in sich selbst. Doch kleine Räusche, welcher Art auch immer, klingen irgendwann ab. Du beginnst zu fallen. Glücklich ist, wer gut und heil auf sicherem Boden und bei guten Menschen landet.

            Noch fehlt ein richtiger Traum. Einer ist mir in Erinnerung geblieben. Er hat lange nachgeklungen: Ich darf mir irgendwo für einen ganzen Tag (oder für eine ganze Nacht) ein Kostüm auswählen und damit frühere Stationen meines Lebens durchtanzen. Mein altes Ich- Kleid ziehe ich aus, schlüpfe in ein glänzend-farbiges Kostüm, verstecke mich hinter einer Maske und ziehe beschwingt und aufbruchfreudig gestimmt los. In diesem traumtänzerischen, schwerelosen Kleid wage ich es, mich mutig und leicht durchs vergangene Leben zu bewegen. Sogar meine Zauberflöte habe ich dabei. Mit dieser eigenen Melodie tanze ich durch alle Zeiten und Räume, durch alle Freundesgruppen meines Lebens.

Mit meiner Musik spiele ich Dur, spiele Moll und tanze. Menschen aus früheren Zeiten begegne ich mit neuer Leichtigkeit und verändere so manche ungute Erinnerung. Ich geniesse die Freiheit, die mir Kostüm und Maske geben, erobere die alte Welt mit einem neuen ICH. Ich staune, was da an neuer Kreativität fliesst, wie leicht mir früher Schwieriges vorkommt, wie farbig plötzlich alle Begegnungen werden dank des neuen Kostüms. Die Sonne geht unter (oder auf). Ich kehre zurück und entkleide mich des farbigen Kostüms. Ich ziehe die Maske ab. Ich schlüpfe in mein altes Kleid. Ich blicke an mir herunter und entdecke farbige Schimmer des Kostüms an meinem alten Kleid.






Mein Traum

 

Von Vreni Indlekofer

 

Gerne möchte ich Euch etwas über meinen Traum erzählen, welchen ich seit Wochen alle Nacht wieder träume. Dieser Traum ist speziell.

            Ich gehe meist zwischen 18h und 18.30 Uhr ins Bett. Da erhalte ich meine ersten nächtlichen Tabletten, die mich wahrscheinlich sehr müde machen. So liege ich nach den Tabletten da und schlafe meist nach kurzer Zeit ein. Und schon beginnt der Traum langsam zu wirken: Erst kann er freundlich, herzlich oder lustig sein. Je nach dem, was wir den Tag durch erlebt haben. Aber meist wache ich zwischen 22.27 und 22.37Uhr wieder auf. Und da wandelt sich der Traum schon auf eine spezielle Art. Ich habe den Zusammenhang zum vorherigen Traum vergessen und liege nur noch da und träume vor mich hin.

            Jetzt geht es darum, dass ich mir Sorgen mache wegen des Atmens. In mir drinnen rumpelt es ganz enorm und ich kann an nichts anderes mehr denken als an das Atmen. So atme ich sechs, sieben Mal ganz normal und dann wird es langsam streng. Der Hustenanfall kommt dann meist dazu, weil ich ja die Hustentröpfchen nicht mehr erhalte. Der eine Pfleger, den ich habe, hat zwar mit dem Arzt telefoniert, ob das wirklich so sei, dass sich diese Tropfen mit den anderen Medikamenten nicht vertragen. Der Arzt hat gesagt, es könne wohl sein, dass die Verordnung zu hoch gewesen sei; aber er hat betont, dass ich das Recht habe, die Hustentropfen zu kriegen - einfach in einer niedrigeren Dosis als vorher. Nun kriege ich das von den einen Personen wieder, die mich betreuen, aber nicht von allen, und so habe ich immer Angst, was da in der Nacht noch alles passieren könnte. Nach einigen Überlegungen denke ich: «Ach was, ich versuche einfach, weiter in diesem Tempo zu atmen.» Dies gelingt mir sehr oft nicht, dann wird das Schnaufen wirklich schwierig. Es kommt dann zu Atemstössen, und die werden schwerer und schwerer, bis ich denke: «Jetzt kommen noch drei Atemzüge, und dann hab ich alles überstanden.» Ich denke, ich mache drei, vier dieser Atemstösse, und dann denke ich: «Ich mag nicht mehr, ich will jetzt meine Ruhe haben, und mit einem der nächsten Atemzüge werde ich nicht mehr am Leben sein.»             Dies macht mir keine Sorgen, denn ich finde, ich habe ein sehr schönes Leben gehabt, und ich möchte jetzt einfach meine  Ruhe haben und still und ruhig daliegen bleiben können. Die einzige Sorge, die ich habe, sind meine beiden erwachsenen Kinder, aber mit ihnen habe ich bereits gesprochen und sie wissen, dass ich jetzt endlich nicht mehr mag und sie können begreifen, dass ich nicht mehr weiter mag. 

            So ist jetzt dieser Traum bis heute und ich weiss nicht, wann ich die Kraft habe, zu sagen: «Nein, ich mag jetzt wirklich nicht mehr und ich lass es bleiben.» Ich stelle mir dann vor, wie das Leben nach meinem Tod aussehen wird. Pfarrer Wenk hat vor einigen Tagen von einer Weihnachtsgeschichte erzählt, die mir wirklich zu Herzen ging. Es war wohl ein Märchen, aber es hat mir Eindruck gemacht. Die Engel kamen vom Himmel herabgestiegen und haben die Leute da unten geholt. Aber das Ende der Leiter hat man ja nicht gesehen und ich kann mir nicht vorstellen, wie lang diese Leiter sein wird, bis man da oben endlich anklopfen kann. Aber einen Lichtblick gibt es auch da: Ich denke mir, neben der Leiter muss doch auch ein Lift sein mit Menschen mit Atemproblemen, die nicht die hohe Leiter besteigen können. So warte ich getrost ab, bis der Tag kommen wird, da das alles so eintreten wird.

            Euch alle Menschen, die ich liebe, die werde ich nicht vergessen, und an die werde ich dort oben denken, wenn es das denn gibt. Das weiss ich ja nicht. So sage ich Euch schon heute «Ade zusammen und geniesst all die schönen Tage, die Ihr noch erleben könnt.» 

Eure Vreni

 

 

 

 

 

 

 

  VIELFALT Von Randolph Christen Vielfalt stärkt eine Gesellschaft, weil sie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringt und...