Sonntag, 20. September 2026

 DIE SUCHE



Von Vreni Indlekofer

 

Ich suche ein Wort: „Suchen.“

 

Ein Wort suchen, das passiert alle Tage mindestens einmal. Suchen ist für mich eines der wichtigsten Wörter geworden in letzter Zeit. Ich suche zu finden, was es wahrscheinlich nicht mehr zu finden gibt für mich. Ich suche die Brille, ich suche den Stift, doch das Wichtigstes: Ich suche die Worte. Aber nun habe ich gemerkt, dass sich „suchen“ und „finden“ kaum trennen lassen:

 

Ich habe einen Menschen gesucht, der mir beim Computer helfen kann, und den habe ich gestern auch gefunden. Er hat mir den Computer so eingestellt, dass mir ein geschriebener Text vorgelesen wurde. Ich konnte dieser Stimme dann eine Stunde zuhören. Also gibt es das von mir Gesuchte: Ein Programm, bei dem man einen Text sagen kann, der dann aufgeschrieben und danach wieder vorgelesen wird. Das möchte ich nun gern weiter versuchen.






Von Doris Plüss

 

So! Mistkübel, Altpapier und Flaschen weggebracht und wieder zurück in der Wohnung. Bald wird gekocht. „Hallo ich bin zurück, wo bist du?“ 

Meist werde ich so um diese Zeit freudig, nach Gutzli heischend, empfangen. Doch diesmal blieb alles still. Okay, er wird noch oder wieder schlafen. Obwohl, es war schon komisch still, nichts bewegte sich, kein Laut war zu hören, keine Bewegung.

 

Ich begann zu suchen. Stube nichts! Schlafzimmer nichts! Bad, Reduit, Gang, Terrasse: nichts! Langsam bekam ich ein komisches Gefühl. "He, wo bist du, Blacky, wo versteckst du dich?" 

Obwohl ich zu der Zeit sehr schlecht gehen, mich überhaupt sehr schlecht bewegen konnte, bereitete ich mir ein Kissenpolster, um unter das Bett und unter das Sofa zu schauen: Nichts! Nun verwandelte sich mein komisch ungutes Gefühl in Panik. Blacky, wo bist du?! Als ich die Wohnung verliess, habe ich doch noch nachgeschaut, dass du drinnen bist. Doch vielleicht nicht genug, ich hatte ja so viele Sachen dabei.

 

Nun ging ich ins Restaurant, dort wurden schon die ersten Essen ausgeteilt. Ich meldete es in der Küche, sie versprachen mir, aufzupassen und nachzusehen, ob er sich dort herumtreibt. Auch an der Rezeption erhielt ich das gleiche Versprechen. Meine Panik stieg. Ich schaute beim Ausgang, im grossen Saal, durchsuchte den Gymnastikraum, ging nach draussen auf die Strasse. Auch den Keller mit allen begehbaren Nebenräumen, Waschküche, Garage usw. liess ich nicht aus. Doch kein schwarz-weisser Kater war zu sehen. Von allen Seiten erhielt ich bedauernde und verständnisvolle Blicke und das Verspechen, man werde sich achten und aufpassen.

 

Was blieb mir anderes übrig, ich ging zurück in meine katerfreie Wohnung. Doch, hei! Was sahen meine tränennahen Augen?! In der offenen Terrassentür sass ein zufrieden dreinschauender Kater, sah mich an und fragte sich wohl: "Was ist denn mit dir

los?! Hopp, hopp ich hätte gerne was zu futtern!" Nun das hat er natürlich dann auch erhalten. Ich habe alle informiert.

 

Heute habe ich so eine stille Vermutung, wo er gewesen sein könnte, doch ist ja egal, die Hauptsache: Er ist wieder da, und sollte es wieder vorkommen, werde ich zuerst an dem vermuteten Ort nachsehen.







Von Randolph Christen

Ich merke immer wieder, dass meine Suche nach Identität, nach Erfüllung und nach Sinn kein abgeschlossener Vorgang ist. Sie begleitet mich wie ein leiser Hintergrundton, der sich je nach Lebensphase verändert. Diese Suche entsteht aus dem Bedürfnis, mich selbst zu verstehen und ein inneres Gleichgewicht zu finden. Oft frage ich mich, wer ich eigentlich bin, welche Werte mich tragen und welche Entscheidungen meinem Wesen entsprechen. 

Gleichzeitig suche ich nach Antworten auf die Frage, wie ich ein gutes Leben führen kann. Diese Suche führt mich durch Zweifel, durch Umwege und durch Momente, in denen ich mich neu orientieren muss. Doch gerade diese Unsicherheit eröffnet mir die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln. 

Ein gutes Leben entsteht für mich nicht aus makellosen Entscheidungen, sondern aus der Fähigkeit, innezuhalten und die eigenen Gedanken ernst zu nehmen. Wenn ich mir Zeit für Introspektion nehme, erkenne ich manchmal überraschend klar, was mich wirklich erfüllt und was mich trägt. 




Von Anita Bigler

 

Ich bin nun in das Alter gekommen, in dem ich erst mein Gebiss und

mein Hörgerät nötig habe, um zu fragen, wo ich meine Brille suchen muss.

 

Wir sind ja unser Leben lang Suchende. Es beginnt bei der Geburt, da suchen wir als erstes die Milch unserer Mama. Später suchen wir im Kindergarten ein Gspänli.

In der Schule versuchen wir gute Noten zu erreichen und schon kommt die Pubertät mit der neugierigen Suche nach dem anderen Geschlecht.

Als Erwachsene sind wir permanent auf der Suche: nach einem geeigneten Lebenspartner zur Familiengründung, einem schönen Eigenheim, einem guten Posten in der Geschäftswelt oder in der Parteienlandschaft, im Erfolg als Sportler oder als Arzt etc.

Als älterer und erfahrener Mensch sucht man eher die Ruhe und Gelassenheit, geniesst die Kultur und freut sich an den Enkeln.

Und jetzt als alter Mensch suche ich Antworten über unser vielfältiges und grossartiges Leben zu finden. Nicht einfach aber spannend!





 Von Gerhard Bächlin

 

 

„Wer sucht, der findet", lautet ein Bibelspruch.

 

Aber die Suche nach der Nadel im „Heuhaufen" z.B. braucht starke Nerven, ist auch oft erfolglos. Oder Menschen sind etwa auch lebenslang auf der Suche nach einem glücklichen/erfolgreichen Leben. Viele auf der Suche nach Zufriedenheit finden diese durch Mitwirkung in einer Organisation, indem sie eine verantwortungsvolle Tätigkeit übernehmen.

Menschen helfen bei der Suche nach Verschütteten und riskieren dabei ihr Leben zu verlieren!

 

Nun noch folgendes: Forschung ist auch eine Art Suche und hat schon im Altertum Bedeutendes hervorgebracht. Forschung hat zu unserer Zeit in den Naturwissenschaften, der Medizin, der Elektronik als Suche nach neueren exakten Erkenntnissen Erstaunliches hervorgebracht.

Nun sind wir Menschen bei all dieser Such so weit gekommen, dass es endlich Zeit wird, die Suche nach Überlebenschancen auf „unserem“ Planeten zu intensivieren.

Nun noch etwas Erfreulicheres:

 

Ein guter Freund ruft an - ich will wieder einmal Pilze sammeln, kommst du mit? Ja klar. Er kennt einige Orte, so sind wir bald auf der Suche. Im Wald sind wir auf der Suche nach essbaren Pilzen, geniessen die Ruhe, aber auch die feinen Geräusche und Vogelstimmen. Zuhause die Suche nach den schönen, guten Pilzen, diese rüsten, waschen, köcheln, sowie die Suche nach der passenden Flasche Wein. Also diese ganze Sucherei hat sich gelohnt, so können wir das Abendmahl geniessen.



 

Von Verena Hess

 

Es gibt die hektische Suche, es gibt die ungeduldige, die verzweifelte, auch die verbissene Suche. Wahrscheinlich gibt es noch mehr Arten von Suchen. Mir fällt einfach auf, dass keine davon wirklich lustvoll ist, ausser vielleicht die Ostereier-und Osternestlisuche . Meist ist das Suchen mit Stress verbunden.

 

Nur ein wunderschönes Suchen habe ich kennengelernt. Währenddem ich im Bett liege und nicht einschlafen kann, was meist lästig ist, habe ich mir ein unterhaltsames Spiel ausgedacht. Ich versuche, alte, mir von früher bekannte Lieder und Gedichte hervorzuholen, indem ich sie in die Dunkelheit hinaus singend oder rezitierend zusammenstückle. Eine dieser nächtlichen Sucherlebnisse möchte ich

erzählen.

 

Also ich liege im Bett und kann nicht schlafen. Da tauchen in mir Klänge und Bilder und Textfetzen des stürmischen Meers, hohen Wellen, einer Kabine mit einem Kapitän auf.

Ich höre von einem ausbrechenden Feuer, von Gewitter, von einem sinkenden Schiff, von starken, ostfriesischen Männern, die retten möchten, jedoch von einer Mutter

zurückgehalten werden. Da merke ich plötzlich, dass ich zwischen zwei verschiedenen

Gedichten oder Balladen hin- und herschwanke, kann schliesslich das eine als "John Maynard" erkennen.

 

Wahrscheinlich ist es einigen von euch sogar bekannt. Es handelt von einem Steuermann, der sein Schiff, die sogenannte Schwalbe von Detroit nach Buffalo steuert, trotzdem in seiner Kabine ein Brand ausgebrochen ist. Er stirbt am Ende, nachdem er alle Passagiere heil nach Buffalo gebracht hat. Darum wird er sehr geehrt und geliebt.

 

Nun kann sich meine Energie voll der zweiten Ballade zuwenden. Es wird zunehmend spannender. Die hohen Wellen, draussen im stürmischen Meer ein sinkendes Schiff. Die Menschen am Strand sehen einen Ertrinkenden, der sich am Mast des Schiffes

festklammert. Am Strand will ein stämmiger Friese mit seinen Kumpeln ein Rettungsboot besteigen, will den Mann im sinkenden Schiff retten. Das möchte eine Mutter verhindern aus Angst, auch ihren letzten Sohn ans Meer zu verlieren. All diese Bilder tauchen vor mir im dunkeln Zimmer auf. Und plötzlich erwische ich einen Textfetzen: „Du steigst mir nicht ein. Ich will's, deine Mutter. Dein Vater ging unter und …“ Dann wieder eine Textstelle: Nis, der Friese fragt: und seine Mutter? Dann steigt er ins Boot. Nun ist alles klar. Die Ballade heisst: "Nis Randers" und ein Grossteil des Texts fällt mir ein. Einiges fehlt. Ich stehe auf, setze mich an den Schreibtisch, öffne den Laptop und suche das Gedicht. Ein Pluspunkt für KI! Ich finde "Nis Randers" und habe die Ballade darum für euch ausgedruckt.

 

Mit grösster Wahrscheinlichkeit habe ich "Nis Randers" einmal für die Schule

auswendig gelernt und als Kind vortragen müssen, sonst wäre mir der Text nicht so zugeflogen. Das Auswendiglernen von Gedichten während der Schulzeit kann schlaflose Nächte wirklich verschönern. Ich bin natürlich nachher rasch eingeschlafen.




Nis Randers

Von Otto Ernst, 1901

 

Krachen und Heulen und berstende Nacht,

Dunkel und Flammen in rasender Jagd -

Ein Schrei durch die Brandung!

 

Und brennt der Himmel, so sieht man's gut:

Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;

Gleich holt sich's der Abgrund.

 

Nis Randers lugt - und ohne Hast

Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;

Wir müssen ihn holen."

 

Da fasst ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein:

Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,

Ich will's, deine Mutter!

 

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;

Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,

Mein Uwe, mein Uwe!"

 

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!

Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:

„Und seine Mutter?"

 

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:

Hohes, hartes Friesengewächs;

Schon sausen die Ruder.

 

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!

Nun muss es zerschmettern ...! Nein, es blieb ganz. ...

Wie lange? Wie lange?

 

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer

Die menschenfressenden Rosse daher;

Sie schnauben und schäumen.

 

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!

Eins auf den Nacken des andern springt

Mit stampfenden Hufen!

 

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!

Was da? - Ein Boot, das landwärts halt -

Sie sind es! Sie kommen! - -

 

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt...

Still - ruft da nicht einer? - Er schreit's durch die Hand:

"Sagt Mutter, 's ist Uwe!"

(https://www.seenotretter.de/aktuelles/nis-randers/)

 

Freitag, 21. August 2026

 DER AUGENBLICK


Von Verena Bächlin

 

 

Ein Augenblick ist eine sehr kurze Zeitspanne oder ein einzelner Zeitpunkt. Das Wort leitet sich wörtlich ab vom „Blick des Auges", also der Zeit, die ein Wimpernschlag dauert. Synonyme für den Augenblick können eine kleine Weile oder der Moment sein. Diese Definitionen fand ich bei Google. Ein Augenblick kann sehr kurz sein, sich aber auch in die Länge ziehen.

 

Ich denke dabei an ein Kind, das nach Hause kommt und von seinen Erlebnissen in der Schule erzählen will. Doch die Mutter erwidert: „Warte einen Augenblick, ich muss noch etwas erledigen.“ Dieser Augenblick kann für das Kind aber sehr lange dauern.

 

Ein kurzer Augenblick kann gefährlich werden, wenn wir z. B. beim Überqueren einer Strasse einen Augenblick nicht aufpassen, und schon ist das Missgeschick geschehen. Die Worte Augenblick und Moment verwenden wir oft in unserem Alltag, aber augenblicklich fehlen mir weitere Ideen, hoffe aber, dass die Mitschreibenden gute Momente und Augenblicke haben.






Von Anita Bigler

 

Das Wunder ist des "AUGENBLICKS" Geschöpf

(Johann Wolfgang von Goethe)

 

Ich habe von Colette nach ihrem Tod eine Zimmerpflanze geerbt. Eine

Anturium mit roten Blumen. Sie hatte Freude daran, obwohl sie viel

Platz auf ihrem kleinen Esstisch einnahm. Die Pflanze fühlt sich auch bei

mir wohl, denn eines Morgens entdecke ich ein winziges rotes Kügeli in

den dunkelgrünen Blättern.

Jetzt interessierte mich diese Pflanze und über Google erfuhr ich viel

Wissenswertes. Die eigentliche Blüte ist der Kolben und um ihn herum

bilden sich die Hochblätter. Das kleine rote Kügeli streckte sich sehr

langsam immer mehr in die Höhe. Ich beobachtete jeden Morgen

neugierig was hier in winzigen "Augenblicken" geschieht.

Einfach ein kleines Wunder, wie viel auf dieser Welt!

Als sich dann die Hochblätter öffneten und sich der Kolben aufrichtete,

kam mir eine Ferienreise nach den Kanarischen Inseln in den Sinn, wo

diese Arongewächse riesengross wachsen. Auch der bei uns so beliebte

Weihnachtsstern wächst so gross wie ein Apfelbaum.

Diesen kurzen "Augenblick" der Aufmerksamkeit geniesse am Morgen,

denn:

 

"Lächle und die Welt verändert sich" hilft mir weiter!

(von Buddha)






Von Gerhard Bächlin

 

Meine Geschichte dauert etwas länger als einen AUGENBLICK.

 

Also: Bei einem Spaziergang durch den grossen Park begegnete der junge Mann einer lieben bekannten jungen Dame. Bei der herzlichen Begrüssung schlug sein Herz AUGENBLICKLICH schneller. Sie arbeite zurzeit an einer spannenden Geschichte, berichtete sie und blickte ihn liebevoll an.

Er schlug darauf vor, an einem lauschigen Ort auf einer Parkbank Platz zu nehmen.

Sie berichtete nun weiter von der Geschichte, an der sie zurzeit arbeitete, aber er hörte

nur mit halber Aufmerksam zu. Ihr Augenaufschlag hatte ihn einmal mehr berührt. So entfuhr es ihm: 

„Wenn ich in Deine AUGEN BLICK

wird mir warm ums Herz

und ich spür im AUGENBLICK,

dass ich auf Deiner Welle ticke.“

Nun war auch Sie AUGENBLICKS angenehm berührt, und sie umarmten sich länger als einen AUGENBLICK!




Von Verena Hess

 

Letzte Woche habe ich für mich abgetastet, welche Augenblicke mein Leben plötzlich verändert haben könnten und bin dabei auf nichts wirklich Schreibwürdiges gestossen.

Im letzten Moment plötzlich fiel mir das Bild eines Ausflugs ein, der sich damals stimmungsmässig durch einen Augenblick, durch den Velosturz einer

Freundin absolut verändert hatte.

 

Unsere Gruppe – fünf befreundete Ehepaare – trifft sich am Bahnhof SBB. Wir sind alle in ausgesprochen fröhlicher und aufgestellter Stimmung. Das Wetter schien gut zu werden. Für

uns alle ist es eine Premiere, ohne Kinder fort zu fahren. Unsere Heranwachsenden sind entweder auf Interail oder bei Freunden untergebracht. Wir Eltern fühlen uns entsprechend vogelfrei, wieder einmal unabhängig und darum sehr jugendlich, fast im besten Alter, so

plus/minus 50.

 

Schnitt.

 

Schon drei Tage sind wir nun unterwegs und für heute steht – nach einem anstrengenden gestrigen Tag – eine prachtvolle Abfahrt bevor. Entsprechend geniessen wir gutgelaunt das z‘Morge. Wir bereiten unsere Velos vor und fahren los. Man fühlt sich als Gemeinschaft und ist sich gegenseitig zugetan. Während der rassigen Abfahrt rufen wir uns übermütig Scherzworte zu. Die quirlige Marlis will ihrer Vorderfrau etwas erzählen und schert darum kurz aus der Reihe aus. Von hinten tönt es, schreit jemand, sie solle in der Kolonne fahren. Marlies will sich wieder eingliedern und kommt ins Schlittern. Von hinten nähert sich ein PW. Da passiert es. Marlis stürzt. Der PW stoppt, streift aber Marlis knapp. Die Aufregung ist riesig. Marlis muss von einem Krankenwagen ins nächste Spital gefahren werden. Wir alle sind in unglaublich aufgelöster,weicher und hilfsbereiter Stimmung. Wir fahren zur nächsten Unterkunft und vereinbaren noch eine Zeit fürs gemeinsame Nachtessen.

 

Schnitt.

 

Und nun sitzt dieselbe, beim Morgenessen noch so aufgestellte Gruppe in der Hotelbeiz und blättert verlegen in der Speisekarte. Man fragt wohl nach Marlis und erfährt, es gehe ordentlich. Marlis habe keine inneren Verletzungen, lediglich einen einfachen Armbruch und starke Schürfungen. Ihr Mann organisiert sich eine weitere Übernachtung und wird dann einen Tag später Marlis abholen und mit ihr nach Basel fahren. Alle andern gehen Morgen, da sie wieder arbeiten müssen. Die Hilfsbereitschaft ist nicht mehr so spürbar, das Gemeinschaftsgefühl am Auseinanderfallen. Traurig, aber es ist so. Alle scheinen gedanklich schon bei ihrer Arbeit. Das Gespräch wird zunehmend schwieriger. Man sucht ein anderes Thema und findet es, leider in einer bevorstehenden Abstimmung zu einer SVP-Initiative, natürlich übers polarisierende Ausländerthema. Erneut harzt das Gespräch, bis ein SVP-nahes

Ehepaar findet, wir andern liebten eben die Schweiz nicht. Dieser Satz löst viel aus. Vielleicht war auch der Tag anstrengend. Jedenfalls geht man schlafen, ohne sich wieder gefunden zu haben. Am nächsten Tag fährt die Restgruppe ohne Marlis und Partner im Zug getrennt sitzend nach Basel zurück.





Von Vreni Indlekofer

 

Ein Auge, ein Blick – ein Augenblick.

Morgens um vier erwache ich und durch den Kopf schiessen die beiden Wörter „Auge“ und „Blick“. Was soll das nur heissen? Ich liege ruhig da und denke nach: Was soll es wohl bedeuten? „Auge“ und „Blick“. Ach, was soll ich nur mit diesen beiden Wörtern anfangen?

 

Im Augenblick sehne ich mir nach Ruhe. Aber Ruhe heisst: Studiere weiter, was du damit anfangen sollst. Nach einer kurzen Pause dreht es weiter in meinem Kopf. Ich denke an die vielen schönen Momente in meinem Leben, es gibt auch ein Lächeln zwischendurch, wenn ich an meine beiden Kinder denke.

 

Als sie beide zum ersten Mal in einem Ferienlager waren, haben sie oftmals Tomaten und Zucchetti zum Zmittag bekommen. Patrick hat sich zu Hause jeweils geweigert, Tomaten zu essen. Im Lager sassen dann etwas zwölf Kinder am Esstisch und praktisch keines der Kinder wollte den Zmittag essen. Es gab ein Geschrei und Gejammer an dem Tisch. Patrick sei dann aufgestanden – dies hat uns der Lagerleiter erzählt –, sei rund um den Tisch gelaufen und habe allen das Tomatengemüse vom Teller gegessen, bis wieder Ruhe eingekehrt sei am Tisch. Was für ein Augenblick! Da wäre ich gern dabei gewesen.

 

Ein zweites Mal kam eine Karte von dort zu uns nach Hause. Da hat Patrick, der Erstklässler, geschrieben: „Muttele hat gegrinnt, aber jetzt ist sie wieder mutter.“ Auch das war ein schöner Augenblick. 

 

Wieder nach Hause zurückgekehrt, bin ich mit Barbara in die Stadt einkaufen, und die kleine Barbara hat lautstark durch das Tram gesungen: „Gott ist die Liebe“ und andere fromme Lieder. Auch das war ein Augenblick, bei dem ich heute noch lächle. Der Gesang mit den frommen Liedern war mir etwas peinlich, aber abstellen konnte ich ihn nicht, diesen auch etwas peinlichen Augenblick.

 

Noch schlimmer wurde es in der chemischen Kleiderreinigung. Als die Angestellte uns die Kleider abnahm, entdeckte ich deren Fingernägel. Die Farbe war abgesplittert, die Nägel abgebrochen, und dann sah ich, wie Barbara auf die Nägel starrte. – „Oh Mama, schau mal, diese Nägel sehen schrecklich aus, die sollten dringend gereinigt und gekürzt werden!“ Sie hatte ja recht, aber sagen hätte sie es nicht dürfen. Es war grad nochmals ein peinlicher Augenblick.

 

Diese Augenblicke mit meinen Kindern sind immer sehr schön und ich kann noch heute darüber lächeln.



Von Madeleine Bollinger

 

Ende der 50er-Jahre hatten wir einen alten Occasions-VW, mit welchem ich Fahrlehrstunden absolvierte. Ich gab mir sehr Mühe, da die Lehrstunden teuer waren, 12 Franken. Ich hatte einen sehr guten und fairen Fahrlehrer, der mich nach 13 Stunden zur Prüfung anmeldete. Er hoffte, dass ich nicht dem pensionierten, strengen Beamten als Prüfer zugewiesen würde. Dieser war bekannt, dass er fast alle Frauen beim ersten Prüfungsfahren durchfallen liess.

 

Das Aufgebot kam, und der Prüfer war eben dieser ältere Herr am Neuweilerplatz. Mein Fahrlehrer fuhr mich dorthin und schärfte mir ein, dass ich beim Fragen nach der Anzahl Fahrstunden unbedingt 20 und nicht nur 13 angeben müsse. Ich begab mich also in die Wohnung des Prüfers. Seine Frau begrüsste mich und führte mich in die gute Stube, wo

gemütlich Herr W. bei Kaffee und Kuchen sass. Wir tranken zusammen Tee, und so nebenbei musste ich die Theoriefragen beantworten. Das ging gut, und wir begaben uns zu meinem Auto zur praktischen Prüfung. Herr W. zwängte sich mühsam auf den Beifahrersitz des kleinen Wagens, und los ging's. Nicht gerade über Stock und Stein, aber mein Beifahrer wusste alle Stellen, wo man einen Fehler begehen konnte. Er fragte mich nach der Anzahl

Fahrstunden, und ich log brav: 20. «Nicht gerade viel» brummte er.

 

Alles ging gut. Dann kamen wir in die Nähe der Pauluskirche. Plötzlich zeigte Herr W. ganz aufgeregt zu einem Haus und sagte: «Jesses, die Frau dört obe fallt no us em Fänschter, so wie die sich uuselähnt.» Aber meine Augen blickten stur geradeaus, und ich sagte: «Ich ka jetzt nit uffe luege, ich muess fahre» – Die Antwort von Herrn W.: «Sie haben die

Prüfung bestanden. Sie können mich nach Hause fahren.»





Von Randolph Christen

Ich bemerke oft, wie meine Gedanken in alle Richtungen wandern. Ein Teil von mir blickt zurück auf die Vergangenheit, auf Entscheidungen, die ich anders hätte treffen können, auf Chancen, die ich verpasst habe. Ein anderer Teil richtet sich auf die Zukunft, auf Aufgaben, die bevorstehen, und auf Herausforderungen, die mir Sorgen bereiten. In diesen Momenten bin ich überall, nur nicht im gegenwärtigen Augenblick.

Ich merke, wie sehr mich diese ständige Bewegung zwischen Gestern und Morgen belastet. Die Trauer über Vergangenes und die Angst vor Kommendem nehmen Raum ein, den ich eigentlich für das Heute bräuchte. Deshalb versuche ich, meine Aufmerksamkeit bewusst auf den aktuellen Moment zu lenken. Auf den Tag, der gerade stattfindet, und auf den Augenblick, der sich jetzt entfaltet.

Durch Introspektion beobachte ich meine Gedanken und Emotionen, ohne sie zu bewerten. Ich versuche wahrzunehmen, was tatsächlich in mir geschieht, und nicht, was hätte sein können oder sein könnte. Dabei hilft mir mein Atem. Ein Atemzug nach dem anderen, ruhig und gleichmässig. Wenn ich ihn beobachte, komme ich dem gegenwärtigen Augenblick näher. Für einen Moment bin ich einfach da.

 

Sonntag, 19. Juli 2026

 VIELFALT


Von Randolph Christen

Vielfalt stärkt eine Gesellschaft, weil sie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringt und dadurch neue Perspektiven eröffnet. Wenn Personen verschiedener Herkünfte, Interessen und Bildungswege aufeinandertreffen, entsteht ein Umfeld, in dem Wissen geteilt und erweitert wird. Diese Unterschiede führen nicht zu Distanz, sondern schaffen Lerngelegenheiten, die das Zusammenleben bereichern.

Gleichzeitig macht Vielfalt eine Gemeinschaft widerstandsfähiger. Unterschiedliche Erfahrungen ermöglichen es, Herausforderungen aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten und Lösungen zu finden, die breiter abgestützt sind. So entsteht eine Art soziales „Netz“, das stabil bleibt, auch wenn einzelne Bereiche unter Druck geraten.

Für den Einzelnen bedeutet Vielfalt zudem eine Chance zur persönlichen Entwicklung. Wer regelmässig Menschen begegnet, die anders denken oder leben, entwickelt leichter Toleranz, Grosszügigkeit und soziale Anpassungsfähigkeit. Diese Fähigkeiten fördern ein respektvolles Miteinander und erleichtern es, Konflikte konstruktiv zu lösen.

Insgesamt trägt Vielfalt damit wesentlich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Sie verbindet Menschen nicht trotz ihrer Unterschiede, sondern gerade wegen ihnen.




Von Gerhard Bächlin

 

Als Einführung ein Zitat von Berthold Brecht:

"Theater ist einfältig, wenn es nicht vielfältig ist."

 

Berthold Brecht wollte ein waches Publikum. Theater soll den Verstand anregen, nicht nur Gefühle. Theater musste viele verschiedene Seiten und Meinungen zeigen, das Publikum zum Nachdenken anregen.

Der Begriff Vielfältigkeit ist anwendbar auf fast alles, was auf unserer Erde existiert und lebt.

Durch die Erforschung des Weltraums ist auch die Vielfalt dieses Kosmos ins menschliche Bewusstsein gedrungen. In einem einzigen Kubikmeter fruchtbarer Erde leben unfassbare 100 bis 1000 Milliarden Lebewesen. Welche VIELFALT!

Die Vielfalt der Menschen führt zu unterschiedlichsten Wesen und Charakteren. Daraus ergeben sich Menschen mit differenzierten Verhaltensweisen, Ansprüchen und Lebensformen. Die topographischen und klimatischen Verhältnisse führen auch zu vielfältigen Berufen und Tätigkeiten.

Der heute erreichte Stand von Vielfalt im täglichen Leben kann für manche Menschen zur Belastung werden und generiert eine Vielfalt an Spezialärzten, Therapeuten und Heilmitteln.

All diese Vielfalt scheint zum Teil zu viel des Guten zu sein, weniger wäre oft mehr! In dieser Schreibwerkstatt hier entsteht eine erfreuliche Vielfalt an Beiträgen! Damit endet meine bescheidene Vielfalt.



Von Doris Plüss

 

Die grösste Vielfalt gibt es in der Natur, also ist die Auswahl, darüber zu schreiben, entsprechend vielfältig und erschwert die Auswahl und den Entscheid. Wie ich auf die Wahl und den Entscheid dieses Themas im folgenden Text kam, ist mir absolut schleierhaft. Denn es fällt auf eine lange, lange Zeit in meinem Leben zurück: 

 

1965, ich war 17 Jahre alt und machte eine Lehre als Spitallaborantin in damaligen Bürgerspital Basel. Im dritten Ausbildungsjahr verbrachte ich die Hälfte im Blutspendezentrum Basel. Für die Blutgruppenkarten bestimmten wir Blutgruppe und

Rhesusfaktor. Die grösste Aufgabe aber war, das gespendete Blut – damals noch in Flaschen abgefüllt – zu testen und in grossen Kühlschränken, sortiert nach Blutgruppen, zu versorgen. Jeden Tag kamen 4-5 Frauen – wir nannten sie liebevoll Schüttelfrauen. Sie setzen sich neben die spendende Person und bewegten ganz sanft und gleichmässig das anfliessende But, das sich somit mit dem Klumpenverhinderer und der Haltbarkeitsflüssigket verband. Wir im Labor bestätigten mit dem aus einem in einem Reagenzglas beigelegten Blut nochmals die Blutgruppe und den Rhesusfaktor. Dann wurden die Flaschen nach Blutgruppen sortiert und in grosse Kühlschränken versorgt. Heute 50 Jahre später ist die Handhabung ganz anders. Vor allem gibt es leider die beliebten Schüttelfrauen nicht mehr. Die Flaschen wurden durch Plastiksäckchen ersetzt und die werden während der Spende maschinell geschüttelt.

 

Nun zurück zum Thema "Vielfalt"! Dies führt mich zu einem obergestressten Pfingstsamstag, vor Jahren und einem fast verpassten zweieinhalbtägigen Ausflug mit meiner Jugendgruppe. In der Garderobe wartete mein Rucksack und die Vorfreude war gross. Meist hatten wir im Labor am Samstag nur die Vorfälle und die Probeentnahmen vom Entnahmeraum. Um 12 Uhr wurde das Zentrum geschlossen. Gewappnet für ein Pfingstwochenende waren alle Kühlschränke gefüllt. Eigentlich alles okay, wie gewohnt. Doch denkste, das wurde ein Horrorpfingstsamstag. Schon am Morgen erhielten wir ein Teströhrchen aus dem nahegelegenen Frauenspital, überbracht von einer sehr jungen schwangeren Frau.

Sie war eine von denjenigen – meist sehr jungen – Frauen ohne Krankenkasse und konnte

die Geburt nicht selbst bezahlen. Also wurden sie für unentgeltliche Botengänge vor der Geburt eingesetzt. Wir sollten drei Flaschen A Rh positiv testen für eine im Frauenspital bevorstehende Geburt. A Rh pos ist die häufigste Blutgruppe, also kein Problem. Doch es

zeigte sich, dass die gebärende Mutter in ihrem Blut Antikörper gegen rote Blutkörperchen ihrer eigenen Blutgruppe hatte. Sie selbst war nicht gefährdet, da ihr selbst das entsprechende Teilchen fehlte. Also mussten wir drei Flaschen A pos finden ohne dieses Teilchen auf den roten Blutkörperchen.

Dies ist einer der Gründe, warum das gespendete Blut immer vor der Transfusion mit dem Blut des Empfängers oder der Empfängerin getestet werden muss. Dieser Test verhindert – sollte er positiv sein – starke Reaktionen. Wir mussten so schnell wie möglich aus der Vielzahl A Rh pos-Blutflaschen eine sehr seltene mit diesem Unterschied finden. Sofort telefonierte ich einer Zwinglibundkollegin. Sie suchte mir eine entsprechende Zugsverbindung heraus, damit ich doch noch kommen könnte. Es wurde ein Horror-Stress-

Nachmittag. In Basel gingen wir zu dritt auf die Suche. In allen Zentren der Schweiz wurde getestet und gesucht. Wir in Basel fanden eine und ich glaube in der Schweiz fand man noch zwei. Hätten wir nicht die Vielfalt und den guten Kontakt zu den anderen Zentren der

Schweiz, ich weiss nicht, wie wir das geschafft hätten.

Heute fast 50 Jahre später sieht es ziemlich sicher ganz anders aus. Das gespendete Blut wird nicht mehr in Flaschen gefüllt – zum Leidwesen der Schüttelfrauen, die diese Arbeit mit viel Engagement und Freude gemacht haben. Auch kann heute das gespendete Blut je nach Bedarf getrennt und verschieden aufbewahrt werden. Für mich endete der gestresste Pfingstsamstag mit einem noch erwischten Zug. Ich wurde freudevoll von keinen Kolleginnen und Kollegen empfangen, und konnte den Rest der Pfingsten voll geniessen. Nach meiner Rückkehr erfuhr ich zu meiner Freude, dass die Mutter und das Kind das Spital nächstens gesund verlassen konnten.

 

 

 



Von Vreni Indlekofer

 

Ja, ich war ein vielfältig interessierter Mensch, aber ich muss gestehen, dass von dieser Vielfältigkeit nicht mehr viel übrigbleibt. Meine Krankheit hat mich gezwungen, vieles liegen zu lassen und mich auf wenige Sachen zu beschränken. Vor allem die Schreibwerkstatt möchte ich am wenigsten missen, und daher versuche ich, mit dieser möglichst noch weiter zu machen. 

Nun zu dem Wort "Vielfältigkeit": Als ich noch als junge Frau in der Lehre war, kamen sehr viele Leute in das Bürofachgeschäft einkaufen und wollten Verfielfältigungspapier. Es ist ein sehr saugfähiges Papier, nicht zu verwechseln mit Umdruckpapier. Hatten wir die Farbe und die Dicke des Papiers ausgewählt, so fragte ich der Kunden, ob er die Matrize dazu besitze. Das war meist die grösste Schwierigkeit, denn das Papier war mit einem Kopf versehen, den man in die Maschine einspannen musste. Also musste die Garnitur genau zur Vervielfältigungsmaschine passen.

Dies Matrize selbst mit dem passenden Kopf musste dann in die Schreibmaschine eingespannt werden. Dann musste man diese Matrize beschriften mit dem gewünschten Text. Da das Formular mit Wachs beschichtet war, schlug es den Wachs weg und so hatte man dann die Vorlage zum Druck. Die ausgestanzten Buchstaben wurden mit der hinteren Seite dieser Garnitur mit Farbe gefüllt und jetzt war die Garnitur bereit zur Verarbeitung.

In der Vervielfältigungsmaschine brauchte es Alkohol, und nun gings' los. Die in der Maschine eingebaute Walze holte sich immer ein wenig Flüssigkeit, die dann über die Walze auf die hintere Seite der Wachsschablone übertragen wurde und so mit der blauen oder

schwarzen Farbe die leergeschlagenen Buchstaben füllte. Damit konnte man viele, viele Papiere bedrucken!

Viele Leute hatten Schwierigkeiten, diese Aufgabe zu bewältigen, und so kam es dann zum Umdruckpapier, das keine solchen Schablonen benötigte. Das war viel einfacher zu bedienen und wurde von allen Leuten gut verstanden, ist heute aber auch veraltet.

Heute ist die Vielfältigkeit zu Einfältigkeit geworden.

 

 



Von Anita Bigler

 

Ich möchte über die Vielfalt der Alpenblumen schreiben. Es hat mich jeden Frühling von Neuem begeistert, diese Blumenpracht zu bewundern, wenn ich auf schmalen Bergweglein unterwegs war. Ein kleines Buch im Rucksack half mir, wenn ich nicht ganz sicher war, wie das Blümlein heisst.

Zuerst zeigen sich die Frühlingskrokusse in Weiss oder Blau zwischen den letzten Schneeresten, und die zarten Soldanellen leuchten lila dazwischen. Jetzt strahlen auch die wunderschönen Anemonen in Weiss und Gelb.

Dann geht es Schlag auf Schlag und es breitet sich ein Alpenblumen-Teppich aus. Du wanderst zwischen blauem Enzian, gelbem Fingerkraut und Huflattich, dann an den sprudelnden Bergbächlein mit den gelben Dotterblumen. Etwas später im Jahr siehst du Schlüsselblumen und Pippau, Johanniskraut und die schönen runden gelben "Rigirollen" genannt Trollblumen.

Bald überzieht der Knöterich in Rosa die Alpweiden, zusammen mit den Esparsetten und dazwischen die wilden Orchideen in leuchtendem Violett. Weiter oben breiten sich die Alpenrosen aus, dazwischen die gelben Akelei-Sterne und der deutsche Stengelenzian.

Im Herbst leuchten die roten Wachholderbeeren zwischen den Steinen hervor, wir sitzen hier mit einer Zwischenverpflegung und bewundern einige Männertreu (sie sind rar). Ich lege mich auf den Bauch um ihren ausgeprägten Vanilleduft einzuatmen. Die Teufelskralle und die Rapunzel in Blau, die kleine Kugelblume und die vielfältigen Glockenblumen, dazwischen auch Thymian und Hauswurz auf den Steinen.

Im Spätherbst blühen eines Morgens Herbstzeitlosen, das Heidekraut färbt sich rot und die Silberdisteln leuchten hervor. Etwas Seltenes sind die Lilien: Paradieslilien in Weiss, die sich zahlreich an einem Hang im Wind wiegen, Türkenbundlilien von Rosa bis Purpur und Feuerlilien in Feuerrot. Immer ein toller Blickfang!

Bei meinen Reisen in Nordeuropa traf ich überall die gleiche Blume: das Weidenröschen. Es blüht langstielig von Rosa bis Rot. In meinem Buch steht: von 800 - 2600 m, häufig und gesellig!

 

 



Von Verena Hess

 

Das modernere Wort für Vielfalt ist wahrscheinlich Diversität. Beide Wörter sind sehr vielfältig anwendbar. So gibt es z.B. die Biodiversität, die Genderdiversität, Farbenvielfalt, Blumenvielfalt oder, oder … Für vieles davon haben wir in diesem Raum sehr gute Experten oder Expertinnen, denen will ich keinesfalls dreinreden. Doch es gibt auch die Multikultigesellschaft, was ähnlich tönt. Vielfalt als nettes Gesellschaftsprojekt fürs moderne Leben. Bunt, tolerant und sehr menschlich. Alles werde sich leichter und fröhlicher anfühlen, so sagen sie. 

Doch das kommt kaum von alleine. Menschen bleiben Menschen, bleiben widersprüchlich, und natürlich sind wir durch unsere Mitmenschen meist sehr rasch überfordert. Vielleicht steht uns manchmal auch die eigene Vergangenheit im Weg.

Fast unbemerkt habe ich die Vielfalt auf unser Haus, die Senevita eingedämmt. Dass wir halt auch eine vielfältige Gemeinschaft sind, spürt man vor allem beim Essen. Da ist die, die stets so laut lacht, einer, der kaum spricht, eine, die alles verplant aus Angst, mit sich selbst allein zu sein. Und einer, der alles laufen lässt, weil Kontrolle ihn müde macht. Eine, die ihre Haare leuchtend färbt, weil sie sonst vielleicht nicht beachtet würde. Einer, der alles besser weiss, und eine andere, die da meint, stets kontern zu müssen.

Alles reibt,

alles irritiert, 

vieles stört.

Doch plötzlich – zwischen all dem Durcheinander, zwischen den kleinen Kriegen des Alltags, zwischen den Missverständnissen, die niemand absichtlich erzeugt, tauchen diese besonderen Momente auf: Jemand hört plötzlich zu, jemand sagt: "Bleib so." Jemand lacht genau an der richtigen Stelle. Vielleicht zeigt sich so Hoffnung, nicht die glatte, politisch korrekte Version, eher die unbeholfene, die kantige, die sich durch all die irritierenden Unterschiede durcharbeitet und am Ende sagt:

Wir müssen uns nicht gegenseitig angleichen, um uns nicht zu verlieren. Vielfältigkeit ist einfach ein gutes Mittel, um nicht am eigenen Echo zu ersticken.




 DIE SUCHE Von Vreni Indlekofer   Ich suche ein Wort: „Suchen.“   Ein Wort suchen, das passiert alle Tage mindestens einmal. Suchen ist für ...