NEUGIER
Von Vreni Indlekofer
Gibt es wohl Menschen, die gar keine Neugierde verspüren? Ich selbst habe gemeint, ich sei nicht neugierig, doch merke ich, dass immer wieder eine Neugierde in mir hochsteigt. Die erste Neugierde, an die ich mich erinnern kann, war wohl die Folgende:
Als kleines Kind stand mein Bett direkt an der Wand zum Schlafzimmer der Eltern. Immer
wieder konnte ich vernehmen, dass ein leises Stöhnen zu mir hinüberdrang. Ich hatte Sorgen, dass es den Eltern an irgend etwas fehle, aber das Stöhnen war nicht schlimm anzuhören. Es kam eher fröhlich zu mir hinüber. Als ich dann nach einiger Zeit meine Schwester fragte, ob sie das jeweils auch höre, bejahte sie meine Frage. Aber genauere Antwort darauf bekam ich keine, sie schwieg. Heute weiss ich natürlich, was dieses Stöhnen bedeutet hat, und darf darüber glücklich sein.
Eine nächste Neugierde verspürte ich, als meine Schwester etwa in die 7. Klasse kam und es dort einen Jungen gab, der ihr immer wieder den Hof machte. Sie selbst aber verspürte eine grosse Abneigung gegen diesen Jungen. Ich fragte sie mehrfach nach dem Grund für ihre Abneigung, aber sie gab mir nie eine klare Antwort. Da er jedoch nicht locker liess, mit ihr ein Rendez-vous zu bekommen, war plötzlich ich im Mittelpunkt: Sie verlangte von mir, dass ich sie vor dem Jungen beschütze. Eigentlich fand ich ihn zwar sehr nett, aber meine Schwester war mir halt doch noch wichtiger. Also, jedes Mal, wenn er ein Date abmachen wollte, musste ich ihm sagen: «Nein, das geht nicht, dann ist meine Schwester bei meiner Grossmutter.» Wenn er am nächsten Tag wieder abmachen wollte, sagte ich: «Ach nein, das passt nicht, dann gehen wir zusammen nach Zürich.» So log ich das Blaue vom Himmel herunter für meine Schwester, aber oftmals merkte er dann wohl, dass da etwas nicht
stimmen konnte. Er sagte zu mir: «Gestern hast du mir gesagt, es gehe nicht, weil Buti bei der Grossmutter sei. Heute sagst du mir, ihr würdet nach Zürich gehen.» Da antwortete ich: «Ja, natürlich, wir nehmen die Grossmutter doch mit nach Zürich!» So ging das etwa zwei Jahre lang. Heute, 70 Jahre später, haben die beiden wieder Kontakt. Meine Schwester findet ihn nun zwar nett, mehr aber nicht. Bis heute weiss ich immer noch nicht, warum meine Schwester damals nichts von ihm wollte - diese Neugierde wurde nie gestillt.
Was wird wohl meine nächste Neugierde sein? - Das ist meine Neugierde …
Lange grüble ich: Soll ich mit meiner Neugier ins Weltall, ins Meer oder ins Tierreich?
Doch während meine Gedanken kreisen, entdecke ich eines der neugierigsten Wesen, die es gibt. Er stolziert gerade vor mir durch die Stube und beobachtet neugierig seine Umgebung. Ihr könnt Euch denken, es handelt sich um meinen Kater Blacky.
Katzen sind sehr neugierige Wesen. In der freien Natur gehört es zu ihrem Überlebensinstinkt. Jede Veränderung wird frühzeitig und genau untersucht. Für mich täglich beobachtbar, zeigt sich an ihrer Körpersprache ihre Neugier. Die Ohren und Schnurrhaare sind nach vorne gerichtet und aufmerksam aufs Ziel fixiert. Der Schwanz zeigt aufrecht nach oben. Augen und Pupillen weit geöffnet aufs Ziel gerichtet.
Nun zurück zu meinem Mitbewohner Blacky, einem sehr neugierigen Wesen. Ich wache frühmorgens meist so ca. um 6 Uhr auf. Das hat Blacky schon verinnerlicht, das weiss er und nützt dies aus. Während der Nacht schläft er zu meinen Füssen und schleicht sich frühmorgens ganz langsam bis vor mein Gesicht. Es wird geschnuppert und die Neugier erwacht: Ist sie schon wach? Reagiert sie, wenn ja wie? Nun, dieses schlaue Wesen weiss ganz genau, auch wenn meine Augen noch geschlossen sind: Die ist wach! Es kommt näher, schubst mit seiner Stirn an meine Nase, und ich öffne die Augen und schaue in ein paar wunderschöne neugierige Augen, die mich fragen: Wann stehst du endlich auf und
wann gibt es endlich was zu fressen! So beginnt unser gemeinsamer Tag.
Jetzt ist es Zeit für die nächste neugierige Phase! Mit hoch gestelltem Schwanz verfolgt er mich in die Küche. Dort setzt er sich erwartungsvoll neben seinen Futterplatz und beobachtet aufmerksam mein Tun. Was gibt es heute?
Nach dem Frühstück geht's – vor allen jetzt in der wärmeren Jahreszeit, wenn die Türe offensteht – auf die Terrasse. Dort wird durch aufmerksames Beobachten der ganzen Gegend die Neugier für den neuen Tag gestillt. Dann ist Schlaf angesagt! Blacky schnarcht ganz leise und ein Zucken geht durch den ganzen Körper. Träumt er? Und wenn ja, was wohl? Auch die Ohren bewegen sich immer wieder, wie kleine Antennen. Beim für ihn geringsten unbekannten Geräusch, stellen sich diese Ohren und langsam öffnen sich die Augen.
Ist es Neugier oder Achtsamkeit? In der Natur gehört dies zum Überlebenstrieb. Doch in der sicheren Stube vor allem zur Neugier. Auch Verlangen oder sogar Fordern nach Streicheleinheiten und nicht zu vergessen: Gibt es bald wieder was zum Naschen oder ist es Zeit für die regelmässig sichergestellte Fütterung?
Egal, ich denke für eine Katze oder einen Kater besteht ein Grossteil des Lebens aus Neugier!
Von Randolph Christen
Neugier im Alter verändert sich nicht einfach, sie wandelt ihren Charakter – und ich spüre diesen Wandel in meinem eigenen Lebenslauf. Als Kind war meine Neugier spontan, spielerisch und grenzenlos. Alles wollte ich anfassen, ausprobieren, verstehen. In der Jugend blieb sie lebhaft, aber sie richtete sich stärker auf das unmittelbare Erleben und auf das, was mir gerade wichtig erschien.
Mit den Jahren wurde meine Neugier selektiver und bewusster. Ich merkte, dass sie sich zunehmend an meinen persönlichen Erfahrungen orientierte. Dieser Wandel fühlte sich nie wie ein Verlust an, sondern wie eine Verfeinerung.
Im mittleren Lebensalter richtete sich meine Neugier oft auf berufliche, familiäre oder gesellschaftliche Themen. Sie half mir, Entscheidungen zu treffen und mich in komplexen Situationen zu orientieren. Heute, im höheren Alter, hat sie einen ruhigeren, reflektierten Klang. Ich interessiere mich stärker für Zusammenhänge, für biografische Fragen und für Entwicklungen, die mein Leben begleitet haben. Diese Form der Neugier entsteht aus innerer Motivation, nicht aus äusserem Druck.
Ich erlebe, wie anhaltende Neugier meine geistige Beweglichkeit stärkt und mir hilft, Veränderungen anzunehmen. Sie bleibt ein stabiler Bestandteil meines Lebens – angepasst, gereift, aber lebendig.
Von Anita Bigler
Mit einer guten Portion Neugier bleibt der Lebenssinn erhalten.
Trotz meines Alters bin ich noch immer neugierig und wissensdurstig. Leider wird das Lesen von interessanten Büchern schwieriger und die Museumsbesuche etwas beschwerlicher. Wandern und Reisen im alten Stil kann ich nicht mehr, aber ich kann Bus- und Drämlifahren, mit unserem U-Abo, kommt man recht weit.
Ich sitze also im Drämli und schaue aus dem Fenster, ich bin die Einzige, denn alle anderen starren auf ihr Handy. Ich sehe neue Baustellen, dazwischen leere Schaufenster, wo früher bekannte Geschäfte waren. In grossen Lettern steht da "open soon" was meistens längere Zeit dauert. Ausserhalb der Stadt fährt das Tram oder der Bus durch sehenswerte Landschaften, ich entdecke frühere Wanderwege, woran ich mich sehr gerne erinnere.
Bald sind in unserer Stadt Schulferien, und in dieser Zeit gibt es in der BAZ wieder die Sommersprossen-Rätsel von Minu. Ich freue mich immer darauf, denn ich suche die Antworten gerne vor Ort in unserer Altstadt. Das ist meistens nicht einfach zu finden, denn Minu gibt sich da viel Mühe, eine versteckte Trouvaille zu beschreiben. Sucht man auf dem einfachen Weg im Internet, lacht ein Smilie statt einer Antwort. Wenn ich Glück habe, finde ich etwas im Buch von Dominik Heitz, dem "Stadtjäger". Jedes Jahr bin ich neugierig auf diese täglichen Rätsel, die ich mit viel Spass zu lösen versuche.
Von Gerhard Bächlin
Ungesunde Neugier oder auch Schnüffeln genannt und die Nase in die Angelegenheiten anderer Menschen zu stecken, ohne daran im positiven helfenden Sinne teilzunehmen. Diese anderen Menschen fühlen sich belästigt und können dann unwirsch reagieren. Dazu passt das Wort KRIEG.
Die gesunde angeborene Neugier hingegen wie beim Kleinkind, das seine nächste Umgebung erfahren, ertasten, erschnuppern will, hilft das ganze lange Leben hindurch, sich auf gesunde Weise weiterzuentwickeln. Dazu passt das Wort FRIEDEN.
Zurzeit haben meine Frau Verena und ich die Gelegenheit, unseren einjährigen Urenkel zu erleben beim Erkunden seiner wechselnden Umwelt, zeitweise in Basel, dann von nun an
im neuen Haus in Portugal an der nördlichen Algarve mit Felsküste und Stränden. Eine Freude, zu sehen wie er seine nächste Umgebung ertastet und erlebt. Wohlgemerkt sehen wir das Meiste dann auf Bildern/Fotos, die unsere Enkelin/seine Mama uns sendet. So ist auch unserer Neugier geholfen. Aber wir dürften ihn schon auch in die Arme nehmen. Nun sind wir beide auch neugierig, wie sich dieser Mensch weiterentwickelt. Dank unsere gesunden NEUGIER.
Von Madelaine Bollinger
Ich bin ein neugieriger Mensch. Und das sind wir alle, sonst wären wir nicht hier.
Die Neugier beginnt schon bei der Geburt. Ohne Neugier, keine Fortschritte, kein Lernen. Wie freute ich mich auf die Schule, ich wollte wissen, lernen. Die Neugier begleitet mich bis heute. Meine Bibliothek ist voll von Nachschlagewerken und Wörterbüchern in vielen Sprachen. Auch brauche ich immer noch analoge Landkarten. Ich benütze diese Quellen fleissig, weil ich einfach neugierig bin und wissen möchte. Ganz selten hilft wir auch Google.
Nun zur negativen Neugier. Ich verschliesse mich sofort, wenn ich "ausgefragt" werde. Zur Begrüssung gehört ja oft: "Wie geht's?" Eine rhetorische Frage, auf die ich fast immer mit "Gut" antworte. Würde ich "Nicht gut" sagen, wäre mein Gegenüber erst mal überrascht, dann käme das "Warum?". Diese Frage kann ich doch nur beantworten, indem ich mich öffne, mein Leiden preisgebe. Das "Warum" ist die Frage, die mich irritiert, sie ist übergriffig. Und oft möchte der Fragende gar nicht wissen, was mich plagt.
Freunde dürfen fragen, der Arzt muss fragen. Fragen dürfen den Befragten nicht in die Enge treiben. Dazu braucht es viel Empathie, so genanntes "Gschpüri". Neugier hat da keinen Platz.
Beispiel einer vermasselten Begrüssung:
"Hallo, geht's gut?"
"Nein, es geht mir nicht gut."
"Aber was hast du? Du siehst doch so gut aus?"
Was antworte ich? Bin ich eine Auskunft schuldig? Ich wechsle das Thema, sofern das geht, und akzeptiert wird.
Und nun noch eine kleine Geschichte kindlicher Neugier: Während des Kriegs war da Gas rationiert. Wir durften nur einmal pro Woche baden und zwar am Samstagabend. Die Wanne wurde gefüllt und wir beiden Kinder wurden zuerst geschruppt. Dann war die Reihe an meiner Mutter und zuletzt durfte mein Vater in die Wanne steigen, ins sicher nicht mehr so saubere Wasser. Beim Vater wurde die Türe verschlossen. An der Badezimmertüre befanden
sich ganz unten drei Löcher, damit der Dampf entweichen konnte. Wir zwei Mädchen legten uns nun bäuchlings auf den Boden, um durch die Löcher etwas von unserem Vater sehen zu können, und schrien dann auf vor Freude, wenn Vater aus der Wanne stieg und wir seine Füsse sahen. Wahrscheinlich wollten wir unbewusst (?) etwas mehr sehen.
Von Verena Hess
Meine Mutter hat mir öfters eine kurze Geschichte erzählt, die mir in Erinnerung geblieben und mir sofort im Zusammenhang mit 'Neugier' wieder eingefallen ist:
Meine Mutter lag im riesigen Gebärsaal des Frauenspitals an der Schanzenstrasse und wartete auf meine Geburt. Damals waren die einzelnen Betten der Gebärenden lediglich durch Vorhänge getrennt, wie heute noch auf der Notaufnahme. Verständlicherweise war meine Mutter sehr nervös, hatte wahrscheinlich auch Angst vor der für sie ersten Geburt. Da hörte sie plötzlich leicht unterdrückte Schmerzensschreie aus der Richtung des rechten Vorhangs. Da meine Mutter eine neugierige Frau war, wollte sie sehen, was da hinter dem Vorhang geschah. Sie schlüpfte vom Bett, kniete sich sehr mühsam hin und versuchte, durch den Spalt unter dem Vorhang durchzuspähen. Just in dem Moment tritt die Hebamme in den Gebärsaal und erwischt meine kniende Mutter; diese zuckt zusammen und schlüpft zurück ins Bett, denn die Hebamme verkörperte damals eine gewaltige Autorität, der sie während der nächsten Stunden ausgeliefert sein würde. Die Hebamme beschimpfte meine Mutter als "neugieriges, junges Ding". Dies ist die Geschichte meiner Mutter, die in mir als sehr anschaulich abgespeichert wurde.
Aber was ist eigentlich Neugier? Zuerst einmal liegt es schon im Wort: Gier nach Neuem. Ist dies nun positiv oder negativ? Was meine Mutter tat, war sicher verständlich, aber auch sehr übergriffig. Wie stets beginnt mich etwas zu interessieren, sobald es um Schnittstellen, Grenzgebiete oder um Grauzonen geht. Nun google ich das Wort 'Neugier' und lande sofort bei K.l. Hat mich da auch Neugier angetrieben und jetzt bin ich schon gefangen?
Beim Recherchieren stosse ich auf Spektakuläres: Die moralische Bedeutung von 'Neugier' hat sich nämlich im Verlauf der Geschichte radikal gewandelt. In der Antike anscheinend noch Tugend, im christlich geprägten Mittelalter dann Todsünde und Laster, im 16./17. Jahrhundert der grosse Umbruch. Aus Laster wird der Motor der Wissenschaft. Parallel dazu verändert sich auch die deutsche Wortgeschichte: Neugier löst ältere Begriffe wie 'Fürwitz' oder 'Vorwitz' ab, die noch negativ besetzt waren.
Heute ist 'Neugier' neutral, ist eine menschliche Ressource, ein kognitiver Antrieb und ebenfalls ein psychologisches Bedürfnis. Und damit nähern wir uns wieder meiner geliebten Grauzone und siehe da, wer hätte das gedacht: Kl hilft mir weiter.
Neugier bewegt uns vorwärts, ist wie ein erster Impuls, ausgelöst durch z. B. Schreien hinter dem Vorhang im Gebärsaal. Es öffnet einen Raum. Distanz hält uns zurück, wenn Nähe zu schnell kommt. Sie schützt, hilft ordnen, kann Vorsicht, Angst oder einfach Stil sein. Und Nähe entsteht, wenn sie stärker wird als die Distanz, wenn Vertrauen wächst.
Kurz gesagt: Neugier bewegt uns vorwärts, Distanz hält uns zurück und Nähe entsteht genau in dem Augenblick, in dem wir alles gleichzeitig spüren und trotzdem bleiben.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen