Mittwoch, 13. Mai 2026

 ALLERGISCH


Von Gerhard Bächlin

 

Der Begriff allergische bedeutet einerseits Überempfindlichkeit auf Substanzen, andererseits neurologische oder sensorische Überempfindlichkeit auf Lärm, Gerüche.

 

Mein Körper ist kaum empfindlich auf Substanzen im medizinischen Sinn. Dagegen bin ich eindeutig empfindlich auf Lärm, unangenehme Geräusche und grosse Menschenansammlungen. So war ich auch nur etwa zwei oder drei Mal an einem Fussballmatch, einmal im vollbesetzten Joggeli (das Basler Stadion). Viel lieber bewege ich mich in der freien Natur, lausche dem Vogelgesang, Vogel- und Tierlauten, dem Wind in den Baumkronen, oder dem "Murmeln" eines Bächleins, und atme den Geruch von Erde und Holz. 

Nun zur MUSIK: Die wird ja auch "als Lärm empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden" (Wilhelm Busch). Symphoniekonzerte mit sanften Tönen bis zum kurzen Fortissimo oder Ländler und Jazz, kurz gesagt jede gute Musik kann Balsam sein für die Ohren. Allergischsein auf Geräusche hängt also vor allem ab von Lautstärke und Qualität der Töne sowie vom aktuellen Befinden und Interesse des Hörers ab. 




Von Anita Bigler

 

Meine Jugend in der Gärtnerei war voller Überraschungen, nur die tollen roten Erdbeeren wollten nichts mit mir zu tun haben. Sie dufteten herrlich und schmeckten doch so gut, ich konnte einfach nicht widerstehen, aber sofort bekam ich Nesselfieber mit starkem Juckreiz. Als Mädchen wollte ich diese Sache nicht begreifen, denn alle die ich kannte, assen sie mit Hochgenuss. Also schlich ich mich nachts aus dem Haus und dachte, wenn ich die Erdbeeren im Dunkeln esse, würden sie mich nicht erkennen. Ich glaubte fest daran, aber ohalätz, die Erdbeeren waren zu clever. Jedes Jahr probierte ich es erneut, aber das lästige Jucken liess nicht nach.

 

Später verbrachte ich einmal Ferien in Italien und da verriet mir ein Kellner ein Dessert mit Erdbeeren, das mir garantiert keine Beschwerden mache: Erdbeeren in Scheiben schneiden und eine Nacht lang in Rotwein einlegen, dazu viel Zitronensaft, Nelken und Pfeffer. Das klappte wirklich und wurde in der Erdbeerzeit mein Lieblingsdessert. Zum Rohessen gibt es ja so viele Alternativen wie Himbeeri, Heidelbeeri, Stachelbeeri und Johannisbeeri.

 

Meine zweite Allergie machte sich viel später bemerkbar, als ich meine Reisen in den Norden begann. Ich liebe Fisch und Meeresfrüchte, aber genau diese Meeresfrüchte machten mir das Leben schwer mit starkem Unwohlsein, geschwollenen Händen und Füssen. Mein Arzt erklärte mir, dass sie für mich zuviel Eiweiss enthalten. Aber auch hier gibt es eine gute Nachricht, alle Meerwasserfische kann ich ohne Bedenken geniessen.





Von Vreni Indlekofer

 

Wenn ich dieses Wort schon nur höre, wird mir halb schlecht. Ich reagiere allergisch auf das Wort "allergisch". Das ist meine Allergie, die ich nicht ablegen kann. Besonders allergisch bin ich auf Menschen, welche nur immer zu jammern wissen, ob über Krankheiten oder Mitmenschen. Das können sie nicht zurückhalten, sondern posaunen es täglich in die ganze Welt hinaus.

 

Ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, die hin und wieder etwas zu klagen haben, aber dann könnten sie auch wieder einmal eine positivere Seite aufschlagen. Und dies versuche

ich immer wieder selbst zu tun. Bestimmt finde ich etwas, das zu ihrem Gejammer passt, aber bestimmt gibt es etwas Positives hinzuzufügen. Von meiner eigenen Allergie habe ich gelernt, die positive Seite aufzuschlagen. Auch bei mir gibt es Momente, in denen ich das Gefühl habe, ich halte es nicht mehr aus, aber dann suche ich darin die positive Seite zu entdecken, und plötzlich habe ich das Gefühl, es geht mir gar nicht so schlecht, denn es gibt Menschen, denen es viel schlechter geht.

 

 So denke ich an frühere Zeiten und schon bin ich darin gefangen und schon freue ich mich, dass es mir gelingt zu versuchen, ob es auch im Rollstuhl mit einigen Tanzschritten klappen kann. Oder ich finde ein spannendes Buch, das mir hilft zu fühlen, als wäre ich in einem Museum und könnte die schönen Sachen betrachten. Ich nehme dann eine kleine Keramik zur Hand und drehe sie auf alle Seiten in meinen Händen. Das ist ein herrlich schönes Gefühl.  Vielleicht habe ich auch ein Buch oder sonst eine Kleinigkeit, die ich dem Jammerlappen schenken kann, und ich hoffe, dass er sich daran freut.





Von Randolph Christen

 

Allergische Reaktionen und Autoimmunerkrankungen entstehen durch eine Fehlregulation des Immunsystems. Bei Allergien stuft das Immunsystem harmlose Umweltstoffe als gefährlich ein und löst übermässige Abwehrreaktionen aus. Bei Autoimmunerkrankungen richtet sich die Immunantwort gegen körpereigenes Gewebe und verursacht Entzündungen sowie Funktionsstörungen.

 

Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass frühe Kontakte mit Mikroorganismen das Immunsystem trainieren und das Risiko für Immunerkrankungen senken können. Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, mit Haustieren leben, viele Geschwister haben oder früh eine Kindertagesstätte besuchen, sind seltener von Allergien betroffen. Solche Umwelteinflüsse fördern die Ausbildung einer ausgewogenen Immunantwort.

 

Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Mikrobiom, die Gesamtheit der Mikroorganismen, die den Körper besiedeln. Ein vielfältiges und ausgeglichenes Mikrobiom unterstützt die Reifung des Immunsystems und kann Fehlreaktionen vorbeugen. Forschungsergebnisse legen nahe, dass Störungen dieser mikrobiellen Gemeinschaften das Erkrankungsrisiko erhöhen.

 

Übermässige Hygiene und eine zu sterile Umgebung können die natürliche Ausbildung der Immunabwehr beeinträchtigen und damit nachteilige Folgen für die Immunentwicklung haben. Diese Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung einer natürlichen Auseinandersetzung mit der Umwelt. Forschung und Prävention zielen darauf ab, die Mechanismen besser zu verstehen und geeignete Massnahmen zur Vorbeugung und Behandlung von Immunerkrankungen zu entwickeln.




Von Verena Hess

 

Ich liebe es ja sehr, aus meinem persönlichen Erleben heraus zu schreiben. Beim heutigen Thema «allergisch» stiess ich jedoch sehr rasch an Grenzen. Natürlich kann ich einiges über meine regelmässig im Frühling auftauchende Pollenallergie, über mein Niesen, meine verstopfte Nase, meine tränenden Augen usw. berichten, was sicher rasch langweilig würde. Ich habe ich noch andere Allergien, so bin ich insgesamt ein recht allergischer Mensch. So bin ich z.B. allergisch auf Bienenhonig von schlecht gefütterten Bienen, ich

reagiere auf Gluten und auf Lactose. All das ist modern. Komischerweise habe ich – seitdem ich alt bin – all das hinter mir gelassen. Andere Themen drängen sich in den Vordergrund, werden dem Alter entsprechend wichtiger.

 

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts tauchen neue Allergien auf, gegen Menschen, gegen die zu erwartende Zukunft, gegen Nachrichten oder Benachrichtigungen. Sobald das Handy

 piepst, beginnt mein Herz zu rasen. Nicht einmal aus Angst vor einer schlechten Nachricht, eher aus Ärger über seichte Werbung oder über einen Newsletter, den man nie bewusst bestellt hat, oder, oder, oder … Ja, in der Technologie bin ich auf manches allergisch, so z.B. auf Updates, die sich mit «Bitte schalten Sie das Gerät nicht aus» ankünden. Da schaltet bei mir eben das Gehirn ab und ich bekomme einen Schweissausbruch. Am stärksten reagiere ich auf Sätze wie: Man sollte produktiv, jedoch entspannt sein; man sollte flexibel, jedoch stabil sein, erreichbar, aber nicht abhängig. Das Wort «Work-Live-Balance» löst einen Ausschlag aus. Ich kenne viele Hyperallergiker, die reagieren auf alles, das nicht in ihr Weltbild passt: auf Wissenschaft, auf Fakten, auf Komplexität. Auch auf die bin ich auch allergisch. Ebenfalls auf Meinungen, die mit «ich habe ein Video gesehen» oder «eine neue Studie sagt» beginnen.

 

Trotz allem gibt es Momente, da denke ich, all diese kollektiven Allergien könnten auch ein Zeichen dafür sein, dass wir noch spüren und reagieren auf eine Welt, die uns täglich reizt. Vielleicht ist das auch nur ein Beweis, dass wir noch am Leben sind. Oder aber das Allergischsein hat etwas mit dem Alter zu tun, was ich weniger toll fände.





Von Doris Plüss

 

Es ist nun 13,8 Milliarden Jahre her, da knallte es – ob es hörbar knallte, das ist noch unklar, doch es war der Urknall, die Entstehung unseres Universums. Später entstanden die Galaxien, Sterne, Planeten und viele andere Himmelskörper aus ganz verschiedenen Materialien und Elementen.

 

Eine dieser Galaxien erhielt den Namen Milchstrasse, an deren Rand sich eine von vielen Sonnen befindet – unsere Sonne. Umrundet von verschiedenen Planeten, einer davon bin

ich, Dein – lieber Mensch - Heimatplanet Erde. An dritter Stelle von der Sonne entfernt, nach Merkur und Venus ein idealer Platz. Genug, aber nicht zu viel Wärme von der Sonne. Auf mir gedeihen seit sehr lange, Zeit viele verschiedene Pflanzen, Tiere und auch Du, Homo sapiens sapiens, hast auf mir Deinen Platz gefunden. Lange, lange Zeit glaube ich, Dir sei bewusst, auf wessen Boden Du Dich bewegst, und welche Stellung Du unter den Lebewesen hast. Ich spende Dir Boden, Wasser, Nahrung, alle Lebensnotwendigkeiten, die Du für ein

schönes, lebenswertes Leben brauchst. Lange, lange Zeit warst Du mit mir zufrieden und ich mit Dir! Du hast dich sogar mit verschiedenen Ritualen bei mir bedankt.

 

Doch! Seit längerer Zeit hat sich das Blatt gewendet. Anstelle von Pflege zum Schutz und Erhalt der Natur, nehme ich immer mehr wahr und spüre ich, dass es Dir nicht mehr reicht. Du willst immer mehr und mehr. Mit Ausnutzung der Natur, mit Krieg und Verwüstung, Vervielfältigung von Techniken eroberts Du mich, Deine Planeten. Ich kann nicht mehr wachsen. Du weichst ja schon zu meinem Trabanten, dem Mond, und meinem Nachbarn, dem Mars, aus. Obwohl ich versuche immer noch mit Ausgleich meiner Möglichkeiten, Dich zu retten, reagiere ich immer mehr – wie Du es nennst – allergisch. 

 

Du bist so ein intelligentes Wesen, wie gesagt, ich war lange Zeit sehr stolz auf Dich. Brauche diese Gabe aber vor allem zum Schutz Deiner Umwelt, vor allem für Deine Nachkommen. Denke daran, meine allergischen Schübe häufen sich. Ich habe genug von Deiner Arroganz mir gegenüber. Ich als Dein Heimatplanet kann auch ohne Dich existieren. Da nützt Dir auch Deine neueste Erfindung namens KI nichts.

 

   

  

 

 

 

 

 

 

 

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