Sonntag, 19. Juli 2026

 VIELFALT


Von Randolph Christen

Vielfalt stärkt eine Gesellschaft, weil sie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringt und dadurch neue Perspektiven eröffnet. Wenn Personen verschiedener Herkünfte, Interessen und Bildungswege aufeinandertreffen, entsteht ein Umfeld, in dem Wissen geteilt und erweitert wird. Diese Unterschiede führen nicht zu Distanz, sondern schaffen Lerngelegenheiten, die das Zusammenleben bereichern.

Gleichzeitig macht Vielfalt eine Gemeinschaft widerstandsfähiger. Unterschiedliche Erfahrungen ermöglichen es, Herausforderungen aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten und Lösungen zu finden, die breiter abgestützt sind. So entsteht eine Art soziales „Netz“, das stabil bleibt, auch wenn einzelne Bereiche unter Druck geraten.

Für den Einzelnen bedeutet Vielfalt zudem eine Chance zur persönlichen Entwicklung. Wer regelmässig Menschen begegnet, die anders denken oder leben, entwickelt leichter Toleranz, Grosszügigkeit und soziale Anpassungsfähigkeit. Diese Fähigkeiten fördern ein respektvolles Miteinander und erleichtern es, Konflikte konstruktiv zu lösen.

Insgesamt trägt Vielfalt damit wesentlich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Sie verbindet Menschen nicht trotz ihrer Unterschiede, sondern gerade wegen ihnen.




Von Gerhard Bächlin

 

Als Einführung ein Zitat von Berthold Brecht:

"Theater ist einfältig, wenn es nicht vielfältig ist."

 

Berthold Brecht wollte ein waches Publikum. Theater soll den Verstand anregen, nicht nur Gefühle. Theater musste viele verschiedene Seiten und Meinungen zeigen, das Publikum zum Nachdenken anregen.

Der Begriff Vielfältigkeit ist anwendbar auf fast alles, was auf unserer Erde existiert und lebt.

Durch die Erforschung des Weltraums ist auch die Vielfalt dieses Kosmos ins menschliche Bewusstsein gedrungen. In einem einzigen Kubikmeter fruchtbarer Erde leben unfassbare 100 bis 1000 Milliarden Lebewesen. Welche VIELFALT!

Die Vielfalt der Menschen führt zu unterschiedlichsten Wesen und Charakteren. Daraus ergeben sich Menschen mit differenzierten Verhaltensweisen, Ansprüchen und Lebensformen. Die topographischen und klimatischen Verhältnisse führen auch zu vielfältigen Berufen und Tätigkeiten.

Der heute erreichte Stand von Vielfalt im täglichen Leben kann für manche Menschen zur Belastung werden und generiert eine Vielfalt an Spezialärzten, Therapeuten und Heilmitteln.

All diese Vielfalt scheint zum Teil zu viel des Guten zu sein, weniger wäre oft mehr! In dieser Schreibwerkstatt hier entsteht eine erfreuliche Vielfalt an Beiträgen! Damit endet meine bescheidene Vielfalt.



Von Doris Plüss

 

Die grösste Vielfalt gibt es in der Natur, also ist die Auswahl, darüber zu schreiben, entsprechend vielfältig und erschwert die Auswahl und den Entscheid. Wie ich auf die Wahl und den Entscheid dieses Themas im folgenden Text kam, ist mir absolut schleierhaft. Denn es fällt auf eine lange, lange Zeit in meinem Leben zurück: 

 

1965, ich war 17 Jahre alt und machte eine Lehre als Spitallaborantin in damaligen Bürgerspital Basel. Im dritten Ausbildungsjahr verbrachte ich die Hälfte im Blutspendezentrum Basel. Für die Blutgruppenkarten bestimmten wir Blutgruppe und

Rhesusfaktor. Die grösste Aufgabe aber war, das gespendete Blut – damals noch in Flaschen abgefüllt – zu testen und in grossen Kühlschränken, sortiert nach Blutgruppen, zu versorgen. Jeden Tag kamen 4-5 Frauen – wir nannten sie liebevoll Schüttelfrauen. Sie setzen sich neben die spendende Person und bewegten ganz sanft und gleichmässig das anfliessende But, das sich somit mit dem Klumpenverhinderer und der Haltbarkeitsflüssigket verband. Wir im Labor bestätigten mit dem aus einem in einem Reagenzglas beigelegten Blut nochmals die Blutgruppe und den Rhesusfaktor. Dann wurden die Flaschen nach Blutgruppen sortiert und in grosse Kühlschränken versorgt. Heute 50 Jahre später ist die Handhabung ganz anders. Vor allem gibt es leider die beliebten Schüttelfrauen nicht mehr. Die Flaschen wurden durch Plastiksäckchen ersetzt und die werden während der Spende maschinell geschüttelt.

 

Nun zurück zum Thema "Vielfalt"! Dies führt mich zu einem obergestressten Pfingstsamstag, vor Jahren und einem fast verpassten zweieinhalbtägigen Ausflug mit meiner Jugendgruppe. In der Garderobe wartete mein Rucksack und die Vorfreude war gross. Meist hatten wir im Labor am Samstag nur die Vorfälle und die Probeentnahmen vom Entnahmeraum. Um 12 Uhr wurde das Zentrum geschlossen. Gewappnet für ein Pfingstwochenende waren alle Kühlschränke gefüllt. Eigentlich alles okay, wie gewohnt. Doch denkste, das wurde ein Horrorpfingstsamstag. Schon am Morgen erhielten wir ein Teströhrchen aus dem nahegelegenen Frauenspital, überbracht von einer sehr jungen schwangeren Frau.

Sie war eine von denjenigen – meist sehr jungen – Frauen ohne Krankenkasse und konnte

die Geburt nicht selbst bezahlen. Also wurden sie für unentgeltliche Botengänge vor der Geburt eingesetzt. Wir sollten drei Flaschen A Rh positiv testen für eine im Frauenspital bevorstehende Geburt. A Rh pos ist die häufigste Blutgruppe, also kein Problem. Doch es

zeigte sich, dass die gebärende Mutter in ihrem Blut Antikörper gegen rote Blutkörperchen ihrer eigenen Blutgruppe hatte. Sie selbst war nicht gefährdet, da ihr selbst das entsprechende Teilchen fehlte. Also mussten wir drei Flaschen A pos finden ohne dieses Teilchen auf den roten Blutkörperchen.

Dies ist einer der Gründe, warum das gespendete Blut immer vor der Transfusion mit dem Blut des Empfängers oder der Empfängerin getestet werden muss. Dieser Test verhindert – sollte er positiv sein – starke Reaktionen. Wir mussten so schnell wie möglich aus der Vielzahl A Rh pos-Blutflaschen eine sehr seltene mit diesem Unterschied finden. Sofort telefonierte ich einer Zwinglibundkollegin. Sie suchte mir eine entsprechende Zugsverbindung heraus, damit ich doch noch kommen könnte. Es wurde ein Horror-Stress-

Nachmittag. In Basel gingen wir zu dritt auf die Suche. In allen Zentren der Schweiz wurde getestet und gesucht. Wir in Basel fanden eine und ich glaube in der Schweiz fand man noch zwei. Hätten wir nicht die Vielfalt und den guten Kontakt zu den anderen Zentren der

Schweiz, ich weiss nicht, wie wir das geschafft hätten.

Heute fast 50 Jahre später sieht es ziemlich sicher ganz anders aus. Das gespendete Blut wird nicht mehr in Flaschen gefüllt – zum Leidwesen der Schüttelfrauen, die diese Arbeit mit viel Engagement und Freude gemacht haben. Auch kann heute das gespendete Blut je nach Bedarf getrennt und verschieden aufbewahrt werden. Für mich endete der gestresste Pfingstsamstag mit einem noch erwischten Zug. Ich wurde freudevoll von keinen Kolleginnen und Kollegen empfangen, und konnte den Rest der Pfingsten voll geniessen. Nach meiner Rückkehr erfuhr ich zu meiner Freude, dass die Mutter und das Kind das Spital nächstens gesund verlassen konnten.

 

 

 



Von Vreni Indlekofer

 

Ja, ich war ein vielfältig interessierter Mensch, aber ich muss gestehen, dass von dieser Vielfältigkeit nicht mehr viel übrigbleibt. Meine Krankheit hat mich gezwungen, vieles liegen zu lassen und mich auf wenige Sachen zu beschränken. Vor allem die Schreibwerkstatt möchte ich am wenigsten missen, und daher versuche ich, mit dieser möglichst noch weiter zu machen. 

Nun zu dem Wort "Vielfältigkeit": Als ich noch als junge Frau in der Lehre war, kamen sehr viele Leute in das Bürofachgeschäft einkaufen und wollten Verfielfältigungspapier. Es ist ein sehr saugfähiges Papier, nicht zu verwechseln mit Umdruckpapier. Hatten wir die Farbe und die Dicke des Papiers ausgewählt, so fragte ich der Kunden, ob er die Matrize dazu besitze. Das war meist die grösste Schwierigkeit, denn das Papier war mit einem Kopf versehen, den man in die Maschine einspannen musste. Also musste die Garnitur genau zur Vervielfältigungsmaschine passen.

Dies Matrize selbst mit dem passenden Kopf musste dann in die Schreibmaschine eingespannt werden. Dann musste man diese Matrize beschriften mit dem gewünschten Text. Da das Formular mit Wachs beschichtet war, schlug es den Wachs weg und so hatte man dann die Vorlage zum Druck. Die ausgestanzten Buchstaben wurden mit der hinteren Seite dieser Garnitur mit Farbe gefüllt und jetzt war die Garnitur bereit zur Verarbeitung.

In der Vervielfältigungsmaschine brauchte es Alkohol, und nun gings' los. Die in der Maschine eingebaute Walze holte sich immer ein wenig Flüssigkeit, die dann über die Walze auf die hintere Seite der Wachsschablone übertragen wurde und so mit der blauen oder

schwarzen Farbe die leergeschlagenen Buchstaben füllte. Damit konnte man viele, viele Papiere bedrucken!

Viele Leute hatten Schwierigkeiten, diese Aufgabe zu bewältigen, und so kam es dann zum Umdruckpapier, das keine solchen Schablonen benötigte. Das war viel einfacher zu bedienen und wurde von allen Leuten gut verstanden, ist heute aber auch veraltet.

Heute ist die Vielfältigkeit zu Einfältigkeit geworden.

 

 



Von Anita Bigler

 

Ich möchte über die Vielfalt der Alpenblumen schreiben. Es hat mich jeden Frühling von Neuem begeistert, diese Blumenpracht zu bewundern, wenn ich auf schmalen Bergweglein unterwegs war. Ein kleines Buch im Rucksack half mir, wenn ich nicht ganz sicher war, wie das Blümlein heisst.

Zuerst zeigen sich die Frühlingskrokusse in Weiss oder Blau zwischen den letzten Schneeresten, und die zarten Soldanellen leuchten lila dazwischen. Jetzt strahlen auch die wunderschönen Anemonen in Weiss und Gelb.

Dann geht es Schlag auf Schlag und es breitet sich ein Alpenblumen-Teppich aus. Du wanderst zwischen blauem Enzian, gelbem Fingerkraut und Huflattich, dann an den sprudelnden Bergbächlein mit den gelben Dotterblumen. Etwas später im Jahr siehst du Schlüsselblumen und Pippau, Johanniskraut und die schönen runden gelben "Rigirollen" genannt Trollblumen.

Bald überzieht der Knöterich in Rosa die Alpweiden, zusammen mit den Esparsetten und dazwischen die wilden Orchideen in leuchtendem Violett. Weiter oben breiten sich die Alpenrosen aus, dazwischen die gelben Akelei-Sterne und der deutsche Stengelenzian.

Im Herbst leuchten die roten Wachholderbeeren zwischen den Steinen hervor, wir sitzen hier mit einer Zwischenverpflegung und bewundern einige Männertreu (sie sind rar). Ich lege mich auf den Bauch um ihren ausgeprägten Vanilleduft einzuatmen. Die Teufelskralle und die Rapunzel in Blau, die kleine Kugelblume und die vielfältigen Glockenblumen, dazwischen auch Thymian und Hauswurz auf den Steinen.

Im Spätherbst blühen eines Morgens Herbstzeitlosen, das Heidekraut färbt sich rot und die Silberdisteln leuchten hervor. Etwas Seltenes sind die Lilien: Paradieslilien in Weiss, die sich zahlreich an einem Hang im Wind wiegen, Türkenbundlilien von Rosa bis Purpur und Feuerlilien in Feuerrot. Immer ein toller Blickfang!

Bei meinen Reisen in Nordeuropa traf ich überall die gleiche Blume: das Weidenröschen. Es blüht langstielig von Rosa bis Rot. In meinem Buch steht: von 800 - 2600 m, häufig und gesellig!

 

 



Von Verena Hess

 

Das modernere Wort für Vielfalt ist wahrscheinlich Diversität. Beide Wörter sind sehr vielfältig anwendbar. So gibt es z.B. die Biodiversität, die Genderdiversität, Farbenvielfalt, Blumenvielfalt oder, oder … Für vieles davon haben wir in diesem Raum sehr gute Experten oder Expertinnen, denen will ich keinesfalls dreinreden. Doch es gibt auch die Multikultigesellschaft, was ähnlich tönt. Vielfalt als nettes Gesellschaftsprojekt fürs moderne Leben. Bunt, tolerant und sehr menschlich. Alles werde sich leichter und fröhlicher anfühlen, so sagen sie. 

Doch das kommt kaum von alleine. Menschen bleiben Menschen, bleiben widersprüchlich, und natürlich sind wir durch unsere Mitmenschen meist sehr rasch überfordert. Vielleicht steht uns manchmal auch die eigene Vergangenheit im Weg.

Fast unbemerkt habe ich die Vielfalt auf unser Haus, die Senevita eingedämmt. Dass wir halt auch eine vielfältige Gemeinschaft sind, spürt man vor allem beim Essen. Da ist die, die stets so laut lacht, einer, der kaum spricht, eine, die alles verplant aus Angst, mit sich selbst allein zu sein. Und einer, der alles laufen lässt, weil Kontrolle ihn müde macht. Eine, die ihre Haare leuchtend färbt, weil sie sonst vielleicht nicht beachtet würde. Einer, der alles besser weiss, und eine andere, die da meint, stets kontern zu müssen.

Alles reibt,

alles irritiert, 

vieles stört.

Doch plötzlich – zwischen all dem Durcheinander, zwischen den kleinen Kriegen des Alltags, zwischen den Missverständnissen, die niemand absichtlich erzeugt, tauchen diese besonderen Momente auf: Jemand hört plötzlich zu, jemand sagt: "Bleib so." Jemand lacht genau an der richtigen Stelle. Vielleicht zeigt sich so Hoffnung, nicht die glatte, politisch korrekte Version, eher die unbeholfene, die kantige, die sich durch all die irritierenden Unterschiede durcharbeitet und am Ende sagt:

Wir müssen uns nicht gegenseitig angleichen, um uns nicht zu verlieren. Vielfältigkeit ist einfach ein gutes Mittel, um nicht am eigenen Echo zu ersticken.




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

  VIELFALT Von Randolph Christen Vielfalt stärkt eine Gesellschaft, weil sie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringt und...