Mittwoch, 18. Februar 2026

 TÄUSCHUNG


Auf eine Täuschung folgt unweigerlich eine Enttäuschung

 und eine Beschämung, dass man sich täuschen liess.

(Madeleine Bollinger)



 

 

Von Verena und Gerhard Bächlin

 

Beim Tauschen 

versuchte man, mich zu täuschen

und viel zu viel zu hoischen.

 

Immer wieder werden wir Opfer von Täuschungen: persönlich oder allgemein.

Ein Mensch hat eine gute Meinung von jemandem, erfährt aber, dass diese Person ihn durch Täuschungsmanöver in seinen Bann zog. Ähnliche Täuschungen werden auch bei internationalen Konflikten angewandt, indem Falschmeldungen verbreitet werden. Die Bewohner sollen beruhigt werden, aber in Wirklichkeit ist es eine Täuschung und deshalb können sie ungeschützt angegriffen werden. Auch eine Beziehung kann durch Täuschung leiden, weil ein Partner ganz gezielt die Gegenseite täuscht, sodass das Opfer sich zurückzieht.

 

Oft wird der Ausdruck "du enttäuscht mich" in der Erziehung angewandt. Das kann von

Lehrpersonen und auch innerhalb der Familie geschehen. Ob diese Worte Besserung bringen ist fraglich.

 

Optische Täuschungen erleben wir vor allem in der Natur, aber auch wenn die Sehkraft nachlässt und man versucht die Täuschung zu erkennen und zu begreifen. Akustische Täuschungen entstehen oft durch Fehlschaltung oder durch räumliche Veränderungen, sowie auch durch Hörschäden und Hörhilfen.

 

Zwei Personen sahen sich täuschend ähnlich, wodurch ich einer TÄUSCHUNG zum Opfer fiel. Täuschungen sind oft persönliche Empfindungen und gehen an der Realität vorbei.






Von Verena Hess
 

Zur Zeit sind Fakes oder Fakenews in aller Munde. Ist Fake einfach die moderne Version der Täuschung? Gibt es einen Unterschied zwischen Fake und Täuschung? 

Fake ist die Illusion, die sich selbst feiert, also kann man sagen: Fake glänzt im Licht. Täuschung hingegen verschwindet im Schatten, will sich selbst verleugnen.

KI sagt, Täuschung sei der Prozess, der jemanden irreführt und Fake sei das Ergebnis, das Produkt. Mein fünfzehnjähriger Enkel hat eine eigene Interpretation und philosophisch betrachtet, ist Fake die Illusion, die sich selbst genügt oder sogar sich selbst feiert, und Täuschung ist die Illusion, die jemanden braucht, der darauf hereinfällt. Sicher ist, dass beide, Fake und Täuschung, jemanden brauchen, der sie glaubt.

Entfernen wir uns nun von den Mogeleien Europas und der USA.

Natürlich gibt es Täuschungen in unterschiedlichen Variationen. Was nicht sofort auf der Hand liegt, ist die Variante “Höflichkeit”, wie sie vor allem in den asiatischen Kulturen anzutreffen ist. Dort wirken Höflichkeit und Täuschung wie entfernte Verwandte. Sie benutzen ähnliche Werkzeuge wie Andeutungen, Auslassungen, Ausweichungen oder schlicht weiche Formulierungen, verfolgen jedoch unterschiedliche Ziele. Und die Nähe sorgt dafür, dass Menschen aus unterschiedlichen Kulturen sie gelegentlich verwechseln. Dies fasziniert mich unglaublich. Z.B. in China ist Höflichkeit eine soziale Technik, um Beziehungen zu schützen, Konflikte zu vermeiden, Respekt zu zeigen und das Gesicht aller zu wahren. Da kann Höflichkeit indirekt, weich, ausweichend, manchmal sogar kreativ daherkommen. Die Absicht will jedenfalls positiv sein.

Täuschung hingegen will jemanden bewusst in die Irre führen, Verantwortung vermeiden oder gar einen Vorteil erlangen.

In vielen Kulturen ist also indirekte Kommunikation ein Zeichen von Respekt. In direkten Kulturen, wie der Schweiz oder Deutschland, wird dies rasch als Verschleierung oder als Ausweichen verstanden. Natürlich kann dies zu Missverständnissen führen.

Also: Höflichkeit will schützen – Täuschung will verstecken.

Wenn beide gleichzeitig auftreten, wird es schräg und kommt zu Missverständnissen.

Uns bleibt auf der ganzen Welt nur eine Möglichkeit offen: stets wachsam zu sein und hinter Fassaden zu blicken.




 

Von Randolph Christen

 

Ich gehe durch die Welt mit der stillen Überzeugung, sie zu verstehen. Ich sehe, höre, ordne ein, bilde mir eine Meinung – und halte sie für vernünftig. Erst später, manchmal viel später, merke ich: Meine Wahrnehmung war unvollständig, mein Verständnis verzerrt, meine Meinung falsch. Nicht spektakulär falsch, nicht grotesk daneben – sondern auf jene unscheinbare, alltägliche Weise, die sich erst im Rückblick zeigt.

 

Neue Erkenntnisse korrigieren mein Bild. Ein Gespräch, eine Zahl, ein Perspektivenwechsel. Ich passe meine Meinung an. Sie fühlt sich nun reifer an, differenzierter, besser begründet. Und doch weiß ich: Auch diese neue Version ist falsch. Vielleicht weniger falsch als zuvor, aber immer noch ein Provisorium. Eine Annäherung, kein Ziel.

 

Die Täuschung liegt nicht draußen in der Welt, sie sitzt in mir. Meine kognitiven Verzerrungen arbeiten zuverlässig und unermüdlich. Ich sehe Muster, wo keine sind. Ich bestätige, was ich ohnehin glaube. Ich überschätze meine Kompetenz, unterschätze den Zufall und erkläre mir die Vergangenheit so, als hätte sie zwangsläufig genau so kommen müssen. Mein Gehirn ist kein neutrales Messinstrument, sondern ein geschickter Geschichtenerzähler – und ich bin sein dankbares Publikum.

 

Diese Einsicht ist unbequem. Sie kratzt am Selbstbild des vernünftigen, autonomen Menschen. Aber sie ist auch befreiend. Wenn ich akzeptiere, dass meine Wahrnehmung begrenzt ist, muss ich sie nicht mehr verteidigen wie eine Festung. Ich darf zweifeln, zögern, meine Meinung ändern, ohne mich zu verraten. Ich darf sagen: «Ich weiß es nicht» – und das nicht als Schwäche, sondern als ehrliche Standortbestimmung.

 

Täuschung verschwindet nicht durch Erkenntnis. Aber sie verliert ihre Macht, wenn ich mir ihrer bewusst bin. Meine Aufgabe ist nicht, endlich recht zu haben, sondern meine Irrtümer zu verkleinern. Schritt für Schritt. Mit Neugier, mit Demut – und mit dem Wissen, dass auch diese Haltung nur eine vorläufige ist.

 



 

 Von Anita Bigler

 

Im Sommer während den Schulferien löse ich gerne die Sommersprossen-Rätsel in der BAZ von Minu. Ich suche persönlich nach Lösungen in unserer Altstadt, denn in dieser Zeit sind die Antworten im Internet gesperrt.

So habe ich auch die "Tromp-l'oeil" entdeckt, es heisst "täusche das Auge" und bezeichnet eine illusionistische Malerei oder Kunstform, die durch realistische Darstellung und Schattenwurf Dreidimensionalität auf zweidimensionalen Flächen vortäuscht. Der Begriff wurde um 1800 geprägt und hat das Ziel, den Betrachter durch eine verblüffende Täuschung zu amüsieren und zu überraschen. Man weiss zwar, dass man vor einer flachen Wand steht, aber die Augen nehmen trotzdem ein dreidimensionales Bild war. Diese Wandmalereien können atemberaubend sein.

 

Heute nutzen auch viele Strassenkünstler diese alte Technik. Das Gänseliesel-Wandbild am unteren Rheinsprung ist ein schönes Beispiel dafür. Samuel Burri hat es ca. 1978 geschaffen. Das Bild mit der Gänseliesel ist nachgemalt, denn das Haus am Rheinsprung gehörte damals dem Bettfedernproduzenten Richter, der ein Reklamebild an die Hauswand malen liess. Nun hat Samuel Burri im Tromp l'Oeil-Verfahren das Gerüst, auf dem er während seiner Arbeit stand, ins fertige Werk einbezogen und so gibt es diese lustige optische Täuschung.

 

Das Tromp l'Oeil beim Spalentor, Der Kraijenjoggi (ein Basler Original), wirft vom oberen Fenster Erasmus im unteren Fenster eine Feder zu. Ein Mädchen mit langen Zöpfen und ein Bub schauen lachend der fliegenden Feder nach und eine Basler Taube verirrt sich ebenfalls in diese Szenerie. In Wirklichkeit hat diese Hausfassade keine Fenster, es ist also eine gelungene Täuschung.

 

In Frankreich in Lyon führte uns ein Guide beim Stadtrundgang in eine ganz verrückte Strasse, links und rechts alles Tromp l'Oeil Fassaden. Ich wusste bald nicht mehr, was hinten und vorne, oben und unten war.

 

Ich möchte noch Zaha Hadid, die Architektin, erwähnen. Sie war am Bau des Stuhlmuseums und des Feuerwehrmuseums in Weil beteiligt. Ihr gelang die Täuschung, wenn man auf einem ebenen Boden steht, meint man er ist schräg und man kommt ins Taumeln. Sie hat in Innsbruck die berühmte Skisprungschanze Berg Isel gebaut, zuoberst ist ein Restaurant und da erlebt man diese Schräglage in der Toilette.




Von Doris Plüss

 

Mir kamen so viele Ideen bei dem Wort Täuschung in den Sinn, dass ich sofort daran glaubte, das ist ja selbst ein Täuschungsmanöver. Also machte ich es wie Randy und begab mich auf die Suche im Internet. Spinnst Du eigentlich hast Du eine Vollmeise? Das ist ja katastrophal, typisch Internet, das hört ja nicht mehr auf. Also verlasse ich das Internet und gehe selbst auf die Suche.

 

Plötzlich hatte ich das Gefühl, alles um mich herum ist eine Täuschung. Vieles wird auch

vorgetäuscht und endet in einer Enttäuschung!

An meisten vertreten bei den Täuschungsmanövern ist die Tierwelt. Angefangen bei den Insekten, den kleinsten, bis zu den grossen Elefanten und co. Allein die Brautschau und die Wahl eines Bräutigams ist ein Riesentäuschungsmanöver. Von den Farb- oder Formveränderungen bis zu den verschiedensten Tönen und Figuren sind alle Variante vorhanden. Doch auch das mächtigste Wesen in der Tierwelt, Homo sapiens sapiens, ist

der grosse Meister der Täuschung. Ich fang gar nicht an aufzuzählen, damit kann man Bücher füllen!

 

Nun, ich bleibe bei den Tieren. Spontan kommen mir die verschiedenen Täuschungsmanöver meiner ersten zwei Katzen in den Sinn. Sie waren der erste und letzte Wurf von Jane, der Katze meines Partners Markus. Wir kamen von einen Kurzurlaub zurück, als sie uns voller Stolz zwei kleine graue Wollknäuel mit noch geschlossenen Augen präsentierte. Ich war hin und weg, dazu brauchte es keine Täuschung.

 

Zwei Tage später kamen noch vier weitere Kätzchen von der zweiten in der Wohngemeinschaft lebenden Katze zur Welt. Zuerst versorgten die beiden Mütter ihre Jungen an verschiedenen Orten im Haus. Die eine in einem Korb hinter einem Fauteuil, die andere in einem Kleiderkasten in der Wäsche. Nach ca. sieben Wochen, als die kleinen Racker langsam selbstständig waren, wurden sie von ihren Müttern ins Zimmern von Markus gebracht, nicht nur zu seinem Vergnügen. Sein Schlafmangel war nicht zu übersehen. Am Wochenende konnte ich ihn ein bisschen entlasten und ich konnte die sechs Racker

geniessen und beobachten.

 

Ja, so jetzt komme ich erneut auf das Thema Täuschung. Sie wird in allen Lebenslagen benötigt. Vor allem wenn es ums Fressen geht. Nur schon wenn Markus sich Richtung Küche bewegte, wurde er von dieser kleinen Meute verfolgt. Nur eine schnelle Schliessung der Küche und Aushalten des Geschreis vor der Türe ermöglichte eine geregelte Nahrungsvorbereitung. Dann man staune, nach Erhalt der Köstlichkeiten war es ruhig und

voller gegenseitigem Anstand! Schlau wie kleine – und auch grosse Katzen – eben sind, umgingen sie das Zurücklassen vor der Küche, indem sie sich eine Zeit vor der Essensausgabe darin versteckten und ruhig auf den Essensverteiler warteten. Und dann … ex bex lieber Markus – Täuschung.

 

So gab es noch so viele Täuschungsmanöver dieser Katzen. Eine, die ich sogar fotografiert habe, muss ich Euch zum Schluss noch erzählen. Luci versteckte sich hinter einem grossen Blumentopf in Markus' Zimmer. Gina war auf der Suche nach ihrer Schwester im Anmarsch. Als sie auf Topfrandhöhe war, kam Luci aus ihrem Hinterhalt und überfiel sie. Das friedliche Gerangel ging los. War das eine Täuschung!? Nach Wikipedia ein deutliches Ja. Dort sind so viele Arten von Täuschungen aufgeführt, dass bewiesen ist, dass Luci Gina getäuscht hat. Dieses Täuschungsmanöver wiederholte sich in deren Leben natürlich auch umgekehrt noch x-mal.

 

Nach Wikipedia ist Täuschung eine Fehlvorstellung (Irrtum) durch nicht der Wahrheit oder

Wirklichkeit entsprechende Umstände oder Sinneswahrnehmungen hervorgerufen, die zu einer verkehrten Auffassung eines Sachverhaltes führen. Dabei ist es gleichgültig,

ob die Täuschung bewusst durch einen anderen herbeigeführt wird (jemand wird getäuscht) oder nicht (jemand täuscht sich selbst). Im ersten Fall spricht man auch von Irreführung (oder umgangssprachlich "Masche").

Bei meinen Katzen war es sicher eine Masche!

 

 

 

 

 

 

Freitag, 6. Februar 2026

 Als ich ein kleines Mädchen war

Von Madeleine Bollinger 

Als ich ein kleines Mädchen war, da liebte ich "Anggeschnitte" über alles (übrigens auch heute noch). Ein Stück Brot mit Butter und Konfi oder, wenn es hochkam, mit Honig. Damit konnte man mich glücklich machen.

 

Es gibt eine Erinnerung an die Kindergartenzeit. Ich war sechs Jahre alt im ersten Kriegswinter. Lebensmittel waren knapp. Mein Kinder-Znünitäschli enthielt "nur" einen Apfel. Andere Kinder hatten als Znüni oder Zvieri zum Teil eine Doppelschnitte gefüllt mit Butter oder Konfi. Hie und da konnte ich etwas von diesen Köstlichkeiten erbetteln. Einmal versprach mir ein Bub eine solche Schnitte, wenn ich ihn nach Hause begleiten würde. Ich war begeistert und um vier Uhr zogen wir beide los. Der Knabe wohnte relativ weit vom Kindergarten entfernt. Von der Wintergasse mussten wir den Kannenfeldpark überqueren und dann durch die Mittlere Strasse (heute Flughafenstrasse) zur Lenzgasse marschieren. Dort hiess mich der Bub vor dem Haus warten. Ich setzte mich auf das Gartenmäuerchen und hoffte auf die Schnitte, vielleicht sogar mit Honig. Ich wartete und wartete, aber die Haustür öffnete sich nicht. Es war Winter und es wurde langsam dunkel. Ich fror. Den Heimweg an die Kannenfeldstrasse zu suchen, wagte ich nicht.

 

Unterdessen starteten meine Eltern eine Suchaktion. Mein Vater lieh sich von den Nachbarn ein Velo und fuhr so durch die Quartiere, fragte Passanten, ob sie ein kleines Mädchen gesehen hätten. Mit Erfolg. Eine Frau konnte ihm sagen, dass ein Kind an der Lenzgasse vor einem Haus sitze. So fand mich mein Vater.

 

An eine Strafe für mein Abenteuer kann ich mich nicht erinnern. Wahrscheinlich waren alle froh, dass es so gut endete.


                                        


Als ich ein kleiner Junge war

Von Randolph Christen


Als ich ein kleiner Junge war, erschien mir die Welt noch einfach und überschaubar. Im Kleinkindalter war mein Denken stark vom Augenblick geprägt: Hunger, Müdigkeit oder Freude bestimmten meinen Tag. Herausforderungen löste ich instinktiv – wenn ich hinfiel, weinte ich, und sobald jemand die Hand reichte, war die Welt wieder in Ordnung.  

 

Später, als Kind, begann ich, die Dinge zu hinterfragen. Ich wollte wissen, warum der Himmel blau ist oder weshalb Erwachsene so viele Regeln aufstellen. Schwierigkeiten, wie ein Streit mit Freunden oder eine schlechte Note, empfand ich als große Dramen, doch ich lernte allmählich, Kompromisse zu schließen und Verantwortung zu übernehmen. In dieser Zeit entwickelte sich mein Denken vom reinen Erleben hin zum Verstehen.  

 

Als Jugendlicher schließlich wurde mein Blick weiter. Ich begann, nicht nur meine eigenen Bedürfnisse zu sehen, sondern auch die Erwartungen anderer und die größeren Zusammenhänge. Herausforderungen waren nun komplexer: Entscheidungen über Schule, Freundschaften oder erste Zukunftspläne stellten mich vor Fragen, die nicht sofort zu beantworten waren. Ich lernte, abzuwägen, zu zweifeln und eigene Standpunkte zu vertreten.  

 

So zeigt sich im Rückblick, wie sich die Denkweise Schritt für Schritt verändert: vom unmittelbaren Erleben über das neugierige Fragen bis hin zum bewussten Reflektieren. Jede Lebensphase brachte ihre eigenen Herausforderungen – und jede half mir, ein Stück erwachsener zu werden. 

 

 








 


Sonntag, 1. Februar 2026

 VERWANDTSCHAFT

Beitrag von Gerhard Bächlin

 Der Begriff  Verwandtschaft bedeutet:

1.     gleiche Abstammung, das Verwandtsein,

2.     alle Verwandten von jemandem, eine grosse Verwandtschaft haben,

3.     aber auch: Übereinstimmung in wichtigen Merkmalen.

Verwandtschaft ist im biologischen Sinne die genetische Beziehung von zwei oder mehreren Individuen. Sie ist durch die genetische Ähnlichkeit dieser Individuen, d.h. durch die Anzahl identischer Nukleotidsequenzen bestimmt.

 





So könnte man noch viel weiter ausholen, aber kommen wir zu Gefühlen und Erinnerungen: 

 

Meines Vaters Mutter, also meine Grossmutter väterlicherseits, wohnte im hohen Alter bei uns in Basel. In meiner Erinnerung erscheint sie als strenge Person, welche mir aber auch einige Märchen der Gebrüder Grimm erzählte. Sie war die zweite Frau meines Grossvaters, der starb, als ich ihn mit meinen vier Jahren noch nie gesehen hatte. Mit der ganzen Verwandtschaft seiner ersten Frau hatten wir keinen Kontakt. Ein Vetter, Kurt, organisierte später ein Familientreffen, wo wir erstmals den vielen Verwandten begegneten

.

Andererseits meine liebe Grossmutter mütterlicherseits, die war für mich wie eine zweite Mama. Mit dem Zug reiste meine leibliche Mama mit mir einige Male nach Baden (AG) für mehrere Wochen während dem Zweiten Weltkrieg. Dort lebten auch zwei Onkel mit Familien und zwei ledige Tanten, sowie Cousinen und Cousins, teils etwas älter, teils jünger als ich. Diese Zeit vor achtzig Jahren bleibt mir als wunderbare Erinnerung. 



Beitrag von Anita Bigler 

In meiner Jugend war mein Onkel Fritz mein Held. Er organisierte für uns vier Kinder, sobald der Schnee fiel, Skiausflüge in den Schwarzwald. Am Morgenfrüh fuhren wir ab Badischem Bahnhof und dann mit dem Todtnauerli, das war ein kleiner heimeliger Zug mit einem Ofen in der Mitte des Abteils.

 

Unser Onkel trug einen grossen schweren Rucksack, gefüllt mit Lebensmitteln. Unsere Tante dachte: Das reicht für zwei Tage, dann geht er nicht ins Restaurant. Aber da war er ganz anderer Ansicht. Er sagte uns, dass dieser Rucksack bis Todtnau leer sein muss! Für uns Kinder kein Problem, wir stopften uns die Bäuche voll mit harten Eiern, Wurst- und Käsebroten und Gebäck, dazu warmen Tee aus der Thermosflasche. Dabei roch es

wunderbar nach den Äpfeln und Orangen, die wir auf das Öfeli legten.

 

Onkel Fritz erklärte uns, wenn wir ihn verraten, nimmt er uns nie mehr mit!! Wir hielten uns daran und verplapperten uns nie, denn dieser Aus Feldberg, wo wir unsere Felle auf die alten Latten überzogen und so glitten wir durch die verschneiten Tannenwälder bis die erste Hütte in Sicht kam. Unser Onkel freute sich an einem Vierteli Wein und an einem Stück Schüfeli, er hatte ja noch nichts gegessen! Mit dem gleichen Procedere erreichten wir auch die zweite Hütte. Dann gings flott weiter bis nach Todtnauberg, wo uns unsere Tante mit ihrem Bauernhof schon erwartete. Der Tisch war gedeckt mit Kuchen, Zopf und vielen Köstlichkeiten.

 

Abends stapfte dann die ganze Familie durch den Schnee ins Restaurant Todtnauer Hof, von weitem hörten wir schon die lüpfige Musik. Hier machte ich meine ersten Tanzschritte und war total happy! Der Heimweg gestaltete sich immer etwas schwierig, denn unser Onkel

war gross und schwer und mit den vielen Vierteli wacklig auf den Beinen. Wir schoben und zogen und lachten, als wir durch den Schnee kugelten. Vom Heimweg anderntags habe ich keine Erinnerung mehr, wahrscheinlich war er nichtssagend.




 

Beitrag von Madeleine Bollinger 



 Die Eltern meines Vaters wohnten an der Sommergasse. Mein Vater war der älteste von fünf Kindern und der erste, der seine Eltern mit einem Grosskind beglücken konnte. Dieses Kind war ich. Schon bald folgten weitere Grosskinder, so mit den Jahren waren es fünfzehn. Meine Grossmutter war eine sehr bestimmende Frau. Jeden Mittwochnachmittag und mindestens jeden zweiten Sonntag wollte sie ihre Nachkommen um sich haben. Ich als älteste hatte die Oberaufsicht über die vielen Cousins und Cousinen, was mir nicht schlecht gefiel. Wir waren aber nie mehr als zwölf Kinder. Die drei Engländer konnten uns erst nach dem Krieg während der Schulferien besuchen.

 

Oft waren wir auf dem Estrich, wo sich die Modelleisenbahn von Onkel Felix befand. Im Sommer konnten wir uns im Garten austoben. Nicht selten missbrauchte ich meine Vormachtstellung, um die Kleinen zu Dummheiten anzustiften. Bestraft wurde dann natürlich immer ich. Aber im Allgemeinen war es eine schöne Zeit. Der Zusammenhalt aller Cousins und Cousinen hielt später noch an. Leider verliere ich als älteste nun alle meine früheren Spielkameraden. Jetzt gibt es nur noch Urs in Salzburg sowie Tony und Lisa in England. Alle anderen haben in den letzten Jahren diese - meine - Welt verlassen.

 

Meine verstorbene Schwester hatte drei Kinder. Und nun wachsen nach mir nächste, ja übernächste Generationen heran. Ich bin nun Urgrosstante!






 Margreth


von Verena Hess

 

Als ich Kind war, hatte man vor allem Verwandte, heute hat man eher Wahlverwandte, also

Freunde. Eine meiner früheren Verwandten stelle ich hier vor. Sie war die älteste Schwester meiner Mutter, also eine Tante. Im Text bin ich Linda, weil es sich so leichter erzählen lässt.

 

Also Margreth. Sie war in der Familie «die Dame». Vor allem ihre beiden Schwestern nannten sie so. Ob es deswegen war, jedenfalls hatte sie für Linda ebenfalls diese Aura. Sie brachte Modernität. Einen gewissen Chic, einfach «Welt» in die Familie. Sie brachte Linda etwas Bildung bei, zeigte ihr, wie man anständig isst, z.B. «Ellbogen nicht auf den Tisch», erzählte ihr von berühmten Basler Persönlichkeiten. Manchmal nahm sie Linda sogar ins Stadttheater mit. Für all dies zeigte sich das junge Mädchen offen, aufnahmebereit. Hätte Lindas Mutter das Benehmen ihrer älteren Schwester nicht ständig kritisiert, wäre deren Beitrag ans Familiäre nur positiv gewesen. So aber musste sich Linda dauernd zwischen den Frauen durchwinden, musste sich gut überlegen, wem sie was erzählen durfte. 

 

Für Lindas Mutter stand die ältere Schwester nicht zur sehr einfachen Herkunft, ja, verleugnete sie in gewissen Momenten sogar. Margreth wolle stets die «Vornehme» spielen. So gehe sie z. B. nur am Spalenberg und auf dem Markt einkaufen. Coop, Migros oder gar EPA seien nur für die einfachen Leute. Überall spiele sich Margreth mit ihrem vornehmen Freundeskreis auf. Der bestehe vorwiegend aus Herren mit Doktortitel und ihren Frauen. Wenn Lindas Mutter über die Unarten ihrer Schwester sprach, kam sie richtig in Eifer.

 

Nach dem Tod ihrer Schwestern und nachdem auch der Ehemann gestorben war, gingen Linda und ihre Tante regelmässig einmal pro Monat auswärts essen. Margreth war die letzte nähere Familienangehörige und sie hatte einiges zu erzählen. Nun wird auch Linda bewusst, wie zwanghaft ihre Tante an der der Maske der «Gutsituierten» festhält, wie tief ihre Angst vor dem Verarmen sitzt. Vor allem will Margreth auch verhindern, dass Linda hinter ihre bestens gehütete Fassade blickt. So darf z. B. niemand von der Familie vom geschäftlichen Konkurs ihres Ehemanns erfahren. Sie hat auch früher nie über den Scheidungsgrund ihrer ersten Ehe gesprochen, hat ihre Herkunftsfamilie erst über die Trennung informiert, als das nicht mehr zu verheimlichen war. Ihre Schwestern nahmen ihr das damals sehr übel. 

 

Linda hat das gespürt, denn das Schicksal von Tante Margreth ging ihr nahe. Ausgelöst durch die Trennung, schien die Tante damals ihr Leben neu zu organisieren, verbrachte einige Monate in einem Kinderheim des Abbé Pierre in Frankreich, was für Linda unglaublich spannend tönte. Bei den gemeinsamen Mittagessen erfuhr Lindas auch viel über die Kindheit und die schwierigen Jugendjahre der drei Schwestern. Margreth sprach offen über ihre Schamgefühle, wenn ein Liebhaber sie ins verlotterte Haus am damals berüchtigten Itelpfad heimbegleiten wollte. Sie erzählte dies jedoch mit viel Humor. Sehr eindrücklich war, wenn Margreth über ihre Ausbildungsversuche berichtete, die stets von der Familie, vor allem von den Schwestern torpediert wurden. Man habe sich stets über sie lustig gemacht, wenn sie mit dem Mäppchen unter dem Arm zu einem Kurs marschiert sei.

 

Heute denkt Linda viel über diesen Zweig der Familie nach. Aus der Distanz lassen sich Zusammenhänge und Muster gut erkennen. Bei den gemeinsamen Mittagessen hat es Margreth schon angesprochen: in dieser Familie durfte niemand ungestraft aus dem Korb hinauskriechen. Sich gegenseitig daran zu hindern, war das Credo der Familie. Das hat vor allem Margreth erlebt, als sie sich weiterbilden wollte. Es gab da den unausgesprochenen Leitsatz, sich nicht zu weit weg zu entfernen. Das bedeutete vielerlei: Man wohnte «in der Nähe». Man verdiente wohl recht, aber nicht übermässig. Man durfte vor allem nicht

viel gescheiter sein als die andern. Auch unterstützte und half man sich gegenseitig, pflegte Familientraditionen und verbrachte viel Zeit zusammen. Dies waren an sich sehr schöne Werte! Der Preis war aber das gegenseitige kontrollierende Misstrauen. Das erlebten alle Familienmitglieder, am stärksten jedoch Margreth. Alle litten unter den Einengungen, halfen jedoch mit, durch misstrauisches Beobachten das Gefängnis zu erhalten.

 

Zurück zu meiner Tante. Das Image der recht wohlhabenden Dame, hätte Margreth vielleicht bis zu ihrem Tod zu bewahren versucht, wäre nicht der unselige Unfall passiert. Lindas Tante wurde auf dem Fussgängerstreifen angefahren, musste mit diversen Knochenbrüchen ins Spital und verlor so jegliche Kontrolle über ihr Leben und über ihre Maske. Linda und ihr Bruder wurden als nächste Angehörige beigezogen und erhielten so – wider Margreths Willen – Einblick in deren private und finanzielle Situation: Die vornehme Tante lebte während der letzten Monate allein von der AHV. Die Kündigung für ihre grosszügige Mittelstandswohnung hatte sie schon erhalten, zudem stand sie bei einigen ausgewählten Bekannten in Schuld. Bei den gemeinsamen Mittagessen mit Linda beharrte sie jedoch aufs Selbstbezahlen.

 

 


Sonntag, 30. November 2025

 ZUKUNFT


Zukunft – oder die Kunst, im Jetzt zu leben


Von Randolph Christen

 

Oft kreisen meine Gedanken um die Vergangenheit oder die Zukunft. Ich erinnere mich an Situationen, in denen ich mich suboptimal verhalten oder Chancen nicht genutzt habe, und spüre Trauer über das, was unwiderruflich vorbei ist. Dann wiederum denke ich an das, was noch kommen könnte, und empfinde Angst über die Unberechenbarkeit und Zufälligkeit der Zukunft. Ich frage mich: Werde ich bereit sein für das, was mich erwartet? Werde ich den Herausforderungen standhalten?

 

In diesen Momenten bemerke ich: Meine Gedanken sind überall – nur nicht im Hier und Jetzt. Ich verliere mich in Erinnerungen an die Vergangenheit oder in Befürchtungen über die Zukunft und übersehe dabei, dass das Leben eigentlich nur in der Gegenwart stattfindet.

 

Vielleicht ist es das Beste, die Aufmerksamkeit wieder auf den aktuellen Tag, ja sogar auf den einzelnen Moment zu lenken. Einen Atemzug nach dem anderen wahrnehmen. Sich bewusst machen: Genau jetzt, in dieser Sekunde, geschieht das Leben. Nicht gestern, nicht morgen – sondern heute.

 

Die Zukunft bleibt unsicher, die Vergangenheit unveränderlich. Aber im Jetzt liegt die Möglichkeit, beides zu verwandeln: Die Traurigkeit über Vergangenes kann sich in Dankbarkeit verwandeln. Die Angst vor dem, was kommen mag, kann weicher werden, wenn ich spüre, dass ich diesen einen Moment halten und gestalten kann.

 

Vielleicht ist genau das die beste Vorbereitung auf die Zukunft: im Heute zu leben – aufmerksam, achtsam, offen. Und Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug, Vertrauen zu gewinnen.





Zukunft


Von Madeleine Bollinger

 

Erster Schultag. Wie ich mich freute auf das, was ich in Zukunft alles erleben und lernen würde. Ich fühlte mich gross und stark. Die Lehrerin, Fräulein Sutter, führte mich zu einem Platz ganz hinten im Schulzimmer. Ich war eben grösser als die anderen, was mir zum ersten Mal bewusstwurde. Ich setzte mich in eine damals übliche Holzbank mit integriertem Tintenfass und einer Vertiefung für Griffel und Stifte. Ein Mädchen sass neben mir. Neugierig betrachtete ich sie. Sie gefiel mir sehr mit ihren langen, blonden Zöpfen. Sofort wollte ich auch meine Haare wachsen lassen. Meine Banknachbarin hiess Ruthli Seiler. Schon bald waren wir beste Freundinnen und verbrachten viel Zeit zusammen, auch ausserhalb der Schule. Wir hatten Zukunftsträume: Ruthli wollte Krankenschwester werden. Ich konnte mich noch nicht entscheiden, entweder Arbeit in einer Bibliothek oder an einem Postschalter zum Markenverkaufen und Stempeln der Briefe. Wir wollten beide drei Kinder bekommen, aber einen Mann konnten wir uns nicht vorstellen.

 

In der dritten Klasse besuchten wir zusammen den Kommunionsunterricht in der Antoniuskirche. Wir freuten uns auf die Erste Kommunion und wir wollten unbedingt nebeneinander in die Kirche einziehen. Aber Ruthli war etwas kleiner als ich, und da wir nach Grösse eingeteilt wurden, entschied die organisierende Nonne beim Probelauf, dass ich ganz hinter und Ruthli weiter vorne zu gehen hätten.

 

In der nächsten Schulstunde klagte Ruthli über Bauchschmerzen. Sie schienen sehr stark zu sein, denn Ruthli weinte, was nur selten vorkam. Ich durfte sie nach Hause begleiten, musste aber Fräulein Sutter versprechen, schnell wieder zurückzukommen. Es könnte ja Fliegeralarm geben und da durfte man nicht mehr auf der Strasse sein. Ruthli musste ins Spital. Wir durften ihr einen Brief schreiben. Ich vermisste meine Freundin sehr. Zwei Tage später kaum Fräulein Sutter mit Tränen in den Augen ins Schulzimmer und sagte uns, dass Ruthli gestorben sei. Fast alle Kinder weinten, nur ich sass einfach nur da und konnte es gar nicht glauben. Vor ein paar Monaten war meine Grossmutter gestorben, weil sie alt war. Ruthli war nicht alt.

 

Es war üblich, dass Klassen an der Beerdigung von Mitschülern teilnahmen. Ob ich selbst es gesehen habe oder ob man es mir erzählte, weiss ich nicht mehr. Ruthli trug im Sarg das von ihrer Mutter genähte Erstkommunionskleid. Die Klasse sang am Grab "Lueget vo Bärg und Tal". Als dann der Sarg in die Erde hinabgelassen wurde, da begriff ich endlich und ich weinte sehr. Hier wurde die Zukunft begraben. Ich war auch wütend auf Gott, dass er Ruthli noch vor der Ersten Kommunion geholt hatte. Sie durfte doch so im Himmel nicht nahe beim Heiland sitzen. Was mich nach Ruthlis Tod noch unglücklicher machte, war, dass ihre Mutter in eine so tiefe Traurigkeit fiel, dass sie mich nicht mehr sehen wollte oder konnte. 



Zukunft

Von Verena Hess

 

Noch vor zehn Minuten habe ich mich beim gemeinsamen Mittagessen durch die Zukunftspläne meiner 17-jährigen Enkelin davontragen lassen. Im Januar wird sie über einen Schüleraustausch für ein halbes Jahr nach Neuseeland gehen.

Und nun sitze ich in meiner Wohnung und versuche, über das Thema «Zukunft» zu schreiben. Ich spüre eine grosse Traurigkeit in mir. Ich merke, Pläne schmieden, wie meine Enkelin, kann ich nicht mehr, dabei war stets meine grosse Leidenschaft, Sehnsüchte zu spüren und eben zu planen. Eigentlich waren für mich Vorbereitungen fast lustvoller als die Erlebnisse selbst. Bei jedem Umbruch im Leben war ich bereit, mich neu zu entwerfen, wollte alles neu organisieren. 

Und nun merke ich, dass sich da etwas verändert. Gegenwart gewinnt plötzlich an Bedeutung. Eigentlich werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins. Ob das am Alter liegt oder eher am Zeitgeist?  

Gegenwart war für mich stets ein flüchtiger Tanz mit dem Alltagskram, kaum da und schon weg, jedoch der einzige Moment zum Handeln, dies stets unter Zeitdruck und hastend.

Zukunft war offen, voller Möglichkeiten. Schon als Schulkind träumte ich davon, später in fremden Ländern, natürlich in der Entwicklungshilfe, zu arbeiten. Für einige meiner damaligen Zukunftsvisionen schäme ich mich heute, stehe nicht mehr dazu.

Dann kam die Zeit, in der sich Erinnerungen und Echostimmen aus der Vergangenheit aufdrängten, was wahrscheinlich ebenfalls dem damaligen Zeitgeist entsprach. Man belebte Altes und ordnete es neu ein.

·      Und heute verlangt die Gegenwart meine volle Aufmerksamkeit. Plötzlich kann ich meinen Körper nicht mehr ignorieren, muss mich um geschwächte Muskeln kümmern, muss lernen, gerade zu gehen, entweder mit Stöcken oder dem Rollator. Ich muss überlegen, welche Tram- oder Busstation geeignet ist zum Ein- und Aussteigen. Eben, ich muss mich mit den Herausforderungen der Gegenwart befassen. Das tönt auf Anhieb recht langweilig. Das ist es auch. Doch gleichzeitig kann es auch lebendig und sinnlich sein. Für mich jedenfalls eine neue Erfahrung, die darum auch mit Zukunft zu tun hat. Ich merke, wenn ich mich dieser Art Zukunft stelle, stelle ich mich dem Leben in seiner beweglichsten Form. Könnte ich dies gar mit Humor und Leichtigkeit nehmen, hätte ich schon gewonnen, egal, was da kommt.

·      Ist Zukunft auch paradox? Sobald wir sie betreten, ist sie Gegenwart oder gar Vergangenheit. Und wir können nur in der Gegenwart handeln.

·      Nun wird mir auch bewusst, dass die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine hartnäckig fortbestehende Illusion ist.

·      Oder ist das erst im Alter so? 

 

 

Donnerstag, 16. Oktober 2025

SPAZIERGANG


Planetenweg

von Verena Hess

Schon in jungen Jahren verspürte ich eine gewisse Leidenschaft für Planeten, habe aber schon damals zwei unterschiedliche Sichtweisen darauf entwickelt. Die wissenschaftliche Seite habe ich bald vernachlässigt, sie bot mir nicht die Nahrung, die ich brauchte. Ich suchte stets die Verbindung zwischen Fakten und Fantasie, eigentlich zwischen Wissenschaft und ich weiss nicht was. Das wird so bleiben bis zum Ende meines Lebens. Also werden nun in meiner Geschichte zwei sehr unterschiedliche junge Menschen, einen Planetenweg durchwandernd, ein Gespräch fūhren.

Linda und Stefan planen eine gemeinsame Wanderung zum Weissenstein. Ihr unterschiedliches Interesse an den Planeten ist ihnen bewusst, sie sind jedoch überzeugt, im Gespräch Trennendes und Gemeinsamkeiten zu finden, da sie sich eigentlich lieben. Linda ist als Physikstudentin eher auf Fakten, Stefan eindeutig auf Symbolik ausgerichtet. Im Rucksack eine warme Regenjacke, ein Käsesandwich, Äpfel und Nüsse, machen sie sich auf den Weg.

 1. Station: SONNE

«Die Sonne ist das Zentrum unseres Sonnensystems, unsere Lebensquelle, steht auch für Kernfusion und Strahlung», doziert Linda begeistert.

Und Stefan ergänzt, die Sonne symbolisiere auch den Willen und den individuellen Ausdruck, also die Persönlichkeit. Im Grunde dasselbe.

Linda verdreht nur die Augen. 

2. Station: MOND

«Der Mond steht für unsere Gefühlswelt, für das Traumhafte, die Intuition und verborgene Kräfte», schwärmt nun Stefan.

Doch Linda korrigiert, nein der Mond sei einfach ein staubiger Felsbrocken ohne Atmosphäre, der um die Erde kreise und die Gezeiten steuere.

«Er beeinflusst auch unsere Stimmung», behauptet Stefan.

«Nein, aber er beeinflusst die Ozeane. Deine Montagmorgenstimmung hat mehr mit dem Wochenende zu tun als mit dem Mond», widerspricht Linda.

«Und was mit den Vollmondnächten sei?», bohrt Stefan weiter.

Dies sei nur ein tolles Fotomotiv und eine schlechte Ausrede für schlaflose Nächte, findet Linda. 

3. Station: MERKUR

«Merkur steht für Kommunikation, Logik, Lernen und Lehren. Er ist der Götterbote, der den Menschen die Wahrheit des Universums zuflüstert», sagt Stefan.

«Oder einfach ein überhitzter, winziger Planet ohne Atmosphäre, niemand flüstere dort.» 

4. Station: VENUS

«Venus steht für Romantik, Schönheit und Harmonie», schwärmt Stefan bedeutungsvoll.

«Ja, Venus habe Temperaturen heisser als eine Pizza direkt aus dem Ofen und Wolken aus 
Schwefelsäure», meint Linda.

«Also ein leidenschaftlicher Planet», beharrt Stefan.

«Ja, leidenschaftlich dabei, alles zu verbrennen», wehrt Linda ab.



5. Station: MARS

Mars sei einfach eine rostige Wüste mit einem riesigen Vulkan, behauptet Linda rasch. 

«Das passt ja wunderbar, da braucht es den Helden mit viel Mars-Energie, mit Mut und Kampfgeist», pflichtet Stefan bei, dies sei ja die perfekte Arena für Heldentaten.

6. Station: JUPITER

«Planet des Glücks, der Fülle, des Wachstums, des Optimums», so beginnt Stefan voll Enthusiasmus.

«Oder schlicht ein gigantischer Gasball mit einem seit Jahrhunderten tobenden Sturm», erklärt Linda trocken.

«Also eine kosmische Glücksmaschine», so Stefan.

«Oder die intergalaktische Version eines kaputten Staubsaugers», witzelt Linda.

7. Station: SATURN

«Saturn symbolisiert Ordnung, Struktur, Disziplin und Verantwortung», doziert Stefan.

Linda beharrt darauf, Saturn habe vor allem Ringe aus Eisbrocken und Steinen, worin Stefan ein Symbol für Strukturen und Grenzen sieht. Linda lacht schallend.

8. Station: URANUS

«Uranus bringt plötzliche, unerwartete Veränderungen, steht für Innovation und 
Revolution», so Stefan.

«Er rollt auf der Seite durchs Sonnensystem.»

«Also der unkonventionelle Rebell unter den Planeten», meint Stefan begeistert.

«Oder einfach derjenige mit schlechter Haltung», ergänzt Linda ironisch. 

9. Station: NEPTUN

Stefan gesteht, Neptun fasziniere ihn besonders. Er stehe für Träume, fürs Unbewusste, für Intuition jedoch auch für Illusionen.

Linda beschreibt Neptun hingegen als eiskalten Gasriesen mit extremen Stürmen

«Also eigentlich ein Planet mit mystischer, geheimnisvoller Energie», meint Stefan hoffnungsvoll.

«Ja, mystisch, weil man nie genau weiss, was unter seinen Wolken steckt», antwortet Linda nüchtern und ernüchternd.

 Nach kilometerlangen, zum Teil witzigen Diskussionen stehen Linda und Stefan am Ende des Planetenwegs. Hier setzen sie sich auf einen gefällten Baumstamm und öffnen die Rucksäcke. Beide haben Hunger. 

Versöhnlich meint Linda: «Dein Mars mag Energie sein, meiner ist eine rote Sandwüste. Dein Mond beeinflusst unsere Gefühle, meiner höchsten die Bewegungen der Ozeane. Das Universum ist sicher gross genug für Fantasien und für Fakten.»

Und Stefan ergänzt, wahrscheinlich seien auch beide Wahrheiten wichtig. Vor allem sei zwischen Wissenschaft und Träumerei durchaus Platz für eine gute Freundschaft.


 

 Spaziergänge durch das Leben


von Randolph Christen

(KI-unterstützt)


Mit jedem Schritt knirscht der Kies unter meinen alten Schuhen. Der vertraute Weg am Waldrand ist mir in den letzten Jahren ans Herz gewachsen. Ich spüre, wie die frische Morgenluft meine Lungen füllt und der Tau das Gras glänzen lässt. Die Natur ist mein stiller Begleiter geworden, seit die Tage ruhiger und die Nächte länger wurden.

 

Ich gehe langsam, doch mein Geist wandert weit. Die Bäume, die sich im Wind wiegen, erinnern mich an die vielen Jahre, die ich schon auf dieser Erde bin. Im Frühling, wenn die Knospen sprießen, denke ich an meine Kindheit, an die Leichtigkeit und an das Staunen. Im Sommer, wenn die Sonne durch das Blätterdach bricht, spüre ich die Kraft der Jugend, die Abenteuerlust und die Freude an jedem Tag. Im Herbst, wenn das Laub bunt wird und sanft zu Boden fällt, sehe ich mein eigenes Leben: die Ernte der Erfahrungen, die Schönheit des Reifens. Und im Winter, wenn alles still und weiß ist, denke ich an das Ende, an den Abschied und an den Tod.

 

Manchmal macht mir das Älterwerden Angst. Die Gelenke schmerzen, die Erinnerungen verblassen, und die Freunde gehen. Doch auf meinen Spaziergängen spüre ich, dass alles seinen Platz hat. Die Natur zeigt mir, dass jedes Ende auch ein Anfang ist, und dass Vergehen und Werden zusammengehören. Ich lerne loszulassen – und zu vertrauen.

 

Wenn ich nach Hause zurückkehre, fühle ich mich leichter. Die Gedanken sind klarer, die Sorgen kleiner. Die Spaziergänge helfen mir, Frieden zu schließen mit dem, was war, und mit dem, was noch kommt. Ich bin dankbar für jeden Schritt, den ich noch gehen darf – und für die stille Weisheit, die mir die Natur schenkt.

 


Zwei Spaziergänge  

von Vreni Indlekofer


Meine Spaziergänge führen mich seit einiger Zeit fast alle himmelwärts. Sie scheinen aber deswegen nicht nur traurig und öde zu sein. Nein, es gibt dabei auch heitere Momente, zum Beispiel wenn ich daran denke, wie schön ich mit meinen Kindern die Zeit verbringen konnte. Viele glückliche Momente hatten wir. Ich sehe dabei eine Wiese voller bunter Blumen, die uns mit ihren bunten Köpfchen entgegenwinken. Aber unsere Arme sind zu kurz, um sie zu pflücken.  Die Blumen flüstern uns zu: "Lasst uns zusammen die schönen Momente geniessen", und so wissen wir, wir lassen die Blümlein stehen, damit viele andere Menschen auch daran ihre Freude haben. Als Dank erhalten wir von den vielen Blumen in der Wiese ein kleines Sträusslein geschenkt und das ziert immer unser Zimmer. 

So schöne Momente gibt es in den himmelwärtigen Spaziergängen zu erleben.


 

Der nächste Spaziergang wird ein finsterer werden. Der Weg, den wir benutzen, ist schmal und eng. Schliesslich stehen wir vor einer sehr steilen Treppe, die immer schmaler und schmaler wird. Über uns hängt plötzlich eine riesige Glocke. Sie bittet uns höflich, die Tür vor uns zu öffnen.

Und was glaubt ihr, steht vor uns? Der wahrhaftige Teufel. Meine beiden Kinder zittern vor Angst und ich meine mich sagen zu hören: "Du schmieriger Dreckskerl, hau ab in noch tiefere Gänge deines scheusslichen Hauses." Ich nehme die Kleinen ganz nah zu mir und wir hauen in aller Eile ab in unser so schönes und friedliches Daheim.


  TÄUSCHUNG Auf eine Täuschung folgt unweigerlich eine Enttäuschung  und eine Beschämung, dass man sich täuschen liess. (Madeleine Bollinger...