Über das Schreiben
von Graziella Brusadelli
Im ersten Schuljahr als Sechsjährige in Lugano lernte ich schreiben. Wir übten zuerst schön gleichmässige Stäbli, daraus erst die kleinen Buchstaben, dann die grossen und zwar mit einem Federhalter und Metallfeder, die wir in ein Tintenfässchen tauchten. Es wurde sehr darauf geachtet, dass die Buchstaben schön gleichmässig geführt wurden. Beim Strich nach unten wurde auf die Feder Druck gegeben und beim Hinauf wurde sie leicht gehalten. Diese Art Schönschreiben gefiel mir sehr. Die Buchstaben wurden dann zusammengehängt, und bald entstanden die ersten Wörter und anschliessend ganze Sätze. Es war ein spannendes Lernen.
Als Neunjährige wurde ich in die Deutschschweiz versetzt. Es war lustig, denn nur die oberen Klassen konnten schreiben wie ich; sie nannten diese Schrift «lateinisch». Die untere Klasse, in die ich kam, hatte eine andere Schrift, und diese war dann die «deutsche», eine ziemlich zackige. Also konnte ich schon vieles voraus, nur die Sprache hatte ich noch zu lernen. Alles machte mir Spass.
Viel später übte ich noch die gotische Schrift. Sie ist sehr zierlich. Dazu braucht es eine spezielle Feder und Tusche. Ich schrieb damit Bibelsprüche, meistens in der lateinischen Sprache. Ein Bild davon hängt noch in meinem Zimmer, Zeuge der Vergangenheit.
Eine Ahnung
von Annelis Dickmann
Mein erstes Schreiben war ein Wunschzettel an das Christkind. Der Wunsch wurde meistens erfüllt, für mich etwas Geheimnisvolles, Heiliges.
Ein Brief an Gott heute.
Wie lautete die Adresse?
An den Papst, Dein Stellvertreter auf Erden?
Du sagst: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Dein Reich wird gehütet, verteidigt mit dem Schwert. Du lässt Dich Vater nennen, Deine Söhne streiten. Du schaust weg oder zu?
Wir sind Deine Schöpfung. Hast Du die Freude am Spiel verloren? Die Büchse der Pandora geöffnet?
Frau und Mann hast Du geschaffen. Wo versteckst Du die Kraft der Frau?
Mit meinen Fragen komme ich zu Dir.
Du schweigst.
Der Gedanke liegt nahe, Du wurdest erfunden vom Menschen. Kann ich Dich so finden?
Bist Du ein Du?
Eine Ahnung von Dir lässt mir keine Ruhe.
Deshalb schreibe ich.

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