DIE SUCHE
Von Vreni Indlekofer
Ich suche ein Wort: „Suchen.“
Ein Wort suchen, das passiert alle Tage mindestens einmal. Suchen ist für mich eines der wichtigsten Wörter geworden in letzter Zeit. Ich suche zu finden, was es wahrscheinlich nicht mehr zu finden gibt für mich. Ich suche die Brille, ich suche den Stift, doch das Wichtigstes: Ich suche die Worte. Aber nun habe ich gemerkt, dass sich „suchen“ und „finden“ kaum trennen lassen:
Ich habe einen Menschen gesucht, der mir beim Computer helfen kann, und den habe ich gestern auch gefunden. Er hat mir den Computer so eingestellt, dass mir ein geschriebener Text vorgelesen wurde. Ich konnte dieser Stimme dann eine Stunde zuhören. Also gibt es das von mir Gesuchte: Ein Programm, bei dem man einen Text sagen kann, der dann aufgeschrieben und danach wieder vorgelesen wird. Das möchte ich nun gern weiter versuchen.
Von Doris Plüss
So! Mistkübel, Altpapier und Flaschen weggebracht und wieder zurück in der Wohnung. Bald wird gekocht. „Hallo ich bin zurück, wo bist du?“
Meist werde ich so um diese Zeit freudig, nach Gutzli heischend, empfangen. Doch diesmal blieb alles still. Okay, er wird noch oder wieder schlafen. Obwohl, es war schon komisch still, nichts bewegte sich, kein Laut war zu hören, keine Bewegung.
Ich begann zu suchen. Stube nichts! Schlafzimmer nichts! Bad, Reduit, Gang, Terrasse: nichts! Langsam bekam ich ein komisches Gefühl. "He, wo bist du, Blacky, wo versteckst du dich?"
Obwohl ich zu der Zeit sehr schlecht gehen, mich überhaupt sehr schlecht bewegen konnte, bereitete ich mir ein Kissenpolster, um unter das Bett und unter das Sofa zu schauen: Nichts! Nun verwandelte sich mein komisch ungutes Gefühl in Panik. Blacky, wo bist du?! Als ich die Wohnung verliess, habe ich doch noch nachgeschaut, dass du drinnen bist. Doch vielleicht nicht genug, ich hatte ja so viele Sachen dabei.
Nun ging ich ins Restaurant, dort wurden schon die ersten Essen ausgeteilt. Ich meldete es in der Küche, sie versprachen mir, aufzupassen und nachzusehen, ob er sich dort herumtreibt. Auch an der Rezeption erhielt ich das gleiche Versprechen. Meine Panik stieg. Ich schaute beim Ausgang, im grossen Saal, durchsuchte den Gymnastikraum, ging nach draussen auf die Strasse. Auch den Keller mit allen begehbaren Nebenräumen, Waschküche, Garage usw. liess ich nicht aus. Doch kein schwarz-weisser Kater war zu sehen. Von allen Seiten erhielt ich bedauernde und verständnisvolle Blicke und das Verspechen, man werde sich achten und aufpassen.
Was blieb mir anderes übrig, ich ging zurück in meine katerfreie Wohnung. Doch, hei! Was sahen meine tränennahen Augen?! In der offenen Terrassentür sass ein zufrieden dreinschauender Kater, sah mich an und fragte sich wohl: "Was ist denn mit dir
los?! Hopp, hopp ich hätte gerne was zu futtern!" Nun das hat er natürlich dann auch erhalten. Ich habe alle informiert.
Heute habe ich so eine stille Vermutung, wo er gewesen sein könnte, doch ist ja egal, die Hauptsache: Er ist wieder da, und sollte es wieder vorkommen, werde ich zuerst an dem vermuteten Ort nachsehen.
Von Randolph Christen
Ich merke immer wieder, dass meine Suche nach Identität, nach Erfüllung und nach Sinn kein abgeschlossener Vorgang ist. Sie begleitet mich wie ein leiser Hintergrundton, der sich je nach Lebensphase verändert. Diese Suche entsteht aus dem Bedürfnis, mich selbst zu verstehen und ein inneres Gleichgewicht zu finden. Oft frage ich mich, wer ich eigentlich bin, welche Werte mich tragen und welche Entscheidungen meinem Wesen entsprechen.
Gleichzeitig suche ich nach Antworten auf die Frage, wie ich ein gutes Leben führen kann. Diese Suche führt mich durch Zweifel, durch Umwege und durch Momente, in denen ich mich neu orientieren muss. Doch gerade diese Unsicherheit eröffnet mir die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln.
Ein gutes Leben entsteht für mich nicht aus makellosen Entscheidungen, sondern aus der Fähigkeit, innezuhalten und die eigenen Gedanken ernst zu nehmen. Wenn ich mir Zeit für Introspektion nehme, erkenne ich manchmal überraschend klar, was mich wirklich erfüllt und was mich trägt.
Von Anita Bigler
Ich bin nun in das Alter gekommen, in dem ich erst mein Gebiss und
mein Hörgerät nötig habe, um zu fragen, wo ich meine Brille suchen muss.
Wir sind ja unser Leben lang Suchende. Es beginnt bei der Geburt, da suchen wir als erstes die Milch unserer Mama. Später suchen wir im Kindergarten ein Gspänli.
In der Schule versuchen wir gute Noten zu erreichen und schon kommt die Pubertät mit der neugierigen Suche nach dem anderen Geschlecht.
Als Erwachsene sind wir permanent auf der Suche: nach einem geeigneten Lebenspartner zur Familiengründung, einem schönen Eigenheim, einem guten Posten in der Geschäftswelt oder in der Parteienlandschaft, im Erfolg als Sportler oder als Arzt etc.
Als älterer und erfahrener Mensch sucht man eher die Ruhe und Gelassenheit, geniesst die Kultur und freut sich an den Enkeln.
Und jetzt als alter Mensch suche ich Antworten über unser vielfältiges und grossartiges Leben zu finden. Nicht einfach aber spannend!
Von Gerhard Bächlin
„Wer sucht, der findet", lautet ein Bibelspruch.
Aber die Suche nach der Nadel im „Heuhaufen" z.B. braucht starke Nerven, ist auch oft erfolglos. Oder Menschen sind etwa auch lebenslang auf der Suche nach einem glücklichen/erfolgreichen Leben. Viele auf der Suche nach Zufriedenheit finden diese durch Mitwirkung in einer Organisation, indem sie eine verantwortungsvolle Tätigkeit übernehmen.
Menschen helfen bei der Suche nach Verschütteten und riskieren dabei ihr Leben zu verlieren!
Nun noch folgendes: Forschung ist auch eine Art Suche und hat schon im Altertum Bedeutendes hervorgebracht. Forschung hat zu unserer Zeit in den Naturwissenschaften, der Medizin, der Elektronik als Suche nach neueren exakten Erkenntnissen Erstaunliches hervorgebracht.
Nun sind wir Menschen bei all dieser Such so weit gekommen, dass es endlich Zeit wird, die Suche nach Überlebenschancen auf „unserem“ Planeten zu intensivieren.
Nun noch etwas Erfreulicheres:
Ein guter Freund ruft an - ich will wieder einmal Pilze sammeln, kommst du mit? Ja klar. Er kennt einige Orte, so sind wir bald auf der Suche. Im Wald sind wir auf der Suche nach essbaren Pilzen, geniessen die Ruhe, aber auch die feinen Geräusche und Vogelstimmen. Zuhause die Suche nach den schönen, guten Pilzen, diese rüsten, waschen, köcheln, sowie die Suche nach der passenden Flasche Wein. Also diese ganze Sucherei hat sich gelohnt, so können wir das Abendmahl geniessen.
Von Verena Hess
Es gibt die hektische Suche, es gibt die ungeduldige, die verzweifelte, auch die verbissene Suche. Wahrscheinlich gibt es noch mehr Arten von Suchen. Mir fällt einfach auf, dass keine davon wirklich lustvoll ist, ausser vielleicht die Ostereier-und Osternestlisuche . Meist ist das Suchen mit Stress verbunden.
Nur ein wunderschönes Suchen habe ich kennengelernt. Währenddem ich im Bett liege und nicht einschlafen kann, was meist lästig ist, habe ich mir ein unterhaltsames Spiel ausgedacht. Ich versuche, alte, mir von früher bekannte Lieder und Gedichte hervorzuholen, indem ich sie in die Dunkelheit hinaus singend oder rezitierend zusammenstückle. Eine dieser nächtlichen Sucherlebnisse möchte ich
erzählen.
Also ich liege im Bett und kann nicht schlafen. Da tauchen in mir Klänge und Bilder und Textfetzen des stürmischen Meers, hohen Wellen, einer Kabine mit einem Kapitän auf.
Ich höre von einem ausbrechenden Feuer, von Gewitter, von einem sinkenden Schiff, von starken, ostfriesischen Männern, die retten möchten, jedoch von einer Mutter
zurückgehalten werden. Da merke ich plötzlich, dass ich zwischen zwei verschiedenen
Gedichten oder Balladen hin- und herschwanke, kann schliesslich das eine als "John Maynard" erkennen.
Wahrscheinlich ist es einigen von euch sogar bekannt. Es handelt von einem Steuermann, der sein Schiff, die sogenannte Schwalbe von Detroit nach Buffalo steuert, trotzdem in seiner Kabine ein Brand ausgebrochen ist. Er stirbt am Ende, nachdem er alle Passagiere heil nach Buffalo gebracht hat. Darum wird er sehr geehrt und geliebt.
Nun kann sich meine Energie voll der zweiten Ballade zuwenden. Es wird zunehmend spannender. Die hohen Wellen, draussen im stürmischen Meer ein sinkendes Schiff. Die Menschen am Strand sehen einen Ertrinkenden, der sich am Mast des Schiffes
festklammert. Am Strand will ein stämmiger Friese mit seinen Kumpeln ein Rettungsboot besteigen, will den Mann im sinkenden Schiff retten. Das möchte eine Mutter verhindern aus Angst, auch ihren letzten Sohn ans Meer zu verlieren. All diese Bilder tauchen vor mir im dunkeln Zimmer auf. Und plötzlich erwische ich einen Textfetzen: „Du steigst mir nicht ein. Ich will's, deine Mutter. Dein Vater ging unter und …“ Dann wieder eine Textstelle: Nis, der Friese fragt: und seine Mutter? Dann steigt er ins Boot. Nun ist alles klar. Die Ballade heisst: "Nis Randers" und ein Grossteil des Texts fällt mir ein. Einiges fehlt. Ich stehe auf, setze mich an den Schreibtisch, öffne den Laptop und suche das Gedicht. Ein Pluspunkt für KI! Ich finde "Nis Randers" und habe die Ballade darum für euch ausgedruckt.
Mit grösster Wahrscheinlichkeit habe ich "Nis Randers" einmal für die Schule
auswendig gelernt und als Kind vortragen müssen, sonst wäre mir der Text nicht so zugeflogen. Das Auswendiglernen von Gedichten während der Schulzeit kann schlaflose Nächte wirklich verschönern. Ich bin natürlich nachher rasch eingeschlafen.
Nis Randers
Von Otto Ernst, 1901
Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd -
Ein Schrei durch die Brandung!
Und brennt der Himmel, so sieht man's gut:
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich's der Abgrund.
Nis Randers lugt - und ohne Hast
Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen."
Da fasst ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein:
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich will's, deine Mutter!
Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!"
Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
„Und seine Mutter?"
Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.
Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muss es zerschmettern ...! Nein, es blieb ganz. ...
Wie lange? Wie lange?
Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.
Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!
Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? - Ein Boot, das landwärts halt -
Sie sind es! Sie kommen! - -
Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt...
Still - ruft da nicht einer? - Er schreit's durch die Hand:
"Sagt Mutter, 's ist Uwe!"
(https://www.seenotretter.de/aktuelles/nis-randers/)

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