DER AUGENBLICK
Von Verena Bächlin
Ein Augenblick ist eine sehr kurze Zeitspanne oder ein einzelner Zeitpunkt. Das Wort leitet sich wörtlich ab vom „Blick des Auges", also der Zeit, die ein Wimpernschlag dauert. Synonyme für den Augenblick können eine kleine Weile oder der Moment sein. Diese Definitionen fand ich bei Google. Ein Augenblick kann sehr kurz sein, sich aber auch in die Länge ziehen.
Ich denke dabei an ein Kind, das nach Hause kommt und von seinen Erlebnissen in der Schule erzählen will. Doch die Mutter erwidert: „Warte einen Augenblick, ich muss noch etwas erledigen.“ Dieser Augenblick kann für das Kind aber sehr lange dauern.
Ein kurzer Augenblick kann gefährlich werden, wenn wir z. B. beim Überqueren einer Strasse einen Augenblick nicht aufpassen, und schon ist das Missgeschick geschehen. Die Worte Augenblick und Moment verwenden wir oft in unserem Alltag, aber augenblicklich fehlen mir weitere Ideen, hoffe aber, dass die Mitschreibenden gute Momente und Augenblicke haben.
Von Anita Bigler
Das Wunder ist des "AUGENBLICKS" Geschöpf
(Johann Wolfgang von Goethe)
Ich habe von Colette nach ihrem Tod eine Zimmerpflanze geerbt. Eine
Anturium mit roten Blumen. Sie hatte Freude daran, obwohl sie viel
Platz auf ihrem kleinen Esstisch einnahm. Die Pflanze fühlt sich auch bei
mir wohl, denn eines Morgens entdecke ich ein winziges rotes Kügeli in
den dunkelgrünen Blättern.
Jetzt interessierte mich diese Pflanze und über Google erfuhr ich viel
Wissenswertes. Die eigentliche Blüte ist der Kolben und um ihn herum
bilden sich die Hochblätter. Das kleine rote Kügeli streckte sich sehr
langsam immer mehr in die Höhe. Ich beobachtete jeden Morgen
neugierig was hier in winzigen "Augenblicken" geschieht.
Einfach ein kleines Wunder, wie viel auf dieser Welt!
Als sich dann die Hochblätter öffneten und sich der Kolben aufrichtete,
kam mir eine Ferienreise nach den Kanarischen Inseln in den Sinn, wo
diese Arongewächse riesengross wachsen. Auch der bei uns so beliebte
Weihnachtsstern wächst so gross wie ein Apfelbaum.
Diesen kurzen "Augenblick" der Aufmerksamkeit geniesse am Morgen,
denn:
"Lächle und die Welt verändert sich" hilft mir weiter!
(von Buddha)
Von Gerhard Bächlin
Meine Geschichte dauert etwas länger als einen AUGENBLICK.
Also: Bei einem Spaziergang durch den grossen Park begegnete der junge Mann einer lieben bekannten jungen Dame. Bei der herzlichen Begrüssung schlug sein Herz AUGENBLICKLICH schneller. Sie arbeite zurzeit an einer spannenden Geschichte, berichtete sie und blickte ihn liebevoll an.
Er schlug darauf vor, an einem lauschigen Ort auf einer Parkbank Platz zu nehmen.
Sie berichtete nun weiter von der Geschichte, an der sie zurzeit arbeitete, aber er hörte
nur mit halber Aufmerksam zu. Ihr Augenaufschlag hatte ihn einmal mehr berührt. So entfuhr es ihm:
„Wenn ich in Deine AUGEN BLICK
wird mir warm ums Herz
und ich spür im AUGENBLICK,
dass ich auf Deiner Wette ticke.“
Nun war auch Sie AUGENBLICKS angenehm berührt, und sie umarmten sich länger als einen AUGENBLICK!
Von Verena Hess
Letzte Woche habe ich für mich abgetastet, welche Augenblicke mein Leben plötzlich verändert haben könnten und bin dabei auf nichts wirklich Schreibwürdiges gestossen.
Im letzten Moment plötzlich fiel mir das Bild eines Ausflugs ein, der sich damals stimmungsmässig durch einen Augenblick, durch den Velosturz einer
Freundin absolut verändert hatte.
Unsere Gruppe – fünf befreundete Ehepaare – trifft sich am Bahnhof SBB. Wir sind alle in ausgesprochen fröhlicher und aufgestellter Stimmung. Das Wetter schien gut zu werden. Für
uns alle ist es eine Premiere, ohne Kinder fort zu fahren. Unsere Heranwachsenden sind entweder auf Interail oder bei Freunden untergebracht. Wir Eltern fühlen uns entsprechend vogelfrei, wieder einmal unabhängig und darum sehr jugendlich, fast im besten Alter, so
plus/minus 50.
Schnitt.
Schon drei Tage sind wir nun unterwegs und für heute steht – nach einem anstrengenden gestrigen Tag – eine prachtvolle Abfahrt bevor. Entsprechend geniessen wir gutgelaunt das z‘Morge. Wir bereiten unsere Velos vor und fahren los. Man fühlt sich als Gemeinschaft und ist sich gegenseitig zugetan. Während der rassigen Abfahrt rufen wir uns übermütig Scherzworte zu. Die quirlige Marlis will ihrer Vorderfrau etwas erzählen und schert darum kurz aus der Reihe aus. Von hinten tönt es, schreit jemand, sie solle in der Kolonne fahren. Marlies will sich wieder eingliedern und kommt ins Schlittern. Von hinten nähert sich ein PW. Da passiert es. Marlis stürzt. Der PW stoppt, streift aber Marlis knapp. Die Aufregung ist riesig. Marlis muss von einem Krankenwagen ins nächste Spital gefahren werden. Wir alle sind in unglaublich aufgelöster,weicher und hilfsbereiter Stimmung. Wir fahren zur nächsten Unterkunft und vereinbaren noch eine Zeit fürs gemeinsame Nachtessen.
Schnitt.
Und nun sitzt dieselbe, beim Morgenessen noch so aufgestellte Gruppe in der Hotelbeiz und blättert verlegen in der Speisekarte. Man fragt wohl nach Marlis und erfährt, es gehe ordentlich. Marlis habe keine inneren Verletzungen, lediglich einen einfachen Armbruch und starke Schürfungen. Ihr Mann organisiert sich eine weitere Übernachtung und wird dann einen Tag später Marlis abholen und mit ihr nach Basel fahren. Alle andern gehen Morgen, da sie wieder arbeiten müssen. Die Hilfsbereitschaft ist nicht mehr so spürbar, das Gemeinschaftsgefühl am Auseinanderfallen. Traurig, aber es ist so. Alle scheinen gedanklich schon bei ihrer Arbeit. Das Gespräch wird zunehmend schwieriger. Man sucht ein anderes Thema und findet es, leider in einer bevorstehenden Abstimmung zu einer SVP-Initiative, natürlich übers polarisierende Ausländerthema. Erneut harzt das Gespräch, bis ein SVP-nahes
Ehepaar findet, wir andern liebten eben die Schweiz nicht. Dieser Satz löst viel aus. Vielleicht war auch der Tag anstrengend. Jedenfalls geht man schlafen, ohne sich wieder gefunden zu haben. Am nächsten Tag fährt die Restgruppe ohne Marlis und Partner im Zug getrennt sitzend nach Basel zurück.
Von Vreni Indlekofer
Ein Auge, ein Blick – ein Augenblick.
Morgens um vier erwache ich und durch den Kopf schiessen die beiden Wörter „Auge“ und „Blick“. Was soll das nur heissen? Ich liege ruhig da und denke nach: Was soll es wohl bedeuten? „Auge“ und „Blick“. Ach, was soll ich nur mit diesen beiden Wörtern anfangen?
Im Augenblick sehne ich mir nach Ruhe. Aber Ruhe heisst: Studiere weiter, was du damit anfangen sollst. Nach einer kurzen Pause dreht es weiter in meinem Kopf. Ich denke an die vielen schönen Momente in meinem Leben, es gibt auch ein Lächeln zwischendurch, wenn ich an meine beiden Kinder denke.
Als sie beide zum ersten Mal in einem Ferienlager waren, haben sie oftmals Tomaten und Zucchetti zum Zmittag bekommen. Patrick hat sich zu Hause jeweils geweigert, Tomaten zu essen. Im Lager sassen dann etwas zwölf Kinder am Esstisch und praktisch keines der Kinder wollte den Zmittag essen. Es gab ein Geschrei und Gejammer an dem Tisch. Patrick sei dann aufgestanden – dies hat uns der Lagerleiter erzählt –, sei rund um den Tisch gelaufen und habe allen das Tomatengemüse vom Teller gegessen, bis wieder Ruhe eingekehrt sei am Tisch. Was für ein Augenblick! Da wäre ich gern dabei gewesen.
Ein zweites Mal kam eine Karte von dort zu uns nach Hause. Da hat Patrick, der Erstklässler, geschrieben: „Muttele hat gegrinnt, aber jetzt ist sie wieder mutter.“ Auch das war ein schöner Augenblick.
Wieder nach Hause zurückgekehrt, bin ich mit Barbara in die Stadt einkaufen, und die kleine Barbara hat lautstark durch das Tram gesungen: „Gott ist die Liebe“ und andere fromme Lieder. Auch das war ein Augenblick, bei dem ich heute noch lächle. Der Gesang mit den frommen Liedern war mir etwas peinlich, aber abstellen konnte ich ihn nicht, diesen auch etwas peinlichen Augenblick.
Noch schlimmer wurde es in der chemischen Kleiderreinigung. Als die Angestellte uns die Kleider abnahm, entdeckte ich deren Fingernägel. Die Farbe war abgesplittert, die Nägel abgebrochen, und dann sah ich, wie Barbara auf die Nägel starrte. – „Oh Mama, schau mal, diese Nägel sehen schrecklich aus, die sollten dringend gereinigt und gekürzt werden!“ Sie hatte ja recht, aber sagen hätte sie es nicht dürfen. Es war grad nochmals ein peinlicher Augenblick.
Diese Augenblicke mit meinen Kindern sind immer sehr schön und ich kann noch heute darüber lächeln.
Von Madeleine Bollinger
Ende der 50er-Jahre hatten wir einen alten Occasions-VW, mit welchem ich Fahrlehrstunden absolvierte. Ich gab mir sehr Mühe, da die Lehrstunden teuer waren, 12 Franken. Ich hatte einen sehr guten und fairen Fahrlehrer, der mich nach 13 Stunden zur Prüfung anmeldete. Er hoffte, dass ich nicht dem pensionierten, strengen Beamten als Prüfer zugewiesen würde. Dieser war bekannt, dass er fast alle Frauen beim ersten Prüfungsfahren durchfallen liess.
Das Aufgebot kam, und der Prüfer war eben dieser ältere Herr am Neuweilerplatz. Mein Fahrlehrer fuhr mich dorthin und schärfte mir ein, dass ich beim Fragen nach der Anzahl Fahrstunden unbedingt 20 und nicht nur 13 angeben müsse. Ich begab mich also in die Wohnung des Prüfers. Seine Frau begrüsste mich und führte mich in die gute Stube, wo
gemütlich Herr W. bei Kaffee und Kuchen sass. Wir tranken zusammen Tee, und so nebenbei musste ich die Theoriefragen beantworten. Das ging gut, und wir begaben uns zu meinem Auto zur praktischen Prüfung. Herr W. zwängte sich mühsam auf den Beifahrersitz des kleinen Wagens, und los ging's. Nicht gerade über Stock und Stein, aber mein Beifahrer wusste alle Stellen, wo man einen Fehler begehen konnte. Er fragte mich nach der Anzahl
Fahrstunden, und ich log brav: 20. «Nicht gerade viel» brummte er.
Alles ging gut. Dann kamen wir in die Nähe der Pauluskirche. Plötzlich zeigte Herr W. ganz aufgeregt zu einem Haus und sagte: «Jesses, die Frau dört obe fallt no us em Fänschter, so wie die sich uuselähnt.» Aber meine Augen blickten stur geradeaus, und ich sagte: «Ich ka jetzt nit uffe luege, ich muess fahre» – Die Antwort von Herrn W.: «Sie haben die
Prüfung bestanden. Sie können mich nach Hause fahren.»
Von Randolph Christen
Ich bemerke oft, wie meine Gedanken in alle Richtungen wandern. Ein Teil von mir blickt zurück auf die Vergangenheit, auf Entscheidungen, die ich anders hätte treffen können, auf Chancen, die ich verpasst habe. Ein anderer Teil richtet sich auf die Zukunft, auf Aufgaben, die bevorstehen, und auf Herausforderungen, die mir Sorgen bereiten. In diesen Momenten bin ich überall, nur nicht im gegenwärtigen Augenblick.
Ich merke, wie sehr mich diese ständige Bewegung zwischen Gestern und Morgen belastet. Die Trauer über Vergangenes und die Angst vor Kommendem nehmen Raum ein, den ich eigentlich für das Heute bräuchte. Deshalb versuche ich, meine Aufmerksamkeit bewusst auf den aktuellen Moment zu lenken. Auf den Tag, der gerade stattfindet, und auf den Augenblick, der sich jetzt entfaltet.
Durch Introspektion beobachte ich meine Gedanken und Emotionen, ohne sie zu bewerten. Ich versuche wahrzunehmen, was tatsächlich in mir geschieht, und nicht, was hätte sein können oder sein könnte. Dabei hilft mir mein Atem. Ein Atemzug nach dem anderen, ruhig und gleichmässig. Wenn ich ihn beobachte, komme ich dem gegenwärtigen Augenblick näher. Für einen Moment bin ich einfach da.

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